Rücktritt

Blatter geht – der Schlamassel bleibt

Wie geht es mit der Fifa weiter nach der Ära Blatter?

Wie geht es mit der Fifa weiter nach der Ära Blatter?

Nach 17 Jahren an der Spitze kündigt Fifa-Präsident Sepp Blatter seinen Rücktritt an. Wer denkt, damit würden auch die Probleme verschwinden, irrt. Eine Chance zum Neuanfang ist es trotzdem.

Es ist ein Bild voller Mystik. Joseph S. Blatter tritt ab. Durch die Tür. Ins grelle Licht. So, als würde er ins Jenseits schreiten. So, als wäre sein Leben mit dem gestrigen Tag zu Ende. Natürlich lebt Blatter weiter. Aber seit gestern Abend kurz vor 19 Uhr ist klar, sein Ende als Fifa-Präsident rückt näher. Nach schwierigen Tagen, in denen wieder und wieder heftige Stürme über die Fifa zogen , kündigt der 79-Jährige seinen Rücktritt an.

Vier Tage nur sind vergangen, seit die 209 Fifa-Delegierten Blatter in Zürich eine fünfte Amtszeit anvertrauten. Natürlich erhielt er mit den bloss 133 Stimmen einen Denkzettel. Aber das schien Blatter nicht zu kümmern. «Let’s go Fifa! Let’s go Fifa!» rief er durchs Hallenstadion. Voller Euphorie. Voller Enthusiasmus. Voller Überzeugung, seinen Weg mit seiner Fifa weitergehen zu können, ja zu müssen. So, als wäre es gottgewollt.

Nun musste Blatter doch noch einsehen: Dieser Weg ist zu Ende. Es ist ein überraschender Abgang, den niemand erwartet hat. Die Einsicht spricht für Blatter. Aber wenn es ihm wirklich um die Fifa und die Fussballwelt gegangen wäre, hätte er sein Amt vor der Wiederwahl niedergelegt. Dann hätte er auf diese letzte One-Man-Show verzichtet. Das hätte vieles vereinfacht, sein Nachfolger hätte sofort mit seiner Arbeit beginnen können.

Sepp Blatter tritt zurück: Das gibt der Fifa-Präsident an einer kurzfristig einberufenen Medienkonferenz am Dienstag bekannt.

Sepp Blatter tritt zurück: Das gibt der Fifa-Präsident an einer kurzfristig einberufenen Medienkonferenz am Dienstag bekannt.

«Ich bin relaxed!» – Oder ist Blatter doch korrupt?

Die Frage, warum Blatter zurücktritt, ist noch nicht abschliessend zu beantworten. Übernimmt er schlicht die Verantwortung für das, was in seiner Regentschaft seit 1998 alles an Skandalen über die Fifa niederprasselte? Bekommt er kalte Füsse, weil er merkt, dass sich die Schlinge um die Fifa immer weiter zuzieht? Oder ist er am Ende doch selber in die Skandale verwickelt? So, wie das seine Kritiker in aller Welt vermuten. Gerichtlich bewiesen ist bislang lediglich Blatters Mitwissenschaft bei Schmiergeldzahlungen. Wobei dies zumindest moralisch genauso verwerflich ist.

Blatter erlebt gerade die schlimmsten Tage, seit er im Sommer 1975 bei der Fifa mit seiner Mission begann. Mit der amerikanischen Justiz hat ein übermächtiger, globaler Player eingegriffen. Mit aller Macht treibt das FBI die Ermittlungen in den Korruptions-Fällen voran. So richtig nahm dies die Öffentlichkeit erstmals am letzten Mittwoch wahr, als in Zürich sieben Fifa-Funktionäre aus dem Hotelbett direkt ins Gefängnis verfrachtet wurden – inszeniert vor der gesamten Weltpresse. Blatter reagierte genau gleich wie schon so häufig: als ginge ihn das alles nichts an. Er sei «relaxed», richtete der Fifa-Mediensprecher aus. Es hagelte Hohn und Spott aus aller Welt.

Die tiefe Überzeugung weicht plötzlicher Resignation

Nun ist aus Blatters Überzeugung von sich und seiner Mission innert kürzester Zeit Resignation geworden. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat, ist mutmasslich die Nachricht, dass auch sein Generalsekretär, Jerôme Valcke, in den jüngsten Skandal verstrickt ist. Er soll in Zusammenhang mit der WM-Vergabe an Südafrika eine Schmiergeldzahlung von 10 Millionen Dollar genehmigt haben.

Wer nun denkt, die Probleme der Fifa würden verschwinden mit Blatters Rücktritt, irrt gründlich. Natürlich ist Blatter als Chef der Hauptverantwortliche für den Schlamassel der letzten Jahre. Aber die Fifa ist bis in die äussersten Äste krank. Es braucht einen kompletten Neuanfang. Das müssen gerade die Kritiker aus Deutschland und England dringend realisieren. Zu oft ist in letzter Zeit der Eindruck entstanden, es ginge ihnen eher um Blatters Kopf als um eine ernsthafte Revolution. Gerade die Uefa unter der Führung von Blatters Intimfeind Michel Platini hat in den letzten Wochen ein jämmerliches Bild abgegeben.

Wie geht es nun weiter? Die Fifa sollte die Chance zum Neuanfang nutzen. Am besten tut sie das mit einem Übergangspräsidenten, wie es beispielsweise der Schweizer Strafrechtsexperte und ehemalige Fifa-Reformator Mark Pieth empfiehlt. Dieser Präsident könnte ab Dezember in dreieinhalb Jahren Reformen vorantreiben und würde sich nicht darauf konzentrieren, die eigene Macht zu zementieren. Es bliebe Zeit, einen langfristigen Nachfolger zu suchen. Vielleicht kann so die Fussballwelt eines Tages wieder lächeln. Zumindest ein bisschen.

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