Fifa-Skandal
Blatter, der Überirdische: Oberhaupt von 1,6 Milliarden Menschen

Der Fifa-Präsident ist nicht angeklagt. Im Zentrum des Skandals steht er trotzdem. Eine Annäherung an das System Blatter.

François Schmid-Bechtel
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Fifa-Boss Joseph S. Blatter: «Ich bin die einzige Person, die von jedem Staatschef persönlich empfangen wird.»

Fifa-Boss Joseph S. Blatter: «Ich bin die einzige Person, die von jedem Staatschef persönlich empfangen wird.»

KEYSTONE

Sieben Fifa-Funktionäre werden im Zürcher Nobelhotel Baur au Lac verhaftet und in Auslieferungshaft gesetzt. Sie stehen im Verdacht, Bestechungsgelder in Millionenhöhe angenommen respektive bezahlt zu haben, und sollen an die USA ausgeliefert werden. Kurze Zeit später taucht die Bundesanwaltschaft im Fussball-Machtzentrum auf dem Zürichberg auf. Trotzdem sagt Fifa-Sprecher Walter De Gregorio: «Das ist ein guter Tag für die Fifa.» Warum? Weil Präsident Sepp Blatter von der gestrigen Polizeiaktion nicht betroffen ist. Und weil der Weltfussballverband – wie so oft, wenn er Ärger am Hals hat, – von der Täter- in die Opferrolle schlüpft.

Am 18. November 2014 habe die Fifa Strafanzeige bei der Bundesanwaltschaft eingereicht. Es sei dabei um die Vergabe der WM 2018 in Russland und 2022 in Katar gegangen, so De Gregorio. «Obwohl es zeitlich suboptimal ist, begrüsst die Fifa diesen Prozess und kooperiert mit den beteiligten Behörden. Die Fifa ist in dieser Untersuchung die Hauptgeschädigte. Es gibt auch keine Hausdurchsuchung, sondern die Bundesanwaltschaft ist hier am Hauptsitz, weil die Fifa mit ihr kooperiert.»

Aber vor allem ist es ein guter Tag für die Fifa, weil Sepp Blatter am Freitag wieder gewählt wird. Denn der 79-jährige Walliser war bis dato clever genug, sich nicht schmieren zu lassen, und hat deshalb von der Justiz nichts zu befürchten. Andererseits hat er in der Fifa ein System errichtet, das auf Abhängigkeiten beruht. Er drückt beide Augen zu und dreht den Kopf weg, wenn Gelder in den Taschen korrupter Funktionäre versickern. Wenn er doch mal einen fehlbaren Funktionär suspendieren muss, erbt einer dessen Platz, der mit dem System längst vertraut ist. Das Spiel geht von vorne los. Und Blatter erhält als Dank ihre Stimme bei den Wahlen.

Unsere Welt – und die andere

Saddam Hussein war schlecht. Wladimir Putin ist schlecht. Baschar al-Assad ist schlecht. Und Sepp Blatter ist auch schlecht. Zumindest nach unseren Wert- und Moralvorstellungen. Deshalb ist es für uns unverständlich, dass Blatter der mächtigste Fussballfunktionär der Welt ist und bleiben wird.

Aber es gibt noch eine Welt hinter unserem Horizont. Eine Welt, die andere Sorgen als Transparenz, Ethik, Moral und Menschenrechte hat. Eine Welt, in der Blatter wie ein Messias verehrt wird. Eine Welt, in der er sich ebenso gekonnt in Szene setzt wie in seiner prunkvollen Fifa-Trutzburg auf dem Zürichberg. Jérôme Champagne, ehemaliges Fifa-Direktionsmitglied, sagt im «Tages-Anzeiger»: «Blatter ist ein Europäer mit einem Gewissen für die Welt.»

Es ist unsere Welt, die Blatter in den Ruhestand katapultieren will. Es ist die andere Welt, die morgen Freitag dafür sorgen wird, dass Blatter eine fünfte Amtszeit als Fifa-Präsident in Angriff nehmen kann. Und wir fragen uns: Wie schafft es dieser kleine Mann mit der Glatze und den zu langen Haaren im Nacken immer wieder, Korruptionsskandale, Bestechungsvorwürfe und Anschuldigungen wegen Menschenrechtsverletzungen unbeschadet zu überstehen? Oder: Was ist nur mit der anderen Welt los, dass sie Blatter blind vertraut?

«Blatter ist ein Visionär. Wie es vor ihm vielleicht Winston Churchill, Nelson Mandela, Abraham Lincoln oder Mutter Teresa aus Kalkutta waren.» Osiris Guzman, Präsident des Fussballverbandes der Dominikanischen Republik, sagt das, obwohl er von der Fifa schon wegen Korruption suspendiert worden ist. «Blatter hat die Schatullen für die Verbände geöffnet, die es brauchen. Das freut uns. Und deshalb soll er weitermachen», sagt Rafael Callejas, Präsident des honduranischen Fussballverbandes.

Sein Reich ist grösser als China

Die Fifa nimmt, die Fifa gibt. Zumindest, seit Blatter 1998 ihr Präsident geworden ist. Bei einem Kongress auf den Bahamas sagte Blatter: «Wir haben in der Fifa 1,6 Milliarden Menschen. Das bedeutet, dass die Fussball-Familie die grösste der Welt ist. Denn die nächste danach ist China mit 1,3 und Indien mit 1,2 Milliarden. Und wir können etwas beitragen, um die Welt besser zu machen. Wir sollten die Idee des Friedens mittragen. Seid doch etwas mehr für Frieden.»

Wer so spricht, ist nicht mehr von dieser Welt. Aber kann einer, der sich als Oberhaupt von 1,6 Milliarden Menschen versteht, überhaupt noch von dieser Welt sein? Nein, sagt die amerikanische Antikorruptionsexpertin Alexandra Wrage: «Blatter vermittelt gerne den Eindruck, einen Staat zu führen. Er sagte mir einst: Sie müssen verstehen, ich bin die einzige Person in der Welt, die in jedem Land auftauchen kann und vom Staatschef persönlich empfangen wird.»

Noch ist Blatter selbst nie Korruption nachgewiesen worden. Mark Pieth, Ordinarius für Strafrecht und von 2011 bis 2013 Reformer bei der Fifa, sagt: «Blatter ist vorsichtig. Aber das Fifa-System hat zwei Schwachstellen. Einerseits sind 209 Nationen vereint, die alle ihre Probleme in die Fifa hineintragen. Andererseits besteht ein Patronage-System mit Blatter an der Spitze. Er hat es in der Hand, Gefälligkeiten und Ämter zu verteilen.»

Der Geruch der Bestechung

Szenenwechsel. Katar. Ausrichter der WM 2022, obwohl die Bewerbung als die schlechteste eingestuft worden ist. Blatter sprach davon, dass die WM im Golfstaat ein Katalysator für positive Veränderungen sei. Doch die Realität sieht anders aus. In den Baracken der Arbeiter aus Nepal und Bangladesch herrschen erbärmliche Zustände. 12 bis 16 Männer teilen sich 20 Quadratmeter Wohnfläche. Die Klimaanlage ist defekt. Der Lohn zirka 200 Euro pro Monat. Wobei die ersten drei Gehälter in die Taschen der Leute fliessen, welche die Reise dieser Arbeiter organisiert haben.

Theo Zwanziger, Fifa-Exekutivmitglied, bedauert, dass die Fifa ihre humanitären Aufgaben nicht ernst nimmt: «Man kann jetzt nicht sagen, es hätte sich gelohnt, die WM in Katar zu spielen. Denn die Menschenrechtssituation hat sich nicht verbessert. Die meisten in der Fifa schweigen zu diesem Thema oder sagen, es gehe sie nichts an.» Sharan Burrow, Generalsekretärin des internationalen Gewerkschaftsbundes, rechnet mit 4000 Toten auf Katars Baustellen.

Doch über der WM in Katar hängt ein Geruch, den auch Blatter riecht: der Geruch der Bestechung. Phadra Almajid, ehemalige Kommunikationschefin der katarischen WM-Bewerbung, erzählt gegenüber den Machern des ARD-Dokfilms «Der gekaufte Fussball», wie in der angolanischen Hauptstadt Luanda drei Exekutivmitglieder gekauft wurden. «Wir haben den Mitgliedern des Exekutivkomitees Geld angeboten. Im Gegenzug sollten sie Katar ihre Stimme geben. Das erste Angebot lag bei 1 Million Dollar. Das wurde nicht akzeptiert. Also ging es hoch auf 1,5 Millionen Dollar. Das war dann okay. Es war bizarr. Es scheint einfach zu sein, jemanden zu bestechen.» Und wer waren die drei Exekutivmitglieder? «Hayatou, Anouma und Adamu.»

«Die meinen es nicht ernst»

Konfrontiert mit Korruptionsvorwürfen rund um die Vergaben der Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar kündigte die Fifa Reformen an. Es gelang der Fifa, dafür Alexandra Wrage zu gewinnen. Aber nicht für lange. «Als sie jede Transparenz um die Gehälter ablehnten, merkte ich, dass sie es mit wirklichen Veränderungen nicht ernst meinen und nur auf Reputation aus waren», sagt die Antikorruptionsexpertin. Derweil frohlockte Blatter: «Die Entscheidung vom Dezember 2010 steht. Die WM-Wahl wird nicht wiederholt. Die Krise ist beendet. Und wir haben wieder Einigkeit in unserer Regierung. Und das ist so wichtig. Und ich glaube an Gott. Und ab und an spricht er zu mir, dass ich direkt zum Vatikan gehen kann, zum Fussballer Franziskus.»

Ägypten. Kongress des afrikanischen Fussballverbandes. Oder Blatter unter Freunden. Mit von der Partie sind auch Amos Adamu aus Nigeria, Issa Hayatou aus Kamerun und Jacques Anouma aus der Elfenbeinküste. Also jene drei Männer, die für je 1,5 Millionen Dollar Katar ihre Stimme gegeben haben. Adamu ist ein Rückkehrer. Er hat schon einmal seine Stimme verkauft, flog auf und durfte drei Jahre lang keine Ämter im Fussball bekleiden. Zu den jüngsten Anschuldigungen sagt er: «Ich war noch nie in Luanda.» Dumm, dass es Fernsehbilder von jenem Kongress in Luanda gibt, die Adamu zeigen.

Auch Hayatou, seit 25 Jahren treuer Stimmensammler Blatters in Afrika, ist ein Wiederholungstäter. Nach einem früheren Korruptionsfall wurde er vom Internationalen Olympischen Komitee mit einem Verweis bestraft. Von seinem Freund Sepp indes musste er keine Folgen befürchten. Als Blatter von den ARD-Dokfilmern gefragt wird, wie er mit Leuten wie Hayatou Reformen durchführen wolle, gerät er in Rage: «Dies ist eine ekelhafte Erklärung von Ihnen. Ich spreche hier über Fairplay und Solidarität.»

Szenenwechsel. Moskau. Nach den Olympischen Winterspielen von Sotschi erhält Wladimir Putin mit der Fussball-WM ein weiteres PR-Vehikel. Der kriegerische Konflikt mit der Ukraine, die Wirtschaftssanktionen des Westens – für die Fifa nicht der Rede wert. «Wir garantieren, dass wir allen Forderungen der Fifa entsprechen werden», sagt der Sportminister Vitali Mutko. «Deshalb haben wir ein Fifa-Gesetz eingeführt. Dieses hilft uns, die mit der Fifa getroffenen Abmachungen einzuhalten.»

Und das sagt Blatter? «Es ist Zeit, Russland Danke zu sagen. Und lassen sie uns über Boykotte reden. Die Fussball-Weltmeisterschaften sind keine Olympischen Spiele. Die WM ist Fussball. Und Fussball wird nicht boykottiert. In keinem Land der Welt.»

Und Blatter selbst? Wird er boykottiert. Sicher nicht von der eigenen Familie. Aber zu seiner Familie gehören nicht die 1,6 Milliarden Fussballer, von denen er spricht. Seine Familie ist eine kleine, aber mächtige Organisation, die in der Dunkelkammer Säuhäfeli-Säudeckeli spielt.

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