Fussball

Blackbox Petrovic: Kommt das Wagnis mit dem neuen Nati-Trainer gut?

Der neue Nati-Coach Vladimir Petkovic beim Training in Freienbach SZ.

Der neue Nati-Coach Vladimir Petkovic beim Training in Freienbach SZ.

Eins zu Sechsundzwanzig. Vladimir Petkovic sieht gegen seinen Vorgänger Ottmar Hitzfeld ziemlich alt aus – zumindest punkto Titelgewinnen. Die Schweizer Nati ist so verwundbarer geworden – das ist gut so.

Allein diese Zahlen belegen, dass die Ernennung von Petkovic ein Wagnis war. Kein allzu grosses, weil Frankreich zur nächsten EM fast die Hälfte aller europäischen Verbände zu sich nach Hause einlädt. Trotzdem: Petkovic ist ein Wagnis, weil die Schweizer Fussball Nationalmannschaft ohne Schutzschild «Welttrainer» verwundbar geworden ist.

Hitzfeld hat als Nationaltrainer nie übers Ziel hinaus geschossen. In sechs Jahren war der Einzug in den WM-Achtelfinal sein grösster Erfolg. Berauschend ist das nicht. Zeitweise kontrastierte die Performance mit dem Potenzial.

Beispielsweise während der letzten EM-Qualifikation, die die Schweiz hinter England und Montenegro nur auf Platz 3 beendete. Gleichwohl zogen sich das Nationalteam und vor allem ihr Trainer Hitzfeld unbeschadet aus der Affäre. Womit wir wieder beim Thema Welttrainer angelangt sind. Kraft seiner 26 Titel war Hitzfeld unantastbar.

Der Schutzschild «Welttrainer» bot aber nicht nur ihm alleine Platz, sondern auch den Spielern, den Sponsoren und den Leuten im Fussball-Verband. Die Gleichung war einfach: Für die Schweiz gibt es keinen besseren Trainer als Hitzfeld – also liegt auch nicht mehr drin als ein WM-Achtelfinal.

Petkovic muss schnell Erfolg haben

Vladimir Petkovic bewegt sich nicht wie sein Vorgänger innerhalb eines Abwehrrings. Das wird er zu spüren bekommen, sollte er nach dem Heimspiel gegen England und dem Auswärtsspiel in Slowenien ohne Sieg da stehen.

Aber nicht nur Petkovic ist verwundbar, sondern auch der Nati-Delegierte Peter Stadelmann. Dieser befand sich auf der Suche nach dem neuen Nationaltrainer auf einem Egotrip. Weil Stadelmann Ostschweizer ist und lange im FC St. Gallen gewirkt hat, beschränkte sich seine Suche auf Leute mit Ostschweizer Hintergrund. Respektive sie beschränkte sich nur auf einen Namen: Marcel Koller, der 2000 mit St. Gallen Meister geworden ist.

So entstand der Eindruck, es gäbe nur einen valablen Kandidaten für die Schweiz – zumindest aus Stadelmanns Optik. Hinterher stellte sich heraus, dass Koller den Flirt mit Stadelmann nur benutzte, um seinen Lohn in Österreich in die Höhe zu treiben.

Nach Kollers Absage öffnete Stadelmann nicht den Fächer, sondern schwenkte auf Petkovic um. Dabei hat Petkovic keine Vergangenheit als Trainer beim FC St. Gallen. Aber er hat mit Vinicio Fioranelli und dessen Sohn Jesse Berater, die in der Ostschweiz tätig sind und mit den furiosen Auftritten ihres Schützlings Ivan Zamorano im Espenmoos etliche Deals mit dem FC St. Gallen abgeschlossen haben.

Funktionäre mit hohen Zielen

Geht das Wagnis mit Petkovic nicht auf, muss auch Stadelmann für seine eindimensionale Evaluation den Kopf hinhalten. Doch daran denkt der Anwalt aus Flawil offenbar nicht, sonst würde er defensiver kommunizieren. Die Selbstzufriedenheit sei eine Gefahr, sagt er. «Es ist Zeit, sich neue Ziele zu setzen. Irgendwann einmal ist ein Viertelfinal fällig.»

So hat der überschwängliche Empfang unserer Nati im Hallenstadion nicht nur positive Gefühle bei Stadelmann ausgelöst. «Würde Didier Cuche nach einem fünften Platz in der WM-Abfahrt mit einem grossen Empfang gefeiert? Sicher nicht!»

Von Petkovic erwartet Stadelmann, dass die Nationalmannschaft einen weiteren Schritt nach vorne macht. Von Petkovic erwartet er, dass dieser beim Stand von 0:0 gegen Argentinien nicht den defensiven Gelson Fernandes für den offensiven Granit Xhaka einwechselt. Kurz: Von Petkovic erwartet er mutigere, unberechenbarere Auftritte als unter Hitzfeld.

Der Schutzschild «Welttrainer» ermöglichte es dem Nationalteam, sich in die Komfortzone zurückzuziehen. Dass dieser Schutz nun wegfällt, muss kein Nachteil sein. Im Gegenteil. Wenn sich keiner mehr hinter dem Welttrainer verstecken kann, kommt vielleicht etwas mehr des wahren Wesens dieser Nationalmannschaft zum Vorschein. Ein Wesen, das mit der selbstbewussten, kompromiss- und furchtlosen Art von Vladimir Petkovic eher kompatibel ist als mit dem kopflastigen, auf Sicherheit bedachten Ottmar Hitzfeld.

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