Eishockey

Bilanz nach einem Jahr: Was vom Kreischen übrig blieb

Florence Schilling mit ihrer Bronze-Medaille (Archivbild)

Florence Schilling mit ihrer Bronze-Medaille (Archivbild)

Ein Jahr nach Sotschi: Das Bronzemärchen des Olympia-Frauenteams jährt sich heute erstmals – was hat es wem gebracht? Was ist übrig geblieben von der damaligen Euphorie?

Es war einer der emotionalsten Momente der Olympischen Spiele in Sotschi. Am 20. Februar 2014 drehten die Schweizer Eishockeyanerinnen im Spiel um Platz 3 gegen Schweden einen 0:2-Rückstand und gewannen die Bronzemedaille. Dieser Erfolg war ein Musterbeispiel für Teamgeist, unerschütterlichen Glauben und aufrichtige Freude über etwas Unerwartetes.

Aufregung und Überwältigung der Spielerinnen offenbarten sich in rührenden Formen. Die Kameras zeigten weit aufgerissene Augen und seliges Dauergrinsen, die Mikrofone fingen sich überschlagende Sätze ein. Und immer wieder: das Kreischen als letzter Kanal für die überschüssige Freude.

Mit einem Mal waren die Frauen in der breiten Öffentlichkeit ein Thema. Dass sie nur zwei Jahre zuvor bereits WM-Bronze gewonnen hatten, war nur Insidern bekannt. Und ein Jahr danach? Was ist übrig geblieben von der Euphorie, die Swiss-Ice-Hockey-Präsident Marc Furrer in Sotschi das Zitat abrang, «der Verband wird das Faueneishockey künftig fördern»? Was konkret ist unternommen worden und was ist geplant?

Vorweg: Nie haben mehr Frauen und Mädchen in der Schweiz Eishockey gespielt als heute. Auf die Saison 2014/15 hin wurde bei den Lizenzen die 1000er-Marke geknackt. Das Fraueneishockey bewegt sich hierzulande auf zwei nicht unabhängigen, aber weit auseinanderliegenden Ebenen, die gesondert betrachtet werden müssen:

Die U18-Equipe – wie die A-Auswahl unter den Weltbesten – bekam den Aufschwung von Sotschi am stärksten zu spüren: Zuvor musste jede Spielerin an einem Zusammenzug (exklusive WM) 50 Franken aus der eigenen Tasche aufbringen – pro Tag. Das machte bei etwa 50 Tagen jährlich über 50 000 Franken für das Team.

Das ist Vergangenheit, heute kommt der Verband dafür auf. Ausserdem wurden die Spesen für den Staff erhöht. Diese Massnahmen seien nur dank des Erfolgs von Sotschi ergriffen worden, zeigt Florian Kohler auf, der Geschäftsführer von Swiss Ice Hockey (SIHF). Darüber hinaus erhalten auch die U15-Equipe und die U13-Regionalauswahlen mehr Mittel.

Was die A-Auswahl anbelangt, sind die Möglichkeiten für mehr Unterstützung ausgereizt, sagt Kohler. Der Grund dafür ist, dass sie schon in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele grosszügig unterstützt worden sei und sich seither in derselben Budgetklasse wie das U20-Team der Männer bewege, was einem hohen sechsstelligen Betrag entspreche.

Darüber hinaus hat sich aber etwas getan: Der Verband hat die Werbung für die Frauenequipe ausgebaut, kürzlich fand in Schaffhausen das zweite Länderturnier der Saison in der Schweiz statt. Zuvor wurde nur eines pro Spielzeit organisiert.

Unverhofftes Glück: Stürmerin Evelina Raselli (vorn) jubelt nach der Medaillenvergabe in Russland.keystone

Unverhofftes Glück: Stürmerin Evelina Raselli (vorn) jubelt nach der Medaillenvergabe in Russland.keystone

Die Frauen kosten nur

Das Grundproblem für den Verband liegt in der Erfolgsrechnung: Das Frauenteam trägt im Gegensatz zu den Männern in der Regel nichts zur Ertragsseite bei, sondern nur zur Aufwandseite. Eine Möglichkeit für Swiss Ice Hockey, um mit den Frauen Einnahmen zu generieren, wären eigene beziehungsweise zusätzliche Sponsoren für deren Nationalteams. Florian Kohler sagt, dass das nur infrage käme, wenn unter dem Strich die Rechnung stimmte.

Derzeit ist der Sportdachverband Swiss Olympic (SO) sozusagen der Hauptsponsor. Der Beitrag für das Fraueneishockey zugunsten von Swiss Ice Hockey beträgt 180 000 Franken jährlich. Für die Olympiakampagne investierte SO erstmals gezielt in die A-Nationalmannschaft, sagt Christof Kaufmann, Leiter Marketing und Kommunikation.

Dank der jüngsten Erfolge ist das Fraueneishockey in der Einstufung der Sportarten im Dachverband gestiegen, was mehr Möglichkeiten für Unterstützungsleistungen mit sich bringt. Davon unabhängig, könnte sich den Eishockeyanerinnen künftig eine exklusive Möglichkeit eröffnen: Kaufmann verrät, dass Swiss Olympic mit ihnen ein vielversprechendes Pilotprojekt ins Auge fasst: SO schafft ein Label für Firmen, die Nationalspielerinnen anstellen und ihnen grosszügige Trainingszeiten einräumen.

Gelänge dies, wäre das in dieser organisierten Form ein Novum in der Schweiz und ein Schritt in Richtung Teilprofessionalisierung.
Von derlei weiterführenden Überlegungen sind die immerhin 36 Vereine hierzulande weit entfernt. Sie kämpfen um jeden Franken Zuwendung, was die Ausbildungssituation und damit die
Zukunft der Nationalteams tangiert.
Angelika und André Weber vom Schweizer Vorzeigeverein ZSC Lions kennen die Situation seit Jahren. Sie ist die Gesamtleiterin der drei Teams (NLA, NLB und Plausch), er sitzt im Verwaltungsrat der GCK/ZSC Nachwuchs AG, wo die Frauenabteilung angegliedert ist.

Als Mitglied der Frauenkommission bei Swiss Ice Hockey sieht André Weber darüber hinaus auch die Verbandsseite. Er stellt fest, dass seit dem Gewinn der Olympiamedaille die Frauen «zwar nicht gleichgestellt sind mit den Männern, aber höher als vorher». Das belegt eine Tatsache: Seit Sotschi sind die Anliegen des Frauenhockeys ein fixes Traktandum an Sitzungen des Verwaltungsrats.

Das bedeutendste Anliegen betrifft die Rekrutierung von Nachwuchsspielerinnen. Swiss Ice Hockey wendet sich mit seinen Aktionen explizit an beide Geschlechter, spezifische Anwerbung bleibt den Vereinen überlassen – oder Einzelnen: Nationalteam-Torhüterin


Florence Schelling, das Aushängeschild des Schweizer Fraueneishockeys, organisierte im vergangenen Herbst in Kloten den ersten «Girl’s Hockey Day». Fast 100 Mädchen kamen, viele davon Anfängerinnen. Ein Riesenerfolg.

Viele Mädchen springen auf dem Weg zu einer Karriere ab. Ein Grund sind die oft späten Trainingszeiten. Bei den ZSC Lions dauern die Einheiten in der Regel von 21.15 Uhr bis 22.30 Uhr. «Das entspricht nicht dem Tagesrhythmus einer 14-Jährigen», sagt André Weber.

Die grösste Hürde aber bleibt das Desinteresse der meisten Männervereine. Sie reduzieren das Frauenhockey auf den Budgetfaktor. Ein Team kostet heute je nach Infrastruktur (Eiskosten) zwischen 35 000 und 45 000 Franken, die sich aus Sicht der Klubs nicht refinanzieren lassen.

Marc Lüthi, Geschäftsführer des reichen SC Bern, sagte noch im Erfolgsdunst von Sotschi, dass Frauenhockey für ihn kein Thema sei. Er hat die Rechnung wohl genau gemacht: Recherchen zufolge ist ihm vor wenigen Jahren die Übernahme eines Frauenteams angeboten worden.

Es liegt an den Männern

Im Nachwuchs bleibt die einzige Chance auf eine vielversprechende Zukunft, dass die Männerklubs ihre Türen weiter öffnen für die Integration von Mädchen in ihren Juniorenteams. Denn Juniorinnenligen sind aus heutiger Sicht undenkbar, weil es einfach zu wenig weiblichen Nachwuchs gibt.

Das ist nicht per se negativ. Viele Nationalspielerinnen werten das Durchsetzen gegen die Jungs als hilfreich für die Entwicklung. André Weber sagt, dass gemischte Teams auch in entlegenen Gegenden der Vorzeigenation Kanada vorkämen. Den entschiedensten Schritt hätten vor ein paar Jahren die Tschechen unternommen.

«Viele Vereine hatten Nachwuchsprobleme. Die Lücken wurden konsequent mit Mädchen aufgefüllt.» Heute haben die Osteuropäer – bei gleich vielen Eisbahnen im Land – über doppelt so viele lizenzierte Spielerinnen wie die Schweiz. Die Resultate lassen sich sehen: Die Tschechinnen feierten kürzlich mit der A-Auswahl und der U15-Equipe Turniersiege in der Schweiz.

Fazit: Auf Nationalmannschaftsebene hat sich das Märchen von Sotschi bereits bezahlt gemacht. An der Basis aber kämpft das Schweizer Fraueneishockey mit den gleichen Krankheiten wie vor dem Medaillengewinn. Wenn überhaupt, können nur anhaltende Erfolge des Nationalteams dafür sorgen, dass mehr Männervereine sich für die Frauen und Mädchen interessieren.

Das Kreischen von Sotschi hallt also noch nach, wenn auch leise. Die nächste Chance, die Lautstärke wieder anschwellen zu lassen, winkt in ein paar Wochen an der Weltmeisterschaft in Schweden. Für die öffentliche Präsenz ist gesorgt: Das SRF zeigt erstmals überhaupt Frauen-WM-Spiele live.

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