Ägypten

Beschwerliches WM-Abenteuer der Handball-Nati und die Erinnerungen an die famosen Fussball-Dänen 1992

Er führt das Schweizer Team an: Handball-Star Andy Schmid.

Er führt das Schweizer Team an: Handball-Star Andy Schmid.

Am Donnerstag sollen die Schweizer Handballer nach Ägypten an die WM reisen. Gleichentags sollen sie auch gegen Österreich antreten. Aber: Schwierige Bedingungen müssen kein schlechtes Omen sein.

Es ist eine Nacht-und-Nebel-Aktion der besonderen Art. Am Dienstag gegen 22 Uhr erfahren die Schweizer Handballer, dass sie doch zur WM nach Ägypten reisen dürfen, weil die USA wegen 18 Coronafällen Forfait erklären mussten. Nur: Es gibt zu diesem Zeitpunkt kein Aufgebot, keine organisierte Reise. Dabei ist das erste Spiel bereits am Donnerstag um 18 Uhr. Die Spieler sind zum Zeitpunkt der guten Nachricht zu Hause.

Die erste Partie ist wohl vorentscheiden

Aber nicht mehr lange. Für den Mittwochmorgen versammelt Nationaltrainer Michael Suter seine Spieler in Schaffhausen, wo sich jeder umgehend einem Coronatest unterziehen muss und sich danach in Isolation begibt.

Derweil wird unter Hochdruck die Reise organisiert. Geflogen kann aber erst, wenn die Testergebnisse vorliegen. Also am Donnerstagmorgen, wenige Stunden vor der Partie gegen Österreich. Notabene jenem Spiel, das wohl entscheidend ist, ob die Schweiz Platz 3 und damit den Einzug in die Hauptrunde schafft. Selbst wenn die Schweizer den letzten Gruppenrang belegen sollten, ist für sie die WM nach dem letzten Vorrundenspiel am Montag nicht vorbei. Die letztplatzierten müssen vom 20. bis 27 Januar die Plätze 25 bis 32 ausspielen – eine grausame Strafaufgabe.

Erinnerungen an die dänischen Kicker von 1992

Der erste Gedanke: Machts doch wie die Dänen. Nachdem die UNO schon Sanktionen gegen Jugoslawien verhängt hatte, zückte nun auch der europäische Fussballverband Uefa die rote Karte und schloss die Balkankicker von der EM in Schweden aus. Dänemark rückte nach, pfiff die Spieler von den Ferien zurück und wurde sensationell Europameister.

Nachgerückt und dann den Titel geholt: Die dänischen Fussballer an der EM 1992. Schaffen das auch die Schweizer Handballer?

Nachgerückt und dann den Titel geholt: Die dänischen Fussballer an der EM 1992. Schaffen das auch die Schweizer Handballer?

Im Gegensatz zu den dänischen Fussballern lagen unsere Handballer bis gestern nicht mit einem Drink in der Hand an irgendeinem Strand. Hingegen blieben den Dänen damals immerhin noch zehn Tage bis zum Turnierstart. Trotzdem wurde im Nachhinein der Coup der Dänen mit ihrer Improvisierkunst und ihrer Unbeschwertheit gepaart mit der dynamischen Spielweise («Danish dynamite») erklärt.

Weder die Schweiz noch Gegner Österreich in Top-Besetzung

Ganz so einfach wird es für die Schweizer Handballer bei ihrer ersten WM-Teilnahme seit 1995 natürlich nicht. Die Gruppengegner Norwegen und Frankreich gehören zu den Turnierfavoriten. Hingegen scheint Österreich in Reichweite zu sein. Umso mehr, als bei unseren Nachbarn mit Nikola Bilyk (46 Tore an der letzten EM) und Janko Bozovic (34 Tore) die zwei besten Rückraumspieler fehlen.

Aber auch die Schweizer reisen nicht in Bestbesetzung nach Ägypten. Der rechte Rückraumspieler Dimitrij Küttel ist an Lymphknotenkrebs erkrankt und hat eben erst mit der Behandlung begonnen. Kreisläufer und Bundesliga-Legionär Lucas Meister ist verletzt.

Immerhin ist der 37-jährige Teamleader Andy Schmid dabei. Der Spielmacher des Bundesliga-Spitzenklub Rhein-Neckar Löwen hatte sich für die kommenden Wochen auf Homeschooling eingestellt. «Ich weiss, dass es wegen der Corona-Situation Argumente für und gegen die WM gibt», sagt Schmid. Er ergänzt:

Ein Denkmal für den Handball-Pharao

Diese WM ist umstritten. Und das wegen einer Person: Hassan Moustafa, 76. Seit 20 Jahren präsidiert der Ägypter die Internationale Handball-Föderation (IHF). Diese WM ist quasi sein Lebenswerk. Nicht umsonst wurde eine der vier Spielstätten nach ihm benannt: Die neu errichtete «Doctor Hassan Moustafa Sports Hall» in der Stadt 6.Oktobers, einem Vorort von Kairo, wo übrigens die Schweizer ihre Gruppenspiele absolvieren. Moustafa ist damit einer der wenigen Menschen, denen zu Lebzeiten ein Denkmal errichtet worden ist.

Diese Eitelkeit verzeiht ihm die Handballwelt. Was hingegen für Aufruhr sorgte, waren Moustafas Pläne, die WM vor Zuschauern spielen zu lassen. Noch letzte Woche wollte er 20 Prozent der Zuschauer-Kapazitäten ausschöpfen. Dies, obwohl die Captains der 14 europäischen Teilnehmer in einem offenen Brief harsche Kritik an seinen Plänen formulierten und etliche hochkarätige Spieler auch aus Angst vor einer Coronaansteckung auf die WM verzichten. Immerhin wurde am Sonntag vermeldet: keine Zuschauer. Ein Dämpfer für den Handball-Pharao. Immerhin gerät er nicht in Versuchung, die Hallen mit Claqueuren zu füllen.

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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