Wimbledon
Berühmte Nachbarn: Statt im Hotel wohnen die Tennisstars in gemieteten Häusern

Statt im Hotel wohnen die Tennisstars in Wimbledon in gemieteten Häusern – ein Streifzug durch das Quartier.

Simon Häring, London
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Ein beliebter Treffpunkt im Wimbledon Village: Das Pub mit dem schönen Namen «Dog & Fox», Hund und Fuchs.PETER KLAUNZER/Keystone

Ein beliebter Treffpunkt im Wimbledon Village: Das Pub mit dem schönen Namen «Dog & Fox», Hund und Fuchs.PETER KLAUNZER/Keystone

KEYSTONE

Was Wimbledon so besonders macht für die Spieler? Es sind nicht die berühmten Erdbeeren mit Rahm oder die Warteschlange beim Eingang, die Queue. Es ist nicht die Tatsache, dass Weiss die dominierende Farbe der Kleidung sein muss. Und es liegt auch nicht daran, dass die Gralshüter penibel darauf achten, dass weder politische Botschaften transportiert noch Werbung gemacht wird. Nein, was Wimbledon für die Spieler so besonders macht, ist, dass es für viele der Stars ein Stückchen Heimat ist.

Die Tickets für Wimbledon sind begrenzt. Deshalb schlagen Tennis-Fans vor dem Eingang ihr Lager auf.

Die Tickets für Wimbledon sind begrenzt. Deshalb schlagen Tennis-Fans vor dem Eingang ihr Lager auf.

Keystone

Jahr für Jahr packen die Anwohner im Südwesten der Stadt ihre Siebensachen, ziehen zu Freunden oder machen Ferien, um dem Trubel zu entfliehen. Ihre Anwesen überlassen sie für Summen von bis zu 30 000 Franken pro Woche Spielern, deren Familien oder Sponsoren. Weil Stan Wawrinka im Juni jeweils im Londoner Queen’s Club spielt, mietet sich der Schweizer beispielsweise gleich für mehrere Wochen ein. Er hat sich inzwischen den Ruf des Barbecue-Königs erworben.

Meditieren mit Djokovic

In Gehdistanz zur Anlage und als Nachbar der Schweizer Journalisten-WG hat sich Novak Djokovic mit seiner Familie einquartiert. Vor einem Jahr wohnte dort das inzwischen getrennte Glamour-Paar des Tennis-Zirkus, Maria Scharapowa und Grigor Dimitrov, die im grosszügigen Hinterhof gerne bei einer Partie Boule entspannten. Auf der anderen Strassenseite der Calonne Road befindet sich der grösste buddhistische Tempel Grossbritanniens, wo der der Spiritualität zugewandte Novak Djokovic schon meditiert hat.

Wer sich im anliegenden Naherholungsgebiet, dem 460 Hektaren grossen Wimbledon Common, sportlich betätigt, hat gute Chancen, auf Prominenz aus dem Tennis-Kosmos zu treffen. Hier dreht Wawrinkas Trainer Magnus Norman seine Runden. Mit dem 41-Jährigen Schritt zu halten, gestaltet sich aber schwierig: Nach seiner erfolgreichen Tennis-Karriere hat sich der Schwede dem Triathlon verschrieben.

Nicht, weil er die Last der um ihn rankenden Pleite-Geschichten zu tragen hat, sondern weil er an einem Hüftschaden leidet, ist Boris Becker (49) nicht mehr so gut zu Fuss unterwegs wie Norman. Der Deutsche gilt als Trendsetter der Hausmiete. Und er ist den kulinarischen Genüssen nicht abgeneigt. Beim Italiener San Lorenzo im Wimbledon Village ist er ein gern gesehener Gast.

Wie Petra Kvitova und ihre sechsköpfige Entourage. Am Tag vor seinem Ausscheiden lungert Bad Boy Nick Kyrgios, bekleidet mit einer Lederjacke, alleine durch die Wimbledon Hill Road. Für Pulp-Fiction-Schauspieler Samuel L. Jackson, der sich ebenfalls im San Lorenzo verköstigt, hat er aber keine Augen.

Inzwischen putzt sich das Wimbledon Village für den Wanderzirkus speziell heraus. Die Geschäfte schmücken ihre Schaufenster mit Bällen und Blumen in Violett und Grün. Besitzer brüsten sich mit Fotos, die sie mit der Filzball-Prominenz zeigen, an den Wänden hängen Zeitungsberichte und Rackets.

Nick Kyrgios musste in der ersten Runde aufgeben.

Nick Kyrgios musste in der ersten Runde aufgeben.

KEYSTONE/EPA/PAUL BUCK

Draussen, es ist bereits kurz vor Mitternacht, schreitet ein gedrungener Mann mit Glatze, Sporthose und geschulterter Tennistasche entschlossenen Schrittes in eine Seitengasse: Es ist Andre Agassi (47), der Trainer von Djokovic. Die Grössten bringen ihre Entourage gleich in mehreren Häusern unter, so auch Roger Federer. Das war aber nicht immer so.

Pasta von Rafael Nadal

In den Anfängen seiner Karriere steigt Federer als weniger wohlhabender Spieler nicht im Hotel oder eigenen Haus ab, sondern lässt sich in einer Bed-and-Breakfast-Unterkunft von einer Schlummermutter verwöhnen. Damals kann er mit seinem Trainer Peter Lundgren auch noch ungestört in einem Restaurant oder einer Bar einkehren, das ist heute undenkbar. Einer der Hotspots heisst «Dog and Fox», Hund und Fuchs, und befindet sich an der High Street. Dort begiesst Michail Juschni mit einem Pint seinen Sieg.

Novak Djokovic (r.) zusammen mit Andre Agassi.

Novak Djokovic (r.) zusammen mit Andre Agassi.

KEYSTONE/EPA/YOAN VALAT

Schauplatz eines Dramas wird im vergangenen Jahr das Bayee Village, ein beliebtes Restaurant. Ex-Siegerin Marion Bartoli ist nach eigenen Aussagen wegen einer Infizierung mit der Schweinegrippe bis auf die Knochen abgemagert und kämpft unter Tränen mit einem Salatblatt. Auch ihre Eltern weinen. Bartoli hat seit diesem Zwischenfall 20 Kilogramm zugenommen und ist nun wieder gerne im Wimbledon Village unterwegs, im Herzen dieses charmanten Quartiers rund um die Kreuzung High Street und Church Road.

Es ist eine Mischung aus Quartier Latin und Greenwich Village mit Restaurants, schicken Boutiquen und Antiquitäten-Läden. Selbstversorger decken sich im «Roots», einem Tante-Emma-Laden, mit Lebensmitteln ein. Martina Navratilova holt hier jeden Morgen Obst und Gemüse. Rafael Nadal kauft am Dienstag im Tesco-Express ein. Er bekocht sein Team regelmässig. Oben auf dem Speiseplan stehen Nudelgerichte. Nur Trainer Toni muss passen, «denn Onkel Toni ist auf Diät».

Rafael Nadal bekocht sein Team regelmässig.

Rafael Nadal bekocht sein Team regelmässig.

Keystone

Wo sich Roger Federer während seiner Wimbledon-Mission inzwischen aufhält, ist ein gut gehütetes Geheimnis. Schon früher legt er sehr grossen Wert auf die Wahrung seiner Privatsphäre und lässt sich die Speisen von seinem Lieblings-Inder in die Unterkunft liefern. Inzwischen spielen bei der Auswahl eines geeigneten Domizils andere Parameter eine sehr viel zentralere Rolle. Ein grosser Garten, sagt er vor einem Jahr, ist Pflicht. Dort kann er an freien Tage mit seinen Kindern spielen.

Novak Djokovics Sohn Stefan ist erst zwei Jahre alt und krabbelt bisher erst im Wohnzimmer herum. In vergangenen Jahren hat es sich der Vater zur Tradition gemacht, ein Eichhörnchen zu füttern. «Vielleicht schaffe ich es ja», sagt er vor einem Jahr, «dass es mir am Turnierende aus der Hand frisst.» Was kaum gelungen ist. Am folgenden Tag scheidet er aus.

Apropos

Tauben-Kebab aus Wimbledon

Glaubt man Besitzerin Imogen Davies, ist Rufus, der Falke, kein «Show Bird». Trotzdem fühlt sich der Wüstenbussard im Rampenlicht sichtlich wohl. Seit zehn Jahren dreht er morgens zwischen 5 und 9 Uhr mit seinem jüngeren Adjutanten Pollux Runden über den Rasenplätzen von Wimbledon. Sein Auftrag: Lästige Tauben vertreiben. Rufus jagt nicht, er soll nur abschrecken, sagt Davies. Tauben sollen gar nicht erst auf die Idee kommen, sich unter dem Dach des Center Courts einzunisten. So hat es Rufus, der «ein wichtiges Mitglied der Wimbledon-Familie ist», zu Weltruhm geschafft. Seiner Popularität sicher nicht geschadet hat ein Vorfall vor fünf Jahren. Damals wird Rufus gestohlen.Tagelang beschäftigt sich der Boulevard mit Rufus’ Verbleib. Passiert ist das Malheur, weil der Vogel in seinem Käfig in einem Auto genächtigt hatte. Erst drei Tage später taucht Rufus wieder auf. Mit ein paar Gramm zu viel auf den Rippen. «Er wirkte vier Mal so dick wie normal. Die Polizisten haben ihn so verwöhnt.» Davies hingegen ist gnadenlos und setzt den Falken auf eine strikte Diät, damit er sein Idealgewicht von 650 Gramm hält. «Rufus ist ein Athlet und braucht viel Protein: Wachteln und drei Hühner pro Tag.» Die Rothaarige betreibt übrigens ein Restaurant, das Tauben-Kebab serviert. Aus Tauben, die Rufus gejagt hat? Davies winkt ab. Ein Schelm, wer Böses denkt.