Das Bild hat Symbolcharakter. In Reih und Glied versammeln sich die Aushängeschilder des Schweizer Turnsports vor dem Podiumstraining an der WM zum «Antrittsverlesen» ihres Chefs. Und dieser Chef, der 59-jährige Stadtzürcher Bernhard Fluck, erinnert mit dem kahlen Schädel und der strengen Art irgendwie an den «Drill Sergeant» aus einem amerikanischen Vietnam-Kriegsfilm. Ja, bei den Schweizer Kunstturnern herrscht Disziplin.

Die Schwarzpeter-Arbeit gehört dazu

Den Eindruck als «harter Hund» unterstreicht Fluck zehn Tage vor den Titelkämpfen in Glasgow, als er kurzerhand den bereits selektionierten Marco Rizzo wegen «negativer Leistungsentwicklung und um das Team-Resultat nicht zu gefährden» aus dem WM-Team schmeisst und ihn durch Kevin Rossi ersetzt. Rizzo hatte den Koffer für die Reise nach Schottland bereits gepackt.

«Es ist tatsächlich so. Die Rolle als Schwarzpeter gehört auch zu meinem Job, auch wenn eine solche Auswechslung eines Turners sicher eher eine unkonventionelle Sache ist», sagt der gelernte Sanitärinstallateur Fluck, «aber meine Aufgabe ist es, Entscheidungen zu treffen und das habe ich gemacht.» Auch, um seinen beiden französischen Trainern Laurent Guelzec und Laurent Tricoire den Rücken frei zu halten. «Sie müssen in der Halle mit diesem Turner weiter zusammenarbeiten und sie müssen einander vertrauen.»

Ausbildung bei einer Legende

Fluck ist zwar Cheftrainer der Schweizer Männer und als früherer Schützling des legendären Jack Günthard während seiner Trainerausbildung zweifellos auch legitimiert, mit den Athleten an den Geräten zu arbeiten. Trotzdem überlässt er diesen Part der täglichen Arbeit den beiden genialen Franzosen, die er selber in die Schweiz geholt hat.

Das Gehirn im Hintergrund

Er lässt sie wirken, konzentriert sich auf die Führungsaufgaben und die organisatorischen Belange. «Eine von Bernhard Flucks grossen Stärken ist die analytische Planung. Er weiss, was das Team braucht und er kennt auch seine eigenen Grenzen», sagt Felix Stingelin, als Chef Spitzensport im Schweizerischen Turnverband der Vorgesetzte des Nationaltrainers. Fluck habe kein Problem damit, sich in technischen Belangen kompetentere Partner mit ins Boot zu holen und diese auch wirken zu lassen. «Es ist auch eine Stärke eines guten Chefs, sich nicht in den Vordergrund stellen zu wollen», sagt Stingelin.

Mit Fluck aus dem Leistungsloch

Dennoch darf das Verdienst von Fluck, dass die Schweizer Männer das stärkste Team seit vielen Jahren stellen, nicht hoch genug eingeschätzt werden. Als er 2009 den Job des Cheftrainers in Magglingen übernahm, waren die Turner im Leistungsloch. Ein zerstrittenes Trainerteam, das den Erfolg bei sich und den Misserfolg bei den anderen sah, hinderte die Athleten daran, nachhaltige Fortschritte zu machen.

Es war ein mutiger Entscheid, einen Schweizer zum Chef der Kunstturner zu machen. Fluck feiert in diesem Jahr zwar sein 40-Jahr-Jubiläum als Trainer im Kunstturnen und hat mit 25 Jahren bereits den nationalen Trainerlehrgang absolviert, einen Leistungsausweis auf internationalem Parkett brachte er allerdings nicht mit.

Und bei seinem früheren Traineramt als Stützpunktleiter des regionalen Leistungszentrums Zürich wurde Fluck sogar geschasst. Wegen unterschiedlicher Auffassungen über seine Arbeit. «Einige Eltern von Turnern waren nicht einverstanden damit, wie ich meinen Job machte», sagt Fluck rückblickend. Also doch der «harte Hund»?

Ein besseres Miteinander

«Das Verhältnis zwischen Turnern und Trainer ist viel kollegialer geworden. Man vertraut sich und hat keine Hemmungen, auch die eigene Meinung zu vertreten», sagt WM-Teilnehmer Oliver Hegi. Bis es so weit kam, musste Fluck viel Aufbauarbeit in Magglingen leisten. Das Trainerteam wechselte er komplett aus und auch bei den Athleten machte er selbst vor Arrivierten keine Kompromisse.

Der Aargauer Nati-Captain Mark Ramseier bekam vor drei Jahren keinen neuen Vertrag mehr fürs Nationalkader. Fluck selber sagt über seine Philosophie: «Mir ist wichtig, dass der Trainer stets an das ganze Team denkt – auch an jene Turner, die derzeit nicht auf der Sonnenseite stehen. Das Klima im Kader ist mir sehr wichtig.» Mit seiner Art und seiner starken Kommunikation trägt Fluck Entscheidendes dazu bei.