Für den schlaksigen Benjamin war dieser Moment im Basler St. Jakob-Park auch nach dem x-ten Mal ein ganz spezieller. Er durfte Pascal Zuberbühler, seinem grossen Vorbild, den Ball zuwerfen. Immer wieder. Benjamin war nervös. Schliesslich wollte er den Ball präzis zuspielen. Und vor allem wollte der FCB-Junior irgendwann auch auf die grosse Bühne.

Heute, einige Jahre später, ist Benjamin Siegrist 24-jährig und alles andere als ein Schlaks. Er sitzt im Stadion-Restaurant des FC Vaduz und gewährt Einblicke in sein Leben und die Gedanken, die er sich rundherum macht. Seinen Traum, vom Fussball leben zu können, hat er sich erfüllt. An sich schon ein Erfolg, meint Siegrist, womit er nicht unrecht hat. Nur: Sein Weg zum Klasse-Goalie schien vorgezeichnet. Auch, weil sein Weg anders war. Anders, aber vielversprechend.

Der Pokal ist bei Oma

Benjamin, der Balljunge, galt als sehr talentiert. Nicht nur er sah sich in ein paar Jahren zwischen den Pfosten im St.  Jakob-Park. Auch ausländische Scouts attestierten ihm das Potenzial dazu. 16-jährig war Benjamin, als ihm die Verantwortlichen des FC Basel eines Tages nach dem Training offenbarten, dass Aston Villa, der Premier-League-Klub aus Birmingham, ihn abwerben möchte.

Benjamin Siegrist in jungen Jahren, als er mit der U17 den grössten Erfolg des Schweizer Fussballs schaffte.

Benjamin Siegrist in jungen Jahren, als er mit der U17 den grössten Erfolg des Schweizer Fussballs schaffte.

Eine Ehre, die die vorhandenen Zweifel aber nicht gänzlich ausblenden konnte. Ob er allein in der Fremde zurechtkomme? Sechs Monate benötigte Siegrist zur Entscheidungsfindung. Der Entschluss fiel für England aus. Weil die Briten dank ihrer Geduld sein Vertrauen gewonnen hatten, die Chance einmalig war und Benjamin sich erhoffte, damit noch aussergewöhnlicher zu werden.

So fand Benjamin, der eigentlich nur Torhüter wurde, weil er es hasste, zu rennen, sich in der Talentakademie Aston Villas wieder. Die Akklimatisierung gelang schnell. In einem Dreivierteljahr machte er grosse Fortschritte. Fussballerisch wie menschlich. Dann stand die Weltmeisterschaft mit dem Schweizer U17-Nationalteam an. Benjamin wurde als erster Goalie nominiert – und überzeugte vollends. Bis in den Final führte der Weg. Dort blieb Benjamin nach einem Zusammenstoss kurz bewusstlos liegen, rappelte sich wieder auf und machte das, was er am Torhüterdasein so faszinierend findet: nämlich den Unterschied.

Benjamin wurde Weltmeister und zum besten Goalie des Turniers erkoren. Die Trophäe steht heute bei seiner Grossmutter. Es werden viele folgen, prognostizierten die Experten damals. Doch so magisch diese Jahre waren, so verkorkst sollten die nächsten werden. Alle warteten auf den Durchbruch, den ersten Einsatz in der Premier League. Doch diverse Verletzungen verhinderten das Debüt. Immer hiess es, nächsten Sommer, komme er endlich, der Durchbruch. Benjamin Siegrist aber wartet bis heute.

Auch, weil sich Siegrists Aussichten auf Einsatzminuten in Birmingham nie besserten, kehrte er in diesem Sommer aus England zurück. Für ihn ist dies kein Eingeständnis eines Fehlentscheids in seiner Karriereplanung, sondern eine weitere Chance. Der 24-Jährige weiss, dass er zwar noch immer jung ist, aber jetzt endlich Fuss fassen muss, wenn er noch jene Sphären erreichen will, die ihm 2009 nach der U17-WM zugetraut wurden.

Dieses Bild postete Benjamin Siegrist auf seinem Facebook-Account.

Dieses Bild postete Benjamin Siegrist auf seinem Facebook-Account.

Senderos’ Rat

In Vaduz sei er, weil sich die Liechtensteiner frühzeitig um ihn bemüht hätten. Aber auch wegen Philippe Senderos, dem engen Freund aus seiner Zeit bei Aston Villa. «Philippe ist vor mir wieder in die Schweiz zurückgekehrt und hat von der Super League geschwärmt. Auch deshalb dachte ich, dass das auch für mich eine gute Lösung sein kann.» Im Ländle passt es. Ausser, dass Siegrist heute vor einer Woche nicht in der Startformation stand. Trainer Giorgio Contini zog ihm Altmeister Peter Jehle vor. Vermutlich auch heute gegen den FCB.

Wieder rückte der Durchbruch ferner. Siegrist aber resigniert nicht. Die Kraft, um auch dieses Mal wieder aufzustehen, wird er aufbringen. «Weil der Fussball meine Passion ist.» Sein jüngstes Bild, das der 24-Jährige auf Facebook teilte, bringt seine Lage ziemlich schön auf den Punkt. Darauf steht: «Nur, weil mein Weg ein anderer ist, heisst das nicht, dass ich verloren bin.» Siegrist glaubt immer noch an seine Vollendung. In diesen Wochen entscheidet sich, ob er es noch werden kann: einer wie Zuberbühler.