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Belinda Bencic und das Frauen-Tennis sind gefangen in einer Blase der Unvernunft – Hotel wird rund um die Uhr überwacht

Belinda Bencic spielt mit noch immer mit dem Gedanken, auf ihre Teilnahme bei den US Open zu verzichten.

Belinda Bencic spielt mit noch immer mit dem Gedanken, auf ihre Teilnahme bei den US Open zu verzichten.

Wer die US Open in New York bestreiten will, muss sich einem strengen Sicherheitsprotokoll unterwerfen und darf sich nur im Hotel und auf der Anlage im Stadtteil Queens aufhalten. Das Hotel auf Long Island wird rund um die Uhr überwacht, um die Einhaltung der Regeln sicherzustellen.

Auch rund vier Monate nach dem Unterbruch des Spielbetriebs wegen der Corona-Pandemie hat der Tenniszirkus noch keine Wege gefunden, wie er zu einer neuen Normalität zurückkehren könnte. Und die Zeichen bleiben ungünstig, vor allem für die Frauen. Am Donnerstag hat die chinesische Regierung beschlossen, bis Ende des Jahres alle Grossveranstaltungen zu untersagen. Davon betroffen sind die Turniere in Peking, Tianjin, Wuhan, Nanchang, Zhengzhou, Zhuhai, Guanghzou und Shenzhen. Im Herbst und Winter wird um 30 Millionen Dollar Preisgeld gespielt, und das praktisch ausschliesslich in China. Die Absage des Finals der acht Jahresbesten in Shenzhen bringt die Profi-Vereinigung WTA in finanzielle Schieflage.

Die Expansion in Asien ist vor allem ökonomischen Zwängen geschuldet. Anders als die ATP, die Standesorganisation der Männer, kann die WTA die explodierenden Kosten kaum mehr decken. Deshalb wurden die Rechte an Turnieren zuletzt im Bieterverfahren vergeben. Dadurch konnte die WTA ihre Sponsoringeinnahmen zwischen 2016 und 2017 von 16 auf 33 Millionen Dollar verdoppeln. Den Erlös aus dem Verkauf der TV-Rechte stieg von 24 auf 40 Millionen Dollar. Trotzdem schrieb man im letzten Jahr einen Verlust. Branchenkenner schätzen, dass die WTA alleine durch den Verkauf der Rechte am Turnier in Shenzhen 20 Millionen Dollar einnimmt. Geld, das nun fehlt. Auf 50 Millionen Dollar beziffert die WTA den Verlust.

Bencic fordert Umverteilung der Preisgelder

Noch härter trifft die Pandemie die Spielerinnen, die seit Mitte März kein Einkommen erzielen können, weil keine Turniere stattfinden, bei denen sie um Preisgeld spielen können. Zwar sinken auch die Kosten, weil Ausgaben für Reisen und Hotels wegfallen, die Fixkosten aber bleiben hoch. Nur eine Handvoll Spielerinnen hat lukrative Sponsorenverträge, das Gros befindet sich in einem ständigen Überlebenskampf. Davon ausgenommen ist Belinda Bencic. Sie sagt: «Es ist schade, dass es eine Pandemie benötigte, um zu zeigen, wie schlecht es vielen Spielerinnen finanziell geht.» Sie plädiert für eine Reduktion der Preisgelder für Halbfinal, Final oder Turniersieg, dafür mehr Geld für die ersten Runden und die Qualifikation.

Eine Forderung, über die seit Jahren debattiert, die aber wohl unerfüllt bleiben wird. Denn anders als in Mannschaftssportarten wie dem Fussball fokussiert sich die grosse Öffentlichkeit im Tennis auf wenige Einzelne, sie absorbieren nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern auch die Geldflüsse. Das Prinzip: Viel für die Besten, wenig für den Rest. Anders als erhofft, akzentuiert die Corona-Pandemie das Problem weiter. Bestes Beispiel sind die US Open, die ab dem 31. August in New York unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden sollen. Eine Qualifikation findet nicht statt, das gemischte Doppel wurde gestrichen. Die Teilnehmerzahl konnte dadurch gesenkt werden, der Zirkel der Privilegierten aber wurde noch exklusiver.

Bei den US Open wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit gespielt.

Bei den US Open wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit gespielt.

Hotel wird 24 Stunden überwacht

Wer in New York antreten darf, muss sich einem Sicherheitsprotokoll unterwerfen. Die Teilnehmer und ihre maximal drei Begleiter werden in einem Hotel auf Long Island einquartiert. Sie alle werden bei Ankunft und danach alle 48 Stunden auf das Coronavirus getestet. Dem Vernehmen nach wird das Hotel während 24 Stunden überwacht, um sicherzustellen, dass die Quarantäne von allen eingehalten wird. Wer die Anlage, auf der Maskentragepflicht gilt, betritt, muss einen Fragebogen ausfüllen und eine Temperaturmessung über sich ergehen lassen. Die Teilnehmer sowie ihre Begleiter müssen eine Erklärung unterzeichnen. Über den konkreten Inhalt sind sie bisher nicht aufgeklärt. Bencic sagt: «Es sind viele Fragen offen. Ich werde sehr kurzfristig entscheiden, ob ich die US Open spiele.»

Ziel der Organisatoren vom amerikanischen Tennisverband ist es, eine Blase zu kreieren, in die niemand eindringen kann, vor allem aber, die niemand verlässt. Es ist eine illusorische Vorstellung. Denn längst sind es nicht mehr Sportverbände und TV-Stationen, die entscheiden. Sondern - wie nun in China - die Behörden. Die Anreise muss individuell und über Linienflüge organisiert werden, was das Risiko einer Infektion erhöht. Und auch die Reisebeschränkungen verunmöglichen einen fairen Wettbewerb. Ungeklärt ist auch, ob Spielerinnen und Spieler nach der Ausreise aus den USA nach Madrid, wo das nächste Turnier stattfinden soll, erst einmal in Quarantäne müssen – oder nicht. Und so dreht sich der Tennis-Zirkus weiter munter im Kreis. Gefangen einzig in einer Blase der Unvernunft.

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