Endlich! Endlich ist Eden Hazard wieder der Alte. Der Künstler, der einst mit Lille die französische League 1 entzückte und danach im Team des FC Chelsea die englische Premier League. Der in der letzten Saison aber total ausser Form und nicht in der Lage gewesen war, den kriselnden Londonern eine Hilfe zu sein. Der auch in der Nationalmannschaft Belgiens nicht mehr auf Touren kam und Flamen und Wallonen sich fragten: Wann wird uns Hazard wieder glücklich machen?

Am späten Sonntagabend war es so weit. Belgiens Captain war so gut, dass die Zeitung «Le Soir» schrieb: «Hazard war ausserirdisch.» Atemberaubend, wie er über den Platz rauschte, den Ball eng am Fuss, nie die Übersicht verlierend und mit einem Tor und einem Assist auch effizient war. Die Fachzeitschrift «L’Équipe» tat, was sie sonst eigentlich nie tut: Sie gab dem 25-Jährigen die Note 9 und titelte: «Gala von Hazard.» Der Gelobte sagte hinterher: «Es wird schwierig, noch besser zu spielen.» Er meinte vermutlich nicht sich selber, sondern die Mannschaft.

In der Tat waren insbesondere auch der offensive Aufbauer Kevin De Bruyne und dahinter Axel Witsel zu grosser Form aufgelaufen. Belgien spielte in Toulouse so gut, dass Italien plötzlich ganz weit weg war und man sich fragte, ob es diese 0:2-Niederlage beim Turnierstart gegen die Azzurri tatsächlich gegeben habe. Nach der die belgische Presse Trainer Marc Wilmots in die Pfanne haute, ihm taktische Fehler vorwarf und Zweifel anmeldete, ob der
47-Jährige der richtige Trainer für das mit Talenten so üppig gespickte Team sei.

Doch der Wind hat sich gedreht. Die belgischen Medien leben nach Konrad Adenauer, der einst gesagt hatte: «Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern, nichts hindert mich, weiser zu werden.» So schrieb «De Standaard» nun: «Die einzige Frage ist: Wer soll diese Roten Teufel stoppen?»

3:0, 1:0, 4:0 − die Belgier haben sich eindrücklich ihren Ruf, zumindest ein Geheimfavorit zu sein, zurückerobert. Die geschlagenen Iren, Schweden und Ungarn mögen zwar nicht zu den Grossen des europäischen Fussballs gehören, sie aber gleich mit 8:0 Toren wegzuputzen, schaffen auch nicht alle. Vor allem der Achtelfinalauftritt gegen die Ungarn ist das vielleicht Mitreissendste gewesen, was eine Mannschaft bei diesem Turnier bisher geboten hat. Mit dem 4:0 waren die Ungarn am Ende sogar nicht mal schlecht bedient. Sie hatten es vor allem ihrem 40-jährigen Torhüter Gabor Kiraly zu verdanken, dass sie nicht Gefahr liefen, die höchste Niederlage bei einer EM zu kassieren. 1:6 hatte Jugoslawien 2000 gegen Holland verloren.

Allein in der ersten Halbzeit schossen die Belgier 16-mal auf das Tor, doch nur Innenverteidiger Toby Alderweireld traf. Es dauerte dann bis zwölf Minuten vor Schluss, ehe Michy Batshuayi die Belgier mit dem 2:0 erlöste. Nur 93 Sekunden hatte der Joker bei seinem EM-Debüt gebraucht, um mit der ersten Ballberührung zu treffen und seine Ambitionen für einen Platz in der Startformation anzumelden. Doch die Konkurrenz an Zentrumsspielern im Angriff ist gigantisch. Hinter dem derzeit gesetzten Romelu Lukaku vom FC Everton lauern neben Marseille-Profi Batshuayi auch noch die beiden Liverpooler Divock Origi und Christian Benteke auf ihre Chance. Welche andere Mannschaft besitzt − neben den Weltklassespielern Hazard und De Bruyne − eine solche Auswahl an geballter Angriffskraft? Welches Team beherrscht das rasante Umschaltspiel so perfekt wie die Belgier?

«Mit unserem Talent müssen wir mindestens Vierte werden», sagt Antreiber Radja Nainggolan. «Jetzt dürfen wir träumen», sagt Hazard. Goalie Thibaut Courtois ist ebenfalls euphorisch: «Weil wir erst im Final auf einen ganz Grossen treffen können, sage ich: Das ist die Chance unseres Lebens.»

In der Abwehr aber müssen die Belgier noch sattelfester werden. Die Ungarn hatten zwischenzeitlich ein paar gute Chancen zum 1:1. Sonst könnte es im Viertelfinal am Freitag in Lille gegen Wales eine unliebsame Überraschung absetzten. Wobei: So gross wäre diese gar nicht. Denn in der Qualifikation für dieses Turnier hatte es in Belgien ein 0:0 und in Cardiff ein 1:0 für Wales gegeben. Was Wilmots nach seinem 50. Länderspiel auf der Trainerbank nicht zu sagen hinderte: «Ein Finalspiel gegen Deutschland wäre genial.»