Pão de Açucar
Belastung für das Ohr

Im Pão-de-Açúcar-Blog schildern unsere Rio-Reporter besondere Erlebnisse und Geschichten, die sie rund um die Olympischen Spiele in Rio erfahren. Heute beschreibt Kristian Knapp wie es sich für das Ohr anfühlt, wenn die Brasilianer in Karneval-Stimmung kommen.

Kristian Kapp
Kristian Kapp
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Sorgen für hohe Dezibelzahlen: Die brasilianischen Fans in Rio.

Sorgen für hohe Dezibelzahlen: Die brasilianischen Fans in Rio.

Keystone

Es sollte keiner mehr Texte über einen Besuch in der Beachvolley Arena von Rio schreiben. Ein Kollege der «NZZ» tat dies kürzlich, und dort war alles gesagt, was es zu sagen gibt – jeder weitere, der ein Wort darüber verlieren will, gehört mundtot gemacht. So wie es Johnny Depp in «Irgendwann in Mexiko» tat, als er nach dem Verzehr des seiner Meinung nach weltbesten Puerco Pibil, mexikanischem Schweinebraten, den Koch erschoss, damit der nie wieder dieses Gericht zaubern konnte.

Okay, schlechter Vergleich. Zurückspulen, löschen, von vorne starten.

Es ist Halbfinaltag an der Copacabana. Night Session. Es spielt um 23 Uhr das russische Duo Wjatscheslaw Krassilnikow/Konstantin Semenow gegen Italiens Paolo Nicolai/Daniele Lupo. Russland wird ausgebuht, wie das hier mittlerweile üblich ist. Aber das ist noch gar nichts im Vergleich zu dem, was nach Mitternacht noch folgen soll. Zunächst gewinnt aber Italien, aus den Boxen schreit Gianna Nannini über den Sommer, Estate, die Ohren schmerzen, Mamma mia. Doch auch hier gilt: Es kommt noch ganz anders.

Nun spielt Brasilien: Barbara/Agatha, gegen die USA, Kerri Walsh Jennings/April Ross. In der Arena, deren Südtribüne tief gebaut wurde, damit der Blick auf den Atlantik möglich ist, herrscht Karnevalsatmosphäre. Es gilt nun ernst, das wird auch musikalisch untermalt: Nannini ist verstummt, Iron Maiden erklingt, Fear of the Dark, Angst vor dem Dunkeln. Gilt dies auch für das Kriegsschiff, das hinter der Arena patrouilliert, für die Zuschauer der Night
Session aber unsichtbar bleibt?

Jeder Brasil-Punkt lässt die Arena beben, wie jeder Fehler der US-Girls. Zur grössten Belastung für die Ohren des hier Schreibenden wird indes die junge Amerikanerin, die sich einen Platz auf der Medientribüne ergattert hat und bei jedem US-Punkt genau auf jener Frequenz kreischt, die Trommelfelle zum Platzen bringt. Doch auch sie verstummt, als Agatha/Barbara den Finaleinzug sichern. Die Brasil-Fans schreien, der Speaker ebenso, die tanzenden Animatoren auf dem Platz hüpfen wie Irre.

Keine Frage: Wer in Rio sich über die lasche Stimmung ärgert, muss an die Copacabana. Wenigstens an diesem Ort lebt Olympia.