Kunstturnen
Beim Wertungsgericht ist der «kalte Krieg» vorbei

Mehr als einmal war das Resultat im Kunstturnen eine politische Angelegenheit. Heute geht das nicht mehr. Bei der Notengebung herrscht mehr Transparenz, Betrug ist fast gänzlich ausgeschlossen.

Rainer Sommerhalder
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Andreas Kuoni

Andreas Kuoni

rainer sommerhalder

Die Olympischen Spiele 1976 in Montreal haben im Kunstturnen eine historische Bedeutung. Zum einen war da die Rumänin Nadia Comaneci, die fünfmal die Traumnote 10 holte und überlegen Gold gewann. Damit kam man bei der Benotung zum ersten Mal an unverrückbare Grenzen. Ebenso bedeutend waren damals die Grenzen des «Eisernen Vorhangs».

Nachdem die Benotung im Teamwettkampf für den japanischen Star durch die Ostblocknationen derart tief war und im Publikum für massive Unmutsbekundungen sorgte, sah sich der Schweizer Weltverbandspräsident Arthur Gander gezwungen, den sowjetrussischen Kampfrichter in der Halle zu nötigen, seine Note nachzubessern. Damit verhinderte er den unverdienten Olympiasieg der Sowjetunion. Als Rache wurde Gander im gleichen Jahr von den Ostblocknationen abgewählt und durch einen Sowjetrussen ersetzt.

28 Jahre später bei den Spielen in Athen war es genau umgekehrt. Dank offensichtlichen Fehlurteilen der Wertungsrichter gewann der US-Amerikaner Paul Hamm Olympiagold. Wieder tobte das Publikum, der internationale Turnverband suspendierte drei Kampfrichter, darunter den Chefrichter aus den USA, und das IOC forderte für einen Verbleib der Sportart im olympischen Programm massive Reformen der Benotung.

Mehr Transparenz bei den Noten

Heute sind die politischen Geplänkel bei der Benotung im Kunstturnen Geschichte. Seit 2006 gelten weltweit radikal veränderte Wertungsvorschriften. Die Traumnote 10 ist Vergangenheit. Jetzt ist die Notengebung transparenter und resistenter gegen Unkorrektheiten. Die Höhe der Noten ist nach oben offen. Neu setzt sich die Endnote aus zwei Teilnoten zusammen: der Ausführung (E-Note) und dem Inhalt (D-Note).

Das Bemerkenswerte an dieser Innovation ist, dass der Faktor der Übungsausführung gegenüber dem Inhaltswert extrem hoch in die Wertung kommt. Bei der Ausführung geht man zwar weiterhin von der Maximalnote 10 aus. Alle Ausführungsfehler werden davon aber abgezogen – so gibt es für einen kleinen Fehler 0,1 Punkte Abzug, für einen Sturz 1,0 Punkte. Die Abzüge wurden 2009 nochmals gegen oben angepasst. Die Perfektion (Note 10) wurde seither an Titelkämpfen nie mehr erreicht.

Der Inhaltswert errechnet sich aus der Summe der neun schwersten Elemente einer Übung plus dem Wert des Abganges. Die Elemente werden in sieben Stufen (A bis G) nach Schwierigkeiten katalogisiert, wobei dieser Katalog laufend angepasst wird.

Betrug ist praktisch nicht mehr möglich

Andreas Kuoni aus Maienfeld ist als Kampfrichter in Glasgow im Einsatz. Übungen von Turnern des eigenen Landes darf er nur in der Qualifikation bewerten. Im Final ist dies nicht mehr möglich. An der WM gibt es pro Gerät total neun Kampfrichter. Zwei D-Kampfrichter bewerten nur den Inhalt. Ihnen stehen seit 2006 Videobilder zur Verfügung. Dazu gibt es fünf Kampfrichter für die Ausführung.

Die schlechteste und beste Note fällt aus der Wertung. Daneben amtieren zwei Referenzkampfrichter, welche die Übung unabhängig ebenfalls bewerten. Liegen die Benotungen zu sehr auseinander, dann kommen die Noten der Referenzrichter mit in die Wertung. Ein Betrug ist somit nahezu ausgeschlossen, eine Garantie auf fehlerfreie Noten gibt es aber gemäss Kuoni nicht: «Am Schluss sitzen noch immer Menschen dort und keine Maschinen.»