Bundesliga-Abstiegskampf

Beim VfB Stuttgart gibt es keinen Grund für Optimismus

Wütende Fans wollen den Stuttgarter Spielern an den Kragen.

Wütende Fans wollen den Stuttgarter Spielern an den Kragen.

Dass es im Abstiegskampf Wunder geben kann, haben die Profis des VfB Stuttgart in den vergangenen Tagen im Überfluss gesehen. Sportvorstand Robin Dutt und Trainer Jürgen Kramny führten den schwäbischen Kickern Videoclips von früheren Fussball-Wundern vor.

Ob das visuelle Feuerwerk hilft, weiss natürlich keiner. In der Realität gibt es keinen Grund, optimistisch zu sein. Um den zweiten Abstieg nach 1975 zu verhindern, muss der VfB Stuttgart beim VfL Wolfsburg gewinnen. Gleichzeitig braucht es Schützenhilfe von Eintracht Frankfurt, das bei Werder Bremen siegen muss. Selbst dann, liegt für die Stuttgarter aber nur die Relegation gegen den Zweitliga-Dritten, den 1. FC Nürnberg, drin.

Was ein Abstieg bedeuten würde, können die Anhänger jeden Tag in den Zeitungen lesen. Drastische Etat-Kürzungen, die den Klub an den Rand der Belastungsgrenze bringen, wären unausweichlich. Der Deutsche Meister von 2007 gibt ein Bild des Jammers ab, dabei geht es seit Jahren stetig abwärts. Die Vereinsführung um Präsident Bernd Wahler, ein ehemaliger adidas-Manager, ist so ratlos, wie der mit Führungskräften aus der Wirtschaft gepiekten Aufsichtsrat.

Die seit Jahren gepflegte Wirtschaftslenker-Dichte ist einer der Hauptgründe für den Niedergang. Dass Fussballklubs anders funktionieren als Unternehmen, wollen die meisten der VfB-Funktionäre bis heute nicht glauben. Auf sportliche Kompetenz glaubte man, verzichten zu können. Dafür gaben sich Trainer und teure Kicker die Klinke in die Hand. Man regierte nach Lust und Laune, als sei der Klub ein nettes Hobby nebenher.

Nachwuchsarbeit liegt brach

Die Nachwuchsarbeit, der VfB war einmal der führende Klub in Deutschland, liegt seit Jahren brach. Fast die gesamte Nachwuchsabteilung ergriff die Flucht und ist zum Grossteil dem Ruf des ehemaligen VfB-Trainers Ralf Rangnick zu RB Leipzig gefolgt. Die Amateure stiegen jetzt aus der dritten Liga ab, der Rest der Nachwuchsteams läuft der Titel-Musik hinterher.

Obwohl offensichtlich ist, dass weder Wahler noch Dutt die Krise meistern können, zögert der Aufsichtsrat mit dem nötigen Schnitt. Seit Wochen sucht der Klub verzweifelt nach Präsidenten-, Trainer- und Managerkandidaten. Weil sich eine schnelle Lösung nicht realisieren lässt, dürfen die Amtsinhaber weiterwursteln.

Der Druck, den laut Gerüchten, Hauptsponsor Mercedes macht, droht ins Leere zu laufen, weil keine Alternativen auf die Beine gestellt werden können.

Ratlosigkeit und Chaos sind mit Händen zu greifen. Manager Dutt wird unterstellt, jüngste Vertragsverlängerungen einiger Spieler, an der Medienabteilung vorbei an ein überregionales Blatt gesteckt zu haben, um sich für seine Tatkraft feiern zu lassen. Dabei liest sich seine Bilanz seit eineinhalb Jahren wie ein Lehrbuch der Fehlgriffe.

Als Dutt antrat, warf er seinem Vorgänger Fredi Bobic vor, im Alleingang so ziemlich alles falsch gemacht zu haben. Die Klub-Legende Karl Allgöwer wurde als externer Berater verpflichtet, aber nie von Dutt konsultiert.

Viel zu spät beendete der VfB die Ära des allzu selbstbewussten Trainers Alexander Zorniger, der zusammen mit Dutt den Eindruck erweckte, den deutschen Fussball revolutionieren zu können. Nach neun Niederlagen und 31 Gegentoren musste Zorniger gehen, der VfB stand auf Platz 16.

Die fatale Transferpolitik im Abwehrbereich blieb ein Problem. Heute hat der VfB 72 Gegentore kassiert, was Ligaspitze ist. Zu dem Zeitpunkt war auch das Verhältnis von Dutt zur Mannschaft praktisch zerrüttet.

Abwanderungsgedanken

Die neuerliche Trainersuche endete beim bundesligaunerfahrenen Amateurtrainer Jürgen Kramny, der zuvor zweimal als Amateur-Coach kurz vor der Entlassung stand. Zunächst ging es mit der Notlösung gut, bis man sich nach Spieltag 25, mit 10 Punkten Vorsprung auf den Relegationsrang, gerettet glaubte.

Die halbe Mannschaft beschäftigt sich seither mit Abwanderungsgedanken. Die geplante Ausgliederung der Profiabteilung erscheint unwahrscheinlicher denn je. Und Kramny steht endgültig vor der Ablösung.

Bleibt vorerst nur die motivierende Kraft der Wunder-Videos aus vergangenen Abstiegskampfjahren. Vor dem letzten Saisonspiel in Wolfsburg glauben in Stuttgart allerdings nicht viele, dass der VfB ein neues Wunderkapitel hinzufügen kann.

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