Rio 2016
Beim Mann mit den Engeln: zu Besuch in der Favela

Favelas sind die Armutsviertel Rios. Fälschlicherweise gelten sie als reines Pflaster für Kriminelle. Dabei leben viele normale Menschen in den Favelas – und kreative Köpfe wie Marcos Rodrigo. Ein Besuch beim 30-jährigen Graffitikünstler aus der Rocinha.

Kristian Kapp
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Ein Blick auf die Rocinha: Eng bebautes, hügeliges Land mit unzähligen Einwohnern. Die Olympischen Spiele interessieren hier kaum, wie der in der Favela geborene Marcos Rodrigo erklärt.Keystone/Robert Harding

Ein Blick auf die Rocinha: Eng bebautes, hügeliges Land mit unzähligen Einwohnern. Die Olympischen Spiele interessieren hier kaum, wie der in der Favela geborene Marcos Rodrigo erklärt.Keystone/Robert Harding

Neil Emmerson/Robert Harding

Dü-düp. Zwei kurze Huper direkt hinter uns. Dü-düp. Wir hupen zurück, ist ja klar, der gefundene Parkplatz ist unser, der Rückwärtsgang bereits eingelegt. Dü-düp hin, Dü-düp her, so geht das noch zwei, drei Mal. Wir haben den längeren Atem, der Hintermann kapituliert, fährt zurück, überlässt uns die wertvollen viereinhalb Meter Lücke am Strassenrand.

Ein Fussgänger eilt herbei, schaut, ruft, rudert mit den Armen – willkommene Parkhilfe, es ist verdammt eng. Wir sind drin, unser Drängler braust vorbei, verwirft die Hände, ein letztes Mal Dü-düp hin, Dü-düp her, aber nachher bei allen Beteiligten sofort Daumen hoch. So geht das in Rio. Immer Daumen hoch, ob nach dem Bezahlen an der Kasse oder nach gelösten Meinungsverschiedenheiten, und gut ist. So geht das auch in Rocinha.

Marcos Rodrigo kreiert die berühmten Engelchen.

Marcos Rodrigo kreiert die berühmten Engelchen.

Kristian Kapp

Rocinha. Die vielleicht bekannteste, weil grösste Favela in Rio. Sie soll auch die grösste Brasiliens, ja gar ganz Südamerikas sein. Wohnen hier 60 000 oder über 200 000 Menschen? Das weiss niemand, von beiden Zahlen und auch vielen dazwischen ist zu hören und zu lesen, offiziell beziffert ist die Einwohnerzahl nicht. Erbsenzähler monieren, dass das mit dem «grössten» gar nicht stimme, weil mehrere Favelas an anderen Orten Rios bereits vollkommen unüberschaubar ineinander verwachsen seien und damit streng genommen neue, noch viel grössere «Super-Favelas» bilden würden.

Die Favelas, das sind die über tausend Armenviertel Rios, verstreut kreuz und quer in der zweitgrössten Metropole Brasiliens. Zumeist im Norden und noch öfter an den Hängen der vielen Hügeln und Berge der Stadt. Sie sind dort gewachsen wie die Büsche der giftigen Kletterpflanze Favela. Und sie gelten als gefährlich. Geh in Rio überall hin, aber auf keinen Fall in eine Favela, heisst es immer wieder. Solche Urban Legends gibt es in Nord- und Südamerika gleichermassen. Geh nach L.A. oder New Jersey und du wirst sofort ausgeraubt, geh in eine Favela Rios und du wirst sofort erschossen. Oder war es umgekehrt?

Die bunte Stadt

Wir steigen aus und laufen sofort, Parkuhren gibt’s hier nicht, in eine noch engere Seitenstrasse. Gleich sind wir da, nur noch ein paar Schritte vorbei an parkierten Motorrädern, heruntergezogenen Blechjalousien und ein paar auf der Bordsteinkante sitzenden Teenagern. Das hässliche Grau am Metall und an den Wänden ist nicht mehr zu sehen, es hat Dutzenden bunten Kreisen weichen müssen: Graffiti.

Und es sind keine Kreise, sondern runde Köpfe, Engeln gleich, mit schwarzen Augen, die auf die Jungs auf dem Boden zu starren scheinen. Sie erwidern die Blicke nicht, ihre bleiben nach unten gerichtet, auf die Displays der Handys. Das ändert, als wir vor ihnen stehen bleiben und ein weiteres verriegeltes Blechtor auf der anderen Strassenseite betrachten. Regel Nummer 1 in der Favela: Hier kennt jeder jeden, der hierher gehört, der Gringo fällt auf, wird bemustert. Wir sind am Ziel: die Travessa Escada do Bairro Barcelos, Hausnummer 1a.

Direkt neben Olympia: die Armut in den Favelas von Rio

Direkt neben Olympia: die Armut in den Favelas von Rio

KEYSTONE/EPA EFE/ANTONIO LACERDA

Eine richtige Adresse, sogar mit Postleitzahl. Sie ist in einer Favela nicht selbstverständlich, es gab sie nicht immer und gibt sie bis heute vielerorts immer noch nicht. Dabei ist eine Adresse so wichtig, sie gibt Identität. Oder die Chance, Post zu empfangen. Wer keine Adresse hat, wohnt irgendwo, aber nirgendwo. Es ist noch nicht lange her, da fehlte auch die digitale Identität der Favelas. Auf Google Maps waren bei der nahe herangezoomten Kartenansicht nicht nur keine Strassen, sondern auch keine Häuser zu sehen.

Eine braungraufarbene Masse, als wäre dort nichts, ein namenloser Berg aus Stein. Immerhin das hat sich geändert. Das tönt, als sei es nicht viel, bedeutet für gerade jüngere Bewohner der Favelas aber umso mehr. Mein Haus ist auf Google Maps, also bin ich. Denn die Favelas entstanden überall gleich: durch illegale Besetzung von Land. Rocinhas Ursprung geht auf das Ende des 18. Jahrhunderts zurück, als die ersten Menschen dort Gemüse anbauten. Roça, das heisst Acker, Farmland.

Rocinha ist noch jung

Das heutige Strassensystem Rios mit den vielen Tunnels durch die Berge hindurch, die die zahllosen Viertel miteinander verbinden, existierte noch lange nicht, es war ein Kraftakt, die Ernte in die Stadt zu tragen. Rocinha liegt heute zwischen zwei «normalen» Stadtteilen. Die eine, Gàvea, ist eine Luxusgegend des reicheren Südens der Stadt. Es ist skurril. Raus aus Gàvea, eine Kurve nach den Villen, rein nach Rocinha, willkommen in der Favela. Rocinha in ihrer heutigen Form entstand erst in den 50ern des letzten Jahrhunderts. Den Menschen aus dem Nordosten Brasiliens brachte die Dürre Arbeitslosigkeit und trieb sie vom Land in die Städte, Rio und Sao Paolo boomten.

Unbenutztes Land zu besetzen war in Rio leicht und ist es auch heute noch. Der Carioca spricht vom System des «Posse», des «Besitzes»: Erhebst du Anspruch auf etwas, das niemandem zu gehören scheint, gehört es dir, wenn fünf Jahre lang niemand Einspruch erhoben hat. Und Rocinha war begehrt: Den schönsten und übersichtlichsten Blick auf die Stadt gibt es dort, da kann punkto Aussicht auch kein Millionen schweres Appartement in Leblon, einer weiteren Luxusgegend auf Gàveas anderer Seite mithalten. Den Zuckerhut, die Christusstatue, die Lagoa Rodrigo de Freitas, wo die olympischen Kanubewerbe stattfinden werden, die riesige Pferderennbahn beim botanischen Garten, all das will der Tourist in Rio sehen, all das sieht in Rocinha der Betrachter zuoberst auf dem Hügel, er braucht sich nur um die eigene Achse zu drehen. Und wenn das Wetter schön und die Sicht klar ist, erblickt er sogar Guanabara, die Bucht von Rios Schwesterstadt Niteròi.

Es wird wieder gehupt

Ja, die Sonne scheint, der Himmel ist wolkenlos, aber wir stehen, immer noch vor Hausnummer 1a wartend, im Schatten. Spenden diesen die hundert Schlangen und Würmer, die über unseren Köpfen im Wind baumeln? Es sind Stromkabel, kreuz und quer, immer eine zwischen den Masten ist eine «offizielle», der Rest der durchhängenden schwarzen «Schläuche» sind «private», die mit Klammern befestigt wurden – wer sich den Strom nicht leisten kann, zapft ihn halt an.

Doch nein, dunkler und kühler ist es, weil die beidseits hohen Häuser in der engen Strasse die Strahlen der Sonne nicht durchlassen. Der Platz ist so knapp bemessen, dass es mit dem Auto kaum mehr ein Durchkommen gäbe, da hälfe auch drei Mal hupen nicht. Dü-düp, ein Motorrad von hinten, wir hüpfen nach links, Dü-düp, eines von vorne, zurück nach rechts. Ein drittes startet neben uns, beladen mit Säcken voller Eis. «Gelo» steht drauf, es gehört dem Eisverkäufer in der Strasse – Würfel zum Kühlen, nicht Krem zum Schlecken. Dann ein letztes Hupen, es ist ein Motorradtaxi, das häufigste Transportmittel der Favelas, das neben uns hält und seinen Gast, der sich am Fahrer festklammerte, absteigen lässt.

Ein junger Mann, fröhliches Gesicht, keckes pinkes Poloshirt, das von kleinen schwarzen Totenköpfen und gekreuzten Knochen übersät ist. Die Aufmerksamkeit der Jungs gilt nun endgültig weder Handy noch den zwei Gringos, die Blicke hellen sich auf. Gestatten, Marcos Rodrigo, in Rocinha geboren vor 30 Jahren, stets hier geblieben. Er ist besser bekannt als «WARK da Rocinha», Kunstmaler und vor allem Graffitiartist.

Die Engelsfiguren, die der aufmerksame Betrachter in allen Formen, Grössen und Farben nicht nur in Rocinha, sondern auch in anderen Favelas, aber generell in Rio de Janeiro entdeckt, sind sein Markenzeichen. In Rocinha kennt ihn jeder, er sprayt und malt auch im Auftrag der Stadt und für Private, sodass er von der Kunst leben kann, er, der Junge aus der Favela. «Weisst du, was der Unterschied ist?», wird er später lachend fragen. «In den Favelas spraye ich gratis. Ich frag jeweils ‚Liebes Tantchen, ist es okay, wenn ich deine Wand bemale?’ Die einen sagen dann Ja, die andern finden ‚Nein, ich will nicht, dass du mein Haus beschmierst.’ Und die unten, die zahlen sogar dafür.» WARK ist darum ein kleiner Star hier oben, aber so würde er das selbst nie sagen. Wir stehen vor seinem Atelier, er zieht das Blechtor hoch, es knarrt, bis die Ohren schmerzen, die Kids schauen und grinsen auf der anderen Seite, wir gehen hinein.

Die oft einmalige Aussicht von den Bergen und Hügeln nach unten oder auf ganz Rio wie in Rocinha. Oder oberhalb der nach dem berühmten Architekten Oscar Niemeyer benannten Strasse, die entlang der Atlantikküste führt und derzeit exklusive Olympische Spur ist, von wo aus Ipanema und damit jener Strand zu sehen ist, an dem SRF das wunderbar gelegene Aussenstudio erstellt hat – dort oben liegt die Favela Vidigal, die umgekehrt für die Schweizer TV-Zuschauer ganz weit hinter den Moderatoren Steffi Buchli und Jann Billeter jeweils zu sehen sein wird. Warum wollen die reichen Cariocas nicht hinauf in die Favelas, vor allem, wenn das Wohnen dort so viel billiger ist?

Denn es leben auch entgegen den Mythen nicht nur Drogendealer, Mörder, andere Kriminielle, Penner und Obdachlose in den Favelas. Längst sind normale Arbeiter, die einfachen Angestellten der Hotels, Restaurants und Läden zum Beispiel an der Copacabana nach oben gezogen, weil das Wohnen unten nicht mehr zu zahlen ist. Aber die Enge ist nicht jedermanns Sache, der Verlust der Privatsphäre auch nicht. Und Favelas sind nicht ungefährlich. In keiner empfiehlt es sich für den Touristen, auf eigene Faust und ohne Ahnung loszuziehen, um alles und jenen fotografieren zu wollen.

Bis vor knapp zehn oder noch weniger Jahren standen in vielen Favelas Mord und Totschlag quasi an der Tagesordnung. Wenn die Polizei sich mit den Drogengangs Schiessereien lieferte, fuhr sie teilweise starkes Geschütz auf. Zu starkes. Die Kugeln und Geschosse, die ihre Ziele verfehlten, schlugen bis zu mehrere Kilometer weiter in beliebigen Häusern Unbeteiligter ein. Darum war es nicht unüblich, den an Favelas angrenzenden Häusern die entsprechende Seite mit einer dicken Stahlwand doppelt zu sichern.

Erst in den letzten Jahren ist es in den meisten Favelas im Hinblick auf die Fussball-WM 2014 und Olympia 2016 ruhiger geworden. Die Regierung spricht von den «befriedeten» Favelas. Das sind jene, die die Polizei stürmte. Die Drogenbarone wurden erschossen, verjagt oder verhaftet, nun patroulliert die UPP, die sogenannte «Befriedungspolizei». Auch Rocinha wurde gestürmt und ohne Widerstand «befriedet» - das war vor fast fünf Jahren. Dass nach wie vor in so gut wie jeder Favela die «Boca de fumo», eine Art brasilianische Version der holländischen «Coffee Shops», existieren, ist aber ein offenes Geheimnis. Darum kann man auch in Rocinha heute noch vereinzelt den schweren Jungs mit Walkie-Talkie und Waffe über den Weg laufen.

Fremde in Gefahr?

Gehst du als Fremder in die Favela, stirbst du. «Was?» Marcos Rodrigo, genannt WARK, blickt fragend zurück und bricht in schallendes Gelächter aus, fällt fast vom Stuhl in seinem rund zehn Quadratmeter kleinen Atelier, in dem wir mittlerweile sitzen und plaudern. «Morrer?» Sterben? «Mann, was soll ich da machen, wenn man das sagt? Wer sagt sowas?» Unter anderem auch besser betuchte Cariocas.

Er erklärt seine Sicht der Dinge: «Wenn du die Regeln befolgst, kannst du in jede Favela gehen.» Regeln? «Verhaltensregeln. Den anderen respektieren, das ist das Wichtigste. Alles andere ergibt sich von alleine. Ach ja: Und wirf nicht mit finsteren Blicken um dich.» Marcos wählt andere Worte. Er spricht nicht von Favelas, das tut keiner, der in einer lebt. Es sei kein beleidigendes oder negatives Wort wie Slum.

Wie eine grosse Familie

«Aber wir leben in Comunidades. Wir wohnen eng beieinander in grossen Kommunen und sind wie eine grosse Familie.» Favela? «Wenn, dann sage ich, dass ganz Rio eine grosse Favela ist.» Am liebsten zum Beispiel zum reichen Typen aus Ipanema. «Er denkt, ich wohne hier am Berg in einer Favela und er am Asphalt nicht. Dann sage ich zu ihm: Junge, auch du wohnst in einer Favela.» «Berg und Asphalt», das bedeutet in der Sprache der Favelas «oben und unten».

Es gibt die friedlicheren Favelas wie eben Rocinha. Es gibt aber die anderen ganz im Norden. Die Complexo do Alemão oder die Complexo da Maré. Complexos sind die grossen Favelas, die aus mehreren kleinen zusammengewachsen sind, unübersichtlich, auch für die Polizei, und darum nur offiziell «befriedet».

Erst letzten Mittwoch kam es in Alemão bei einer Razzia wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Favelabewohnern und Polizei, die laut gewöhnlich gut informierten Internetblogs mit 130 Mann einfiel und einiges platt machte. Und in Maré sind diese sonst in Kriegsgebieten üblichen Zustände Normalität: Militär-Checkpoint beim Eingang in die Favela, Panzerwagen, Sandsäcke, Stacheldraht. Vitor Santiago, ein 30-Jähriger aus Maré, ist einer der Menschen, die dank Amnesty International oder Terre des Hommes den Opfern von Polizeigewalt in Brasilien ein Gesicht geben.

Am Dienstag erzählte er in Rio an einer gemeinsamen Informationsveranstaltung der beiden Menschenrechtsorganisationen seine Geschichte. Er tat dies im Rollstuhl, weil vor einem Jahr sein linkes Bein amputiert werden musste. Nach dem Passieren eines Checkpoints schossen ihm Militärpolizisten in den Rücken und ins Bein, ohne Grund, wie er sagt. Seither ist Vitor Santiago querschnittgelähmt. Amnesty International sagt, dass weder staatliche Unterstützung noch eine richtige Untersuchung des Falles erfolgt seien. In Rio laufen Bestrebungen, auch die Problemfälle wie Alemão und Maré zu lösen.

Allerdings nicht so, wie es die Bewohner wünschen. Über Alemão führt seit fünf Jahren eine imposante Seilbahn, die Teleférico, mit sechs Stationen. Die Favelabewohner dürften sie gratis benutzen, besteigen die Bahn indes kaum. Sie hätten lieber Spitäler und bessere Abwassersysteme. Maré, das alle Olympiabesucher nach der Landung auf dem grossen internationalen Flughafen Antonio Carlos Jobim auf dem Weg in die Stadt passieren, weil die Schnellstrasse mitten durch die Favela führt, ist eine der wenigen «flachen» Armutsviertel, die nicht an einem Berg situiert sind. Pünktlich für Olympia sind entlang der Strasse hohe Wände montiert worden. Als Lärmschutz für die Anwohner, heisst es. Näher an der Wahrheit dürfte die Version der Betroffenen liegen: Es sind Sichtschutze, weil sich die Stadt für Maré schämt, der Besucher soll nach der Landung nicht als erstes Favelas und Panzerwagen sehen.

Malen statt Sport

Olympia. Interessiert das den Künstler WARK? «Das ist eine schwierige Frage», sagt er und wird erstmals nachdenklich. «Ich muss jetzt überlegen, was ich sage.» WARK ist kein Freund des Sports, sei es nie gewesen. «Früher, als ich ein kleines Kind war, wurden beim Fussball zu allerletzt immer die Dicken gewählt. Und danach ich. Darum malte ich lieber.» Richtiges Graffiti kam erst später, mit 15. Das, was er vorher mit der Spraydose machte, schwarze Buchstaben und Symbole, heisst «Pichação». «Die meisten Leute würden eher sagen, ich hätte Wände beschmutzt.» Dann lernte er zunächst einen Künstler, dann die ganze Szene und den Hip Hop kennen.

«Es war wie eine Schule, ein Informationsaustausch ohne Lehrabschluss. Ich lernte auch unsere Regeln der Strasse kennen, zum Beispiel, dass du dort, wo schon ein Graffiti ist, nicht dein Ding darüber sprühst.» Schon bald wurde Marcos Rodrigo beim Sprayen regelmässig von Kindern angesprochen, sie wollten das, was er machte, auch können. «Da merkte ich, wie in Rocinha die Kunst fehlte und sich keiner in der Comunidade darum kümmerte.» Das hat er nun geändert. «Mein Ziel ist, hier eine Kunstschule zu haben, Kindern bessere Möglichkeiten zu geben. Dort soll ihre Kunst auch verkauft werden. Weil wenn kein Geld reinkommt, dann sind die Eltern dagegen.

Doch verkauft der Nachwuchs ein Bild für 50 Reais, sagen sie stolz: ,Schau mal, mein Kind ist Künstler!’» Und was ist jetzt mit Olympia? Nun kommt Marcos doch noch in Fahrt: «Es ist wie mit den Vorurteilen über die Comunidades, in die man nicht gehen soll. Wer verbreitet die? Und wer behauptet, dass in Rio angeblich eine Riesenparty wegen Olympia stattfindet, obwohl das am Einheimischen vorbei geht, weil er wirklich andere Probleme hat? Das Fernsehen, unser Hauptsender Globo, der die Leute manipuliert.»

Er zeigt auf eines seiner Bilder an der Wand, seine Version vom berühmten Abendmahl. Dort, wo der Kopf von Jesus sein sollte, hat er einen Fernseher hingemalt. «Ich stellte mir die Frage, an wen die Leute heute wirklich glauben. An den neuen Gott, das Fernsehen.» Eines fasziniere ihn aber an Olympia: Das unter neutraler Flagge antretende Team mit den zehn Flüchtlingen. «Meine Goldmedaille geht an sie, sie sind der grösste Gewinn. Ob Brasilien gut abschneidet oder nicht, kümmert mich nicht.»

Rocinha ist weiter als viele andere Favelas. Es gibt Führungen, Touristen interessieren sich für das Leben der Leute, davon profitieren auch die vielen kleinen Läden und Restaurants, die als genauso gut gelten wie die viel teureren in der reichen Südzone Rios. An den vielen guten Aussichtspunkten haben schlaue Einwohner begonnen, kleine Märkte zu eröffnen. Es gibt mittlerweile sogar mitten in den Favelas kleine Hostels für mutige Rucksacktouristen. Darum freut es immer mehr Einwohner Rocinhas, wenn die «Gringos» kommen. Auch das ist Identität: Wenn sich jemand für dein Leben interessiert.

Mit Insektiziden werden Eiablageplätze eliminiert. Besonders in den Favelas gibt es mangels moderner Abwassersysteme viele Brutstellen der Gelbfiebermücken, die das Zika-Virus übertragen.

Mit Insektiziden werden Eiablageplätze eliminiert. Besonders in den Favelas gibt es mangels moderner Abwassersysteme viele Brutstellen der Gelbfiebermücken, die das Zika-Virus übertragen.

KEYSTONE/AP/Martin Mejia

Warum eigentlich die vielen Engelsfiguren? «Sie sind die Weiterführung der allerersten Figuren, die ich sprayte», sagt Marcos. Er malt die Engel nicht nur in vielen Farben, sondern auch in vielen Formen. Es gibt auch schwangere Engel von WARK zu sehen. «Ich drücke mich aus, indem ich mich auf der Strasse mit den Leuten über Kunst unterhalte. Und dort sehe ich halt oft auch Schwangere.» Es mache ihm nichts aus, wenn die Leute seine Engel für etwas anderes halten.

«Ich rede nicht gerne über die Bilder, jeder soll für sich entscheiden, was er in ihnen sieht.» Kunst sei Demokratie und Graffiti ihre demokratischste Form. «Keiner muss ins Museum und Geld bezahlen, um Graffiti zu sehen. Eines seien seine Engel nicht: Religiöse Figuren. Sondern? «Ein Engel ist ein Licht im Dunkeln, um Leben hineinzubringen.» Marcos steht auf, er muss los. Unten am Asphalt gäbe es offenbar eine Wand, die zur grössten Graffiti der Welt umgestaltet werden soll, auch er sei eingeladen, mitzuwirken. Allerdings ohne Honorar. «Das sehen wir dann», sagt er und lacht. Er habe abgemacht, noch nichts abzumachen, sondern vorbeizukommen und weiter zu diskutieren. Auch das sei brasilianische Kultur.