Regeländerung im Fussball
Bei Kopfweh gibt es zusätzliche Wechsel: Warum Philippe Senderos kein Held sein soll

Fussballer, die auf dem Platz eine Kopfverletzung erleiden, sollen ausgewechselt werden – dank einer neuen Regel.

Raphael Gutzwiller
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Ein Bild, das um die Welt geht: Philippe Senderos jubelt mit blutendem Gesicht.

Ein Bild, das um die Welt geht: Philippe Senderos jubelt mit blutendem Gesicht.

Keystone

Philippe Senderos ist ein Held. Der Mann, der wie Winkelried Kopf und Kragen riskiert für die Schweiz. WM 2006, Gruppenspiel gegen Südkorea, 23. Minute. Freistoss Hakan Yakin, Kopftor Senderos, 1:0. Dass Senderos dabei mit seinem Gegenspieler zusammenprallt, macht ihn für Medien und Fans zu einem richtigen Helden. Sein Jubel mit blutüberströmten Gesicht geht um die Welt.

Spieler sollen künftig nicht mehr als Helden gefeiert werden, weil sie weiterspielen. «Es soll okay sein, wenn man sich nach einer solchen Aktion auswechseln lässt», sagt Lukas Brud, Geschäfsführer der International Football Association Board (IFAB), die zuständig für die Fussballregeln ist. Deshalb schlägt das IFAB vor, die Regeln anzupassen. Die Idee: Wenn ein Spieler eine Kopfverletzung erleidet, soll er ausgewechselt werden ohne das Wechselkontingent zu strapazieren. «Dadurch erhoffen wir uns, dass die Spieler mitteilen, ob sie tatsächlich etwas spüren oder nicht. Wenn man immer im Hinterkopf hat, dass man mit einer Auswechslung der eigenen Taktik schadet, beisst man vielleicht eher auf die Zähne.» Der Fairness willen soll das gegnerische Team ebenfalls einen zusätzlichen Wechsel erhalten.

Am Mittwoch berät sich der Vorstand des IFAB über die Einführung einer Testphase. Es ist davon auszugehen, dass diese angenommen wird. Dann dürften Verbände und Wettbewerbe weltweit daran teilnehmen. Die Verbände aus Grossbritannien und den USA haben bereits Interesse angemeldet.

Die Fussballverband der USA macht auf Gehirnerschütterung aufmerksam:

In der Schweiz hält man sich mit einer Entscheidung zurück. Adrian Knup, Sportchef der Swiss Football League, sagt aber: «Wir begrüssen die Überlegungen des IFAB, da die Gesundheit der Spieler in den Vordergrund gestellt werden sollte.»

Kommt die Testphase zu einem positiven Ergebnis, würde die neue Regel in die Fussballregeln integriert. Das würde bedeuten, dass sie auf jeglichen Stufen gälte. Dies war auch der Hauptgrund, weshalb sich das IFAB von der Idee von Temporär-Wechsel – wie sie im Rugby bei Kopfverletzungen üblich sind – distanzierte. Im Amateurfussball ist die medizinische Behandlung nicht gut genug, um zu überprüfen, wie schwer die Kopfverletzung tatsächlich ist.

Fabian Schär, der bewusstlos weiterspielte

Fabian Schär ist bewusstlos, spielt aber dennoch weiter.

Fabian Schär ist bewusstlos, spielt aber dennoch weiter.

Keystone (Tiflis, 23. März 2019

Mit der Regeländerung soll Schluss sein mit den aufwühlenden Geschichten, die schon beim Anschauen Kopfschmerzen bereiten. Zum Beispiel jene des Schweizer Nationalspielers Fabian Schär. Im WM-Qualifikationsspiel für die Schweiz gegen Georgien im März 2019 geht er in der 27. Minute bewusstlos zu Boden – und spielt dennoch durch. In der Folge fällt er wegen einer Gehirnerschütterung aus.

Christoph Kramer und sein K.o. im WM-Final

Geht im WM-Final zu Boden, spielt aber zunächst weiter: Christoph Kramer.

Geht im WM-Final zu Boden, spielt aber zunächst weiter: Christoph Kramer.

Keystone (Rio de Janeiro, 13. Juli 2014

Ähnlich ergeht es Christoph Kramer im WM-Final 2014. Er spielt weiter und wird erst ausgewechselt, als er völlig orientierungslos auf dem Spielfeld umherirrt.

Der Gegenspieler hat einen Schädelbruch, aber David Luiz macht weiter

Der Schädel brummt, das Spiel geht weiter: David Luiz.

Der Schädel brummt, das Spiel geht weiter: David Luiz.

John Walton / AP (29. November 2020

Kürzlich sorgte der Fall von David Luiz für Schlagzeilen. Im Premier-League-Spiel Ende November prallt er mit Gegenspieler mit Raul Jimenez von Wolverhampton zusammen. Jimenez erleidet einen Schädelbruch, Luiz spielt weiter. Zur Pause muss er raus.

Ein Protokoll zur Entscheidungsfindung

Nina Feddermann-Demont ist Leiterin des Swiss Concussion Center an der Schulthess Klinik und berät Fifa und IFAB. Gemeinsam mit einer internationalen Expertengruppe hat sie ein einheitliches Protokoll ausgearbeitet, nachdem Teamärzte am Spielfeldrand vorgehen sollen. «Eine Gehirnerschütterung ist ein dynamischer Prozess. Einige Symptome und Befunde entwickeln sich erst mit zeitlicher Verzögerung», sagt sie. «Das Protokoll soll eine Hilfestellung und ein Leitfaden für den Teamarzt sein. Bei Warnzeichen muss der Spieler ausgewechselt werden.»

Nina Feddermann-Demont ist Leiterin des Swiss Concussion Center.

Nina Feddermann-Demont ist Leiterin des Swiss Concussion Center.

Benjamin Manser

Nina Feddermann-Demont ist Leiterin des Swiss Concussion Center an der Schulthess Klinik und berät Fifa und IFAB. Gemeinsam mit einer internationalen Expertengruppe hat sie ein einheitliches Protokoll ausgearbeitet, nachdem Teamärzte am Spielfeldrand vorgehen sollen. «Eine Gehirnerschütterung ist ein dynamischer Prozess. Einige Symptome und Befunde entwickeln sich erst mit zeitlicher Verzögerung», sagt sie. «Das Protokoll soll eine Hilfestellung und ein Leitfaden für den Teamarzt sein. Bei Warnzeichen muss der Spieler ausgewechselt werden.»

Das Thema Kopfverletzung ist weit komplexer als typische Sportverletzungen. «Durch eine Gehirnerschütterung können unterschiedliche Systeme in ihrer Funktion betroffen sein. Das Erkennen der betroffenen Systeme ist entscheidend für das Handeln am Spielfeldrand, die Diagnose, die Therapie und die Rückkehr zum Spiel», sagt Feddermann.

Jede elfte Verletzung im Profifussball ist eine Kopfverletzung. Das ist verglichen mit American Football, im Eishockey oder im Rugby ziemlich selten. Studien aus diesen Sportarten deuten aber darauf hin, dass schwere Kopfverletzungen zu anhaltenden Symptomen und Langzeitfolgen wie Demenz, Depression oder andere Hirnerkrankungen verursachen können. Auch die Rückkehr ins Spiel kann gefährlich sein: «Das Risiko einer anderen Verletzung ist dann erhöht, wenn eine verlängerte Reaktionszeit oder beeinträchtigte Augenbewegungen vorliegen oder anhaltend sind.»

WM-Held Senderos musste übrigens gegen Südkorea wegen einer Schulterverletzung ausgewechselt werden.

Der Mann mit den acht Gehirnerschütterungen

Erleidet in seiner Karriere acht Gehirnerschütterungen.

Erleidet in seiner Karriere acht Gehirnerschütterungen.

Maxim Shipenkov / EPA

Einer, der weiss, wie sich eine Gehirnerschütterung anfühlt, ist Philippe Montandon. In über 400 Partien als Fussballer hielt er unter anderem für St. Gallen und Lugano den Kopf hin. Acht Gehirnerschütterungen erlitt Montandon als Spieler. Nach der letzten am 9. August 2014 musste er seine Karriere beenden. «Natürlich stimmt mich diese Thematik nachdenklich», sagt Montandon. «Zum Glück habe ich bisher keine richtigen Folgeschäden erlitten. Das einzige was ich merke, ist Unwohlsein, wenn die Lichtverhältnisse schwierig sind, etwa beim Skifahren.» Die Ärzte in seiner Karriere hätten ihn sehr gut behandelt, hält Montandon fest. Dennoch spielte er bei seiner zweitletzten Gehirnerschütterung zunächst weiter. «Ich habe zuerst gesagt, dass es nicht schlimm sei. Wenig später merkte ich aber, dass ich auf dem Platz komplett die Orientierung verloren habe.»

Ein Beispiel, das zeigt: Spieler haben Mitspracherecht, wenn es um die Beurteilung von Kopfverletzungen geht. Das Problem dabei: Fussballer wollen immer spielen und stehen bei einem Spiel unter Adrenalin. Da bei Kopfverletzungen in der Regel keine äusseren Zeichen sichtbar sind, unterschätzen viele Spieler die Situation. Und der Druck ist gross. Montandon sagt: «Als Spieler hat man keine Zeit verletzt zu sein.»

Für den Teamarzt hat die Gesundheit der Spieler oberste Priorität

Siegfried Reichenbach, leitender Teamarzt beim FC Luzern, hört dennoch auf den Eindruck der Spieler: «Als Arzt muss man auf das Empfinden des Patienten Rücksicht nehmen.» Auch sehe er immer wieder Fälle, in denen Spieler weiterspielen, obschon sie das nicht sollten. «Wenn ich Kopfverletzungen im TV sehe und der Spieler weitermacht, frage ich mich schon, wie ich entschieden hätte», so Reichenbach, der in Luzern bisher zum Glück nur wenige schlimme Fälle beurteilen musste. «Wir gehen in solchen Fällen nach den Protokollen vor und treffen eine Entscheidung zum Wohl des Spielers. Wichtig ist, sich als Arzt nicht dem Druck von aussen auszusetzen. Die Gesundheit muss oberste Priorität geniessen.»

Siegfried Reichenbach (zweiter von links) mit seinem Medical Team des FC Luzern. Ebenfalls auf dem Bild sind die Sportphysiotherapeuten Eric Schoenfeld (ganz links), Paul Menalda (zweiter von rechts) und Sportphysiotherapeut Michael Gut (ganz rechts).

Siegfried Reichenbach (zweiter von links) mit seinem Medical Team des FC Luzern. Ebenfalls auf dem Bild sind die Sportphysiotherapeuten Eric Schoenfeld (ganz links), Paul Menalda (zweiter von rechts) und Sportphysiotherapeut Michael Gut (ganz rechts).

Martin Meienberger/Freshfocus

Doch im Fussball geht es um viel. Abstiegskampf oder WM-Final – der Druck ist gross, auch auf die Ärzte. Zu öffentlichen Debatten kam es 2015, nach dem sich der damalige Arzt von Bayern München, Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, mit Pep Guardiola verstritt. Der Trainer hatte den medizinischen Staff für eine Niederlage in Porto verantwortlich gemacht, weil viele Stars verletzt gefehlt haben.

Auch mit neuer Regel wird wohl der Druck auf Ärzten und Spieler hoch bleiben, auf die Zähne beissen zu müssen. Vielleicht kann sich die Kultur in den Köpfen der Fans aber langsam verändern. Den Köpfen der Fussballer wäre es zu gönnen.