Kann man von einer Karriere träumen, bevor ein Kind überhaupt geboren worden ist? Ja, kann man. Als Ivan Bencic sah, wie Martina Hingis im Januar 1997 mit 16 Jahren ihr erstes Grand-Slam-Turnier gewann, da stand für ihn fest, dass er mit seinen Kindern Tennis spielen möchte.

Bencic, selber ehemaliger Eishockey-Spieler, stellt auf dem Garagenvorplatz des Hauses im sankt-gallischen Oberuzwil ein Tennisnetz auf. Bereits mit zwei Jahren hält Klein Belinda erstmals ein Racket in ihren Händen. Schnell wird deutlich: Das Mädchen ist sehr geschickt im Umgang mit Ball und Schläger – so nimmt die Geschichte ihren Lauf.

2015 Rogers Cup Final, Belinda Bencic vs Simona Halep: die Highlights.

2015 Rogers Cup Final, Belinda Bencic vs Simona Halep: die Highlights.

Bencic war in Bollettieris Akademie

Als Belinda Bencic vier Jahre alt und immer offensichtlicher ist, dass hier ein ausserordentliches Talent heranwächst, entschliesst sich Papa Bencic zusammen mit seinem Jugendfreund Marcel Niederer als Investor voll auf die Karte Tennis zu setzen. 2003 folgt ein halbjähriger Aufenthalt in der berühmten Akademie von Nick Bollettieri in Florida, in welchem Belinda noch einmal markante Fortschritte macht.

Zurück in der Schweiz beginnt sie schliesslich intensiv und gezielt zu trainieren – unter der Leitung von Melanie Molitor, der Mutter von Martina Hingis. Vater Ivan, hauptberuflich als Versicherungsmakler tätig, beobachtet die Tochter in fast jedem Training und begleitet sie an jedes Turnier, wo er ihr als Coach zur Seite steht.

Das Platzinterview mit Siegerin Belinda Bencic

Rogers Cup 2015: Das Platzinterview mit Siegerin Belinda Bencic.

Mit 14 Jahren im Fed-Cup-Team

Der Aufstieg von Belinda Bencic, die in der Schweiz bald einsame Spitze ist, ist unaufhaltsam. Mit 14 Jahren kratzt sie an Position 1000 in der Frauen-Weltrangliste und ist bereits Teil des Schweizer Fed-Cup-Teams. 2013 folgt der Beweis, dass sie auf ihrer Altersstufe zur absoluten Weltspitze gehört: Sie gewinnt die Junioren-Grand-Slam-Turniere in Paris und Wimbledon. 

Die ersten Stimmen werden laut, die besagen, dass Belinda Bencic ein «Wunderkind» sei – ein heute oft vorschnell verwendeter und überstrapazierter Titel. «Wenn man als Juniorin schon die beste Spielerin der Welt ist, dann ist man ein Wunderkind. Auch Belinda ist selbstverständlich ein Wunderkind. Spielerinnen wie sie gibt es offensichtlich nicht wie Sand am Meer», sagt Heinz Günthardt, Tennis-Experte beim Schweizer Fernsehen und als Captain des Fed-Cup-Teams ein enger Begleiter und Kenner von Bencic’ Werdegang. Wenn jemand die Leistungen und das Potenzial der jungen Ostschweizerin richtig beurteilen kann, dann der ehemalige Weltklasse-Spieler.

Optimaler Zeitpunkt

Für Heinz Günthardt steht ausser Frage, dass Belinda Bencic dereinst ganz oben auf dem Tennis-Thron landen kann. Die Voraussetzungen dazu sind seiner Ansicht nach ideal: «Momentan gibt es im Frauentennis viele gute Spielerinnen, aber nur eine überragende: Serena Williams. Aber sie ist auch schon 33 Jahre alt. Aus dem Verfolgerfeld kann Belinda jede Spielerin schlagen, was sie ja jetzt in Toronto bewiesen hat. Rein vom Zeitpunkt her ist die Situation für sie sehr gut.»

Günthardt glaubt, dass Belinda Bencic schon am kommenden US-Open (31. August bis 13. September) die Chance hat, ihren ersten Grand-Slam-Titel zu holen. «Wenn man Serena Williams wegrechnet, dann sind diese Turniere wirklich weit offen. Und Belinda hat ja sogar Serena besiegt», betont er, sagt aber auch: «Letztlich muss alles zusammenpassen.»

In Toronto zeigte Belinda Bencic, dass bei ihr momentan ziemlich viel zusammenpasst. Doch wie geht sie mit dem grösseren Erfolgsdruck um? Auch in dieser Beziehung hat Heinz Günthardt keinerlei Bedenken: «Von der mentalen Stärke her steht Belinda ganz weit oben. Sie ist es sich seit langem gewohnt zu gewinnen. Deshalb kann sie auch mit der gesteigerten Erwartungshaltung umgehen. Sie ist nicht überrascht davon zu gewinnen. Das ist ein Teil ihres Selbstvertrauens.»

Was vor 16 Jahren auf dem Garagenvorplatz in Oberuzwil begann, hat sich zu einer wunderbaren Geschichte entwickelt, die noch lange nicht zu Ende ist.

Lesen Sie hier auch die Analyse zum brillanten Auftritt von Belinda Bencic beim Tennisturnier in Toronto

Tennis-Wunderkinder – und was aus ihnen wurde: