London
Becker adelt Federer: «Ein Auto hat 5 oder 6 Gänge. Roger hat 10»

Roger Federer fehlt nach dem Halbfinal gegen Tomas Berdych noch ein Sieg zu seinem achten Wimbledon-Titel.

Simon Häring, London
Merken
Drucken
Teilen
Roger Federer setzt sich im Halbfinal gegen Tomas Berdych durch und trifft am Sonntag auf Marin Cilic. Es ist bereits seine 11. Finalteilnahme in Wimbledon.

Roger Federer setzt sich im Halbfinal gegen Tomas Berdych durch und trifft am Sonntag auf Marin Cilic. Es ist bereits seine 11. Finalteilnahme in Wimbledon.

Keystone

Als Roger Federer vor einem Jahr im Wimbledon-Halbfinal bäuchlings auf dem Rasen liegt, das Gesicht in den Händen vergraben und im Kopf den quälenden Gedanken, sein linkes Knie könnte ihn wieder im Stich lassen, erklären zahlreiche Beobachter wieder einmal, seine Zeit sei abgelaufen. «Das Ende einer Ära», sagt Boris Becker.

Nicht nur Federer selbst stellt sich diese Fragen, sondern alle, die an diesem Freitag Zeuge der Niederlage werden. Nie zuvor hatte man den leichtfüssigen Prototyp eines Rasenspielers derart verletzlich und aus der Balance gesehen. Bewundert wurde Federer schon immer, doch nun vermischte sich die Bewunderung immer mehr mit der Faszination seiner neuen Verletzlichkeit. Doch in der Retrospektive betrachtet ist Wimbledon 2016 mehr Ursprung und Markstein einer Wiedergeburt.

Die Bilder zum Match gegen Berdych:

Roger Federer traf im Wimbledon-Halbfinal auf den Tschechen Tomas Berdych.
6 Bilder
Federer gewann den ersten Satz im Tiebreak.
Der Maestro gewann auch den zweiten Satz im Tiebreak.
Den letzten Satz gewann er souverän 6:4.
Federer steht somit ohne Satzverlust im Final.
Endstation im Halbfinal: Tomas Berdych scheitert an Roger Federer.

Roger Federer traf im Wimbledon-Halbfinal auf den Tschechen Tomas Berdych.

Keystone

Wimbledon prägt Federers Karriere, ja sein Leben. Ebenso sehr aber prägt der Baselbieter Wimbledon. Mit einem 7:6 (7:4), 7:6 (7:4), 6:4 gegen den Tschechen Tomas Berdych (31, ATP 15) zieht er an der Church Road zum elften Mal in den Final ein. Mit einem achten Titel am Sonntag gegen Marin Cilic (28, ATP 6) kann er sich zum alleinigen Rekordsieger emporschwingen. «Es bedeutet mir sehr viel und macht mich stolz, wenn ich mich in der Geschichte dieses Turniers verewigen kann», sagt der Baselbieter, als er darauf angesprochen wird, dass er gerade sein 100. Einzel im Südwesten Londons bestritten hatte.

Gegen Berdych geht Federer nicht über Wasser, aber er gewinnt fast alle wichtigen Punkte. Er wehrt fünf von sechs Breakchancen ab, schlägt 13 Asse und entscheidet zwei Tiebreaks für sich. «Ein Auto hat fünf oder sechs Gänge. Roger aber hat zehn. Und wenn es nötig wäre, hätte er sicher noch einen elften», sagt Becker, der dreifache Wimbledon-Sieger.

«Das ist Federers Zuhause»

Nach seiner Verletzungspause hat Federer in einem Halbjahr nur sechs Turniere bestritten, davon vier gewonnen. In Wimbledon, wo für ihn mit dem Junioren-Titel 1998 alles begann, steht er zum dritten Mal nach 2006 und 2008 ohne Satzverlust im Final. «Ich würde sagen, er hat den Lauf seines Lebens. Aber im Prinzip ist sein ganzes Leben so», sagt Becker, der Federers Zeit vor 371 Tagen für abgelaufen erklärt hatte.

Boris Becker über Roger Federer: «Ein Auto hat fünf oder sechs Gänge. Roger aber hat zehn. Und wenn es nötig wäre, hätte er sicher noch einen elften.»

Boris Becker über Roger Federer: «Ein Auto hat fünf oder sechs Gänge. Roger aber hat zehn. Und wenn es nötig wäre, hätte er sicher noch einen elften.»

KEYSTONE/EPA/HANNAH MCKAY

«Das ist Federers Zuhause. Er drückt immer aufs Gaspedal, lässt seinen Gegner nicht atmen.» Einen knappen Monat vor seinem 36. Geburtstag hat sich der vierfache Vater und 18-fache Grand-Slam-Sieger noch einmal neu erfunden.

Einmal sagte er über Wimbledon, selbst wenn er seine Karriere nur hier gespielt hätte, wäre sie bereits grossartig. Es sei die Geschichte, das Gefühl, das einen erfasse, wenn man die Anlage betrete. Der Hauch der Vergangenheit, die Präsenz der ehemaligen Grössen wie Rod Laver, Björn Borg oder seines ehemaligen Trainers Stefan Edberg, der am Freitag als Besucher neben seiner Mutter Lynette in seiner Box sitzt.

Nun dreht sich im Epizentrum des Tennis-Sports, beim ältesten Tennis-Turnier der Welt, wieder einmal alles um ihn. Seit einem Jahrzehnt trotzt er den Abgesängen, die auf ihn gemacht werden, wenn er für einmal nur ein normaler Spieler ist. Nach seinen Erfolgen in diesem Jahr wird darüber spekuliert, wann er letztmals so gut gespielt hat. Vor drei Jahren? Vor sieben? Vor zehn Jahren? Wie überall, wo nicht Millimeter oder Hundertstelsekunden unbestechliche Zeugen der Realität sind, neigt der Mensch zur Verklärung.

Vergangene Woche wird er gefragt, ob er besser spiele denn je. Seine Antwort: «Ich denke nicht, aber ich hoffe, mich jedes Jahr verbessern zu können. Ich bin einfach glücklich, dass ich immer noch so gut spiele. Ob ich überrascht bin? Vielleicht ein wenig.» Allzu oft geht vergessen, dass es nicht nur sein üppiger Palmarès, bestehend aus 92 Einzel-Titeln und einer ganzen Kaskade von Rekorden, in die Geschichte des Sports eingehen werden. Am Sonntag bestreitet er sein 1358. Einzel, seinen 29 Grand-Slam-Final beim 70. Grand-Slam-Turnier. Alles Rekorde.

Im Final trifft er mit Marin Cilic (28, ATP 6) auf einen Spieler, den er von Anfang an auf der Rechnung hatte. «Er hat die Waffen, Roger wehzutun», sagt Becker. Wie vor drei Jahren, als er in den Halbfinals der US Open Federer in drei Sätzen demontierte, den ersten und bis jetzt letzten Sieg in sieben Duellen mit dem Schweizer feiert und am Tag darauf auch sein einziges Grand-Slam-Turnier gewinnt.

Im Vorjahr hatte er gegen Federer in den Viertelfinals eine 2:0-Satzführung verspielt und dabei drei Matchbälle vergeben. Der 1,98 Meter grosse Kroate hat eine wechselvolle Karriere hinter sich. Mit 21 Jahren stösst er erstmals in die Top Ten vor. 2013 wird ihm in einer Dopingkontrolle das Psychostimulans Nikethamid nachgewiesen.

Das sind alle Turniersiege von Roger Federer:

94. Titel, Shanghai 2017 Rafael Nadal, 6:4, 6:3.
94 Bilder
93. Titel, Wimbledon 2017 Marin Cilic, 6:3, 6:1, 6:4
92. Titel, Halle 2017 Alexander Zverev, 6:1, 6:3
91. Titel, Miami 2017 Rafael Nadal, 6:3, 6:4
90. Titel, Indian Wells 2017 Stan Wawrinka, 6:4, 7:5.
89. Titel, Australian Open 2017 Rafael Nadal, 6:4, 3:6, 6:1, 3:6, 6:3.
88. Titel, Basel 2015 Rafael Nadal, 6:3, 5:7, 6:3.
87. Titel, Cincinnati 2015 Novak Djokovic, 7:6 (7:1), 6:3.
86. Titel, Halle 2015 Andreas Seppi, 7:6 (7:1), 6:4
85. Titel, Istanbul 2015 Pablo Cuevas, 6:3, 7:6 (13:11)
84. Titel, Dubai 2015 Novak Djokovic, 6:3, 7:5.
83. Titel, Brisbane 2015 Milos Raonic, 6:4, 7:6, 6:4. - Es war Federers 1000. ATP-Karriere-Sieg.
82. Titel, Basel 2014 David Goffin, 6:2, 6:2.
81. Titel, Schanghai 2014 Gilles Simon, 7:6 (8:6), 7:6 (7:2)
80. Titel, Cincinnati 2014 David Ferrer, 6:3, 1:6, 6:2.
79. Titel, Halle 2014 Alejandro Falla, 7:6, 7:6
78. Titel, Dubai 2014 Tomas Berdych, 3:6, 6:4, 6:3.
77. Titel, Halle 2013 Michail Juschni, 6:7 (5:7), 6:3, 6:4.
76. Titel, Cincinnati 2012 Novak Djokovic, 6:0, 7:6 (9:7)
75. Titel, Wimbledon 2012 Andy Murray 4:6, 7:5, 6:3, 6:4
74. Titel, Madrid 2012 Tomas Berdych 3:6, 7:5, 7:5.
73. Titel, Indian Wells 2012 John Isner, 7:6, 6:3.
72. Titel, Dubai 2012 Andy Murray, 7:5 6:4.
71. Titel, Rotterdam 2012 Juan Martin Del Potro, 6:1, 6:4.
Federer feiert 2011 an den ATP World Tour Finals in London den 70. Titel im 100. Final Jo-Wilfried Tsonga, 6:3, 6:7, 6:3
69. Titel in Paris-Bercy Jo-Wilfried Tsonga, 6:1, 7:6
68. Titel in Basel 2011 Kei Nishikori, 6:1, 6:3
67. Titel in Doha 2011 Nikolay Davydenko, 6:3, 6:4
66. Titel an den World Tour Finals in London 2010 Rafael Nadal, 6:3, 3:6, 6:1
65. Titel in Basel 2010 Novak Djokovic, 6:4, 3:6, 6:1
64. Titel in Stockholm 2010 Florian Mayer, 6:4, 6:3
63. Titel in Cincinnati 2010 Mardy Fish, 6:7, 7:6, 6:4
62. Titel: Federer gewinnt die Australian Open 2010 Andy Murray, 6:3, 6:4, 7:6
61. Titel in Cincinnati 2009 Novak Djokovic, 6:1, 7:5
60. Titel: Wimbledon 2010 Andy Roddick, 5:7, 7:6, 7:6, 3:6, 16:14
59. Titel: Ein emotionaler Titel! Federer gewinnt 2009 endlich die French Open in Paris Robin Söderling, 6:1, 7:6, 6:4
58. Final in Madrid 2009 Rafael Nadal, 6:4, 6:4
57. Final in Basel 2008 David Nalbandian, 6:3, 6:4
56. Titel: Federer gewinnt die US Open 2008 Andy Murray, 6:2, 7:5, 6:2
55. Titel in Halle 2008 Halle. Philipp Kohlschreiber, 6:3, 6:4
54. Titel in Estoril 2008 Nikolay Davydenk0, 7:6, 1:2 (w.o.)
53. Titel in Schanghai 2007 David Ferrer, 6:2, 6:3, 6:2
52. Titel in Basel 2007 Jarkko Nieminen, 6:3, 6:4
51. Titel: US Open-Sieg 2007 Novak Djokovic, 7:6, 7:6, 6:4
50. Titel in Cincinnati 2007 James Blake, 6:1, 6:4
49. Titel: Skpektakulärer Wimbledon-Triumph 2007 Rafael Nadal, 7:6, 4:6, 7:6, 2:6, 6:2
48. Titel in Hamburg 2007 Rafael Nadal, 2:6, 6:2, 6:0
47. Titel in Dubai 2007 Mikhail Juschni, 6:4, 6:3
46. Titel: Federers Sieg an den Australian Open 2007 Fernando Gonzalez, 7:6, 6:4, 6:4
45. Titel in Schanghai 2006 James Blake, 6:0, 6:3, 6:4
44. Titel in Basel 2006 Fernando Gonzalez, 6:3, 6:2, 7:6.
43. Titel in Madrid 2006 Fernando Gonzalez, 7:5, 6:1, 6:0
42. Titel in Tokio 2006 Tim Henman, 6:3, 6:3
41. Titel: Federer gewinnt 2006 auch die US Open Andy Roddick, 6:2, 4:6, 7:5, 6:1
40. Titel in Toronto 2006 Richard Gasquet, 2:6, 6:3, 6:2
39. Titel, Federer gewinnt 2006 Wimbledon Rafael Nadal, 6:0, 7:6, 6:7, 6:3
38. Titel in Hamburg 2006 Tomas Berdych, 6:0, 6:7, 6:2
37. Titel in Miami 2006 Ivan Ljubicic, 7:6, 7:6, 7:6
36. Titel in Indian Wells 2006 James Blake, 7:5, 6:3, 6:0
35. Titel: Ein emotionaler Titel: Federer gewinnt 2006 die Australian Open Marcos Baghdatis, 5:7, 7:5, 6:0, 6:2
34. Titel in Doha 2006 Gaël Monfils, 6:3, 7:5
33. Titel in Bangkok 2005 Andy Murray, 6:3, 7:5
32. Titel: Federer gewinnt 2005 die US Open Andre Agassi, 6:3, 2:6, 7:6, 6:1
31. Titel in Cincinnati 2005 Andy Roddick, 6:3, 7:5
Federer gewinnt Wimbledon 2005, sein 30. Titel Andy Roddick, 6:2, 7:6, 6:4
29. Titel in Halle 2005 Marat Safin, 6:4, 6:7, 6:4
28. Titel in Hamburg 2005 Richard Gasquet, 6:3, 7:5, 7:6
27. Titel in Miami 2005 Rafael Nadal, 2:6, 6:7, 7:6, 6:3, 6:1
26. Titel in Indian Wells 2005 Lleyton Hewitt, 6:2, 6:4, 6:4
25. Titel in Dubai 2005 Ivan Ljubicic, 6:1, 6:7, 6:3
24. Titel in Rotterdam 2005 Ivan Ljubicic, 5:7, 7:5, 7:6
23. Titel in Doha 2005 Ivan Ljubicic, 6:3, 6:1
22. Titel in Houston 2004 Lleyton Hewitt, 6:3, 6:2
21. Titel in Bangkok 2004 Andy Roddick, 6:4, 6:0
Federer gewinnt zum ersten Mal die US Open, sein insgesamt 20. Titel Lleyton Hewitt, 6:0, 7:6, 6:0
19. Titel in Toronto 2004 Andy Roddick, 7:5, 6:3
18. Titel in Gstaad 2004 Igor Andrejev, 6:2, 6:3, 5:7, 6:3
Der zweite Wimbledon-Titel 2004: Sein insgesamt 17. Titel Andy Roddick, 4:6, 7:5, 7:6, 6:4
16. Titel in Halle 2004 Mardy Fish, 6:0, 6:3
15. Titel in Hamburg 2004 Guillermo Coria, 4:6, 6:4, 6:2, 6:3
14. Titel in Indian Wells 2004 Tim Henman, 6:3, 6:3
13. Titel in Dubai 2004 Feliciano Lopez, 4:6, 6:1, 6:2
Der erste Autralian Open-Sieg: Jahr 2004, sein 12. Titel Marat Safin, 7:6, 6:4, 6:2
11. Titel in Houston 2003 Andre Agassi, 6:3, 6:0, 6:4
10. Titel in Wien 2003 Carlos Moya, 6:3, 6:3, 6:3
Federers erster Grand Slam-Sieg: Wimbledon 2003 Mark Philippoussis, 7:6, 6:2, 7:6
8. Titel in Halle 2003 Nicolas Kiefer, 6:1, 6:3
7. Titel in München 2003 Jarkko Nieminen, 6:1, 6:4
6. Titel in Dubai 2003 Jiri Novak, 6:1, 7:6
5. Titel in Marseille 2003 Jonas Bjorkman, 6:2, 7:6
4. Titel in Wien 2002 Jiri Novak, 6:4, 6:1, 3:6, 6:4
3. Titel in Hamburg 2002 Marat Safin, 6:1, 6:3, 6:4
2. Titel in Sydney 2002 Juan Ignacio Chela, 6:3, 6:3
Roger Federers erster Titel auf der ATP-Tour, Mailand 2001 Julien Boutter, 6:4, 6:7, 6:4

94. Titel, Shanghai 2017 Rafael Nadal, 6:4, 6:3.

Andy Wong

Eine viermonatige Sperre ist die Folge. Unter dem vormaligen Wimbledon-Sieger Goran Ivanisevic als Trainer wird Cilic ein neuer Spieler und dank eines justierten Bewegungsablaufs zu einem der besten Aufschläger der Welt. In Wimbledon hat er bisher bereits 130 Asse geschlagen.

Pokal-Duplikate für 10'000 Franken

Vergangene Woche erzählt Federer dem Schweizer Fernsehen die Geschichte, wonach er die Organisatoren des Turniers gebeten hat, gleich grosse Duplikate des Henkelpokals herzustellen. Schliesslich spiele er nicht um die Version, die nur einen Viertel so gross sei. Für die Nachbildungen, welche drei Viertel des Originals messen, soll er je 10 000 Franken bezahlt haben. Nun steht mit Cilic nur noch ein Spieler zwischen der Wiedervereinigung Federers mit dem Pokal, der ihm die Welt bedeutet.

Einmal wurde er gefragt, wann ihm Wimbledon besser gefalle: Vor dem Turnier, wenn nur das Ploppen der Bälle zu hören und der Rasen noch grün und satt ist, oder danach. Federer zögerte keine Sekunde: «Dann, wenn ich den Pokal in die Höhe strecke. Denn für diesen Moment sind wir alle hier.»