Champions League
Überraschung! – Und plötzlich steht die FC Basel-Welt kopf

National eine Erfolgsmaschine, international ungenügend – das war der FC Basel letzte Saison. Es kam der Umbruch und plötzlich scheint alles möglich: Von unterirdisch bis galaktisch. Auch heute gegen Manchester United.

Sébastian Lavoyer
Merken
Drucken
Teilen
Von der nüchternen Erfolgsmaschine zur magischen Wundertüte: Die Zuschauer im Joggeli wurden in dieser Saison oft bestens unterhalten.

Von der nüchternen Erfolgsmaschine zur magischen Wundertüte: Die Zuschauer im Joggeli wurden in dieser Saison oft bestens unterhalten.

Freshfocus

Das Drehbuch scheint perfekt: Rechtzeitig vor dem Rückspiel gegen Basel sind die Super-Stars Paul Pogba und Zlatan Ibrahimovic wieder fit. Beide landen gestern Abend mit ihrem Team in Basel, beide wären einsatzbereit. Und sie werden heute spielen, wenn alles normal läuft, so viel verrät José Mourinho.

Pogba von Beginn an, Ibrahimovic soll eingewechselt werden. Es ist das Sahnehäubchen für alle Fussball-Fans, die am Mittwoch ins Joggeli pilgern. Unabhängig davon ist das Spiel gegen Manchester United eines der grössten, vermutlich das grösste des ganzen Jahres.

Grosses Kino

Vom Torhüter (David de Gea) bis zum Trainer (José Mourinho) – die «Red Devils» sind ein Team voller Ikonen. Fast 700 Millionen Franken ist das Team wert, eines der Schwergewichte des Weltfussballs gastiert am Rhein. Grosses Kino.

Auf der anderen Seite der FC Basel. Nachdem im Sommer die komplette Führung inklusive Trainer und Sturm ausgewechselt wurde, präsentiert sich der Serienmeister ungewohnt unbeständig. Mit Ausreissern nach oben wie nach unten. Die neuen Drehbuchschreiber, so viel ist klar, haben die Emotionen zurück ins Joggeli gebracht.

Eilte Basel letzte Saison in der Meisterschaft von Erfolg zu Erfolg – man verlor während der ganzen Saison bloss zweimal (gegen YB) –, so enttäuschte man ebenso zuverlässig in der Königsklasse. Es begann beim ersten Spiel gegen Ludogorets Rasgrad (1:1) und endete mit dem Unentschieden in Bulgarien. Sang- und klanglos verabschiedete sich der FCB im Winter vom europäischen Parkett. Der FCB war so vorhersehbar wie das Datum von Weihnachten und Silvester.

Die magische Wundertüte

Unter Raphael Wicky dagegen war bisher alles dabei: von der 1:2-Heimniederlage gegen Lausanne bis zum triumphalen 5:0 gegen Benfica in der zweiten Runde der Champions-League-Gruppenphase. Der FCB wandelte sich von der nüchternen Erfolgsmaschine zur magischen Wundertüte.

Riesige Freude bei den Baslern nach dem Spiel
12 Bilder
Aleksandar Dragovic, Yann Sommer, David Angel Abraham und Valentin Stocker feiern den Sieg
Wayne Rooney steht die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben
FCB-Trainer Heiko Vogel herzt Frei
Alex Frei feiert das unglaubliche 2:0
Frei bringt den Ball hinter Torhüter David de Gea über die Linie zum 2:0
Sir Alex Ferguson, Trainer von ManU
Streller feiert das erste Tor der Partie
Torschütze Marco Streller lässt sich feiern.
Marco Streller beim Torschuss.
Basels David Angel Abraham kämpft gegen Manchesters Wayne Rooney
FC Basel schmeisst ManU aus der Champions League (7. Dezember 2011)

Riesige Freude bei den Baslern nach dem Spiel

Keystone

Wenn die Fans heute ins Stadion kommen, wissen sie, dass sie überrascht werden könnten. Das wird nicht anders sein, wenn Mourinho und seine Männer den letzte Woche frisch verlegten Joggeli-Rasen betreten werden.

Statt feiern, heisst es nun Wunden lecken

Die Schwankungen, denen das junge Team unterliegt, haben auch dazu geführt, dass die Basler wieder zittern müssen. Gegen ZSKA Moskau im letzten Gruppenspiel führte Basel lange mit 1:0. Ein Resultat, das den FCB direkt in die Achtelfinals der Königsklasse gebracht hätte. Doch mit der Einwechslung von Starspieler Alan Dsagojew kippte das Spiel zur Halbzeit.

Höchstpersönlich markierte er den Ausgleich. Und eine Viertelstunde später stand es 2:1 für die Gäste aus Russland. Statt die historisch frühe Qualifikation für die K.-o.-Phase zu feiern, hiess es Wunden lecken für Wicky und sein Team.

Wir können und wollen, müssen aber nicht

Die Chance hat man liegen lassen. Aber wie bringt man das aus den Köpfen der Spieler? «Beim Spiel gegen ZSKA Moskau wussten alle, was geschieht, wenn wir gewinnen. Die Drucksituation ist nun komplett anders.

Wir wollen und können gegen United gewinnen, aber wir müssen nicht», sagt Wicky. Das soll und muss genügen, um diesen Rückschlag aus den Köpfen der FCB-Stars zu vertreiben. Das heutige Spiel ist so etwas wie ein Bonus-Spiel. Alles kann, nichts muss. Ein kleiner Vorteil könnte dabei sein, dass die Russen heute schon um 18 Uhr spielen.

«Eine perfekte Leistung»

Sollten sie gegen Benfica verlieren, könnte das die nötigen Energien freisetzen für eine magische Nacht. Denn eines ist klar: Um auch nur einen Punkt gegen die Engländer zu holen, braucht es «eine perfekte Leistung», um es in den Worten von FCB-Trainer Wicky zu sagen.
Ohnehin gibt es Grund für sanften Optimismus.

Gemeinhin liegen dem FCB englische Mannschaften. Und die Basler sind zwar noch nicht wirklich konstant, aber sie wirken gefestigter als zu Beginn der Saison. Gegen Sion zum Beispiel gelang es dem FCB erstmals, einen Rückstand zu drehen. «Das Team hat einen Schritt nach vorne gemacht. Fussballerisch.

Fehler sind nicht erlaubt

Aber wir dürfen keine Fehler machen», sagt Wicky. Denn diese nützen «Ibrakadabra» & Co. garantiert kaltschnäuziger aus als die Konkurrenz in der Super League. Das ist der Unterschied zwischen absoluter Weltklasse und nationaler Spitzenklasse.

Und darauf dürfen sich die Matchbesucher heute Abend freuen. Erwarten darf man eine Überraschung nicht. Aber sie ist möglich. Und dann stünde die FCB-Welt schon wieder kopf. Wie unlängst gegen Benfica.

Als der FCB Manchester United aus der Champions League warf

Wir schreiben den 7 Dezember 2011:

Was war das für ein Spiel damals Ende 2011. Der FC Basel braucht am sechsten Spieltag der Gruppenphase der Champions League 2011/12 einen Sieg, um in der Königsklasse zu überwintern. Und dann gehen die Rot-Blauen schon in der 30. Minute durch ein Tor von Marco Streller in Führung. Das Zittern beginnt – und erreicht einen der Höhepunkte in der 60. Minute, als Markus Steinhöfer eine Flanke von Nani mit voller Wucht an die Latte von Yann Sommers Kasten donnert.

«Wir üben im Training Lattenschiessen und ich habe bewiesen, dass ich es kann», scherzt er nach dem Spiel. Ja, er scherzt, denn der FCB gewinnt das Spiel gegen Manchester United. Kurz vor Schluss erhöht Alex Frei auf 2:0, erneut kommt die Flanke von Xherdan Shaqiri. United kommt zwar durch ein Tor von Phil Jones noch einmal heran. Aber es bleibt beim 2:1 für Basel. Die Sensation ist perfekt, der FCB kegelt einen der grössten Klubs des Weltfussballs aus der Königsklasse. Sir Alex Ferguson muss in die Europa League und sagt: «Ich kenne diesen Wettbewerb gar nicht, ich weiss nicht mal, welche Teams drin sind und wann gespielt wird.» (sel)