Behindertensport
Tobias Fankhauser: «Die Werte sind besser als vor einem Jahr»

Von der Rolle auf die Bahn: Der Hölsteiner Paralympics-Medaillengewinner Tobias Fankhauser hat im Training neue Reize gesetzt und ist bereit für die Heim-WM.

Andreas Fretz
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Handbiker Tobias Fankhauser mit der Silbermedaille in London 2012. Keystone

Handbiker Tobias Fankhauser mit der Silbermedaille in London 2012. Keystone

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Was haben Tennis-Star Roger Federer, die Eishockey-Spielerin Sandra Thalmann und Handbiker Tobias Fankhauser gemeinsam? Alle drei haben an den letzten Olympischen Spielen in ihrer Sportart Edelmetall gewonnen. Baselbieter Athleten mit Olympiamedaillen um den Hals geniessen Seltenheitswert. Und doch könnte die Aufmerksamkeit, die sie erhalten, nicht unterschiedlicher sein: Weltstar Federer im grellen Scheinwerferlicht, Thalmann in seinem Schatten und Paralympics-Teilnehmer Fankhauser irgendwo im Kernschatten.

Die Silbermedaille im Strassenrennen von London 2012 hat dem 25-Jährigen zumindest temporär nationale Aufmerksamkeit beschert. In der Region sogar darüber hinaus. «Im Baselbiet und in Basel werden meine Leistungen durchaus wahrgenommen, auch dann, wenn keine Paralympics auf dem Programm stehen», sagt der Hölsteiner.

In diesem und im nächsten Jahr wartet wieder die grosse Bühne auf den Handbiker, der seit einem Velounfall im Alter von 14 Jahren querschnittgelähmt ist. Zum einen finden vom 28. Juli bis 2. August in Nottwil die Para-Cycling-Weltmeisterschaften statt, zum anderen gilt es, in diesem Jahr Punkte für die Paralympics in Rio 2016 zu sammeln.

Besondere Beziehung zu Nottwil

Heute startet Fankhauser am Europacup in Rosenau (F) in die Saison. In der Vorbereitung beschritt er neue Wege. Swiss Cycling hat es ihm ermöglicht, einmal pro Woche das Velodrome in Grenchen zu benutzen. «Ich wollte in diesem Winter neue Reize setzen», sagt Fankhauser, «auf der Bahn konnte ich einen abwechslungsreichen Ausgleich zum sehr monotonen Training auf der Rolle finden.» Die jüngsten Leistungstests stimmen zuversichtlich. «Die Werte sind besser als vor einem Jahr», sagt Fankhauser. Und vor einem Jahr reichte es immerhin zu WM-Bronze im Strassenrennen und im Teamwettbewerb.

Zum WM-Ort Nottwil hat Fankhauser einen ganz besonderen Bezug. Nach seinem Unfall hat er dort sechs Monate in der Erstrehabilitation verbracht. «Es war wie ein zweites Zuhause», sagt der Betriebswirtschaftsstudent der Fachhochschule Nordwestschweiz. Noch heute trainiert er zwei- bis dreimal pro Woche in Nottwil. Auch seinen heutigen Trainer Paul Odermatt hat er während der Erstrehabilitation im Paraplegiker-Zentrum kennen gelernt. Odermatt war es, der Fankhauser zum Handbike brachte.

«Die WM vor Heimpublikum ist eine grosse Motivation für mich», sagt Fankhauser. Er nutzt auch die Zeit, um den 7 km langen Rundkurs zu studieren. Die Strecke mit den vielen Höhenmetern kommt dem Leichtgewicht und guten Taktiker entgegen. Mit seinen 25 Jahren ist Fankhauser ein gutes Stück jünger als seine ärgsten Widersacher. Das Durchschnittsalter liegt um die 40. Die Zukunft gehört dem Baselbieter. «Aber ich will auch die Gegenwart nutzen», sagt Fankhauser.

Vom Kanton unterstützt

Bis 2013 ging Fankhauser in der Kategorie MH1 an den Start. Mit den Zahlen 1 bis 4 wird auf den Grad der Behinderung hingewiesen, wobei die 1 für den schwersten Grad steht. Nach einer Reglementsänderung 2014 wurde eine Kategorie mit noch höherem Handicap hinzugefügt (neu MH1–MH5), sodass Fankhauser nun in der Kategorie MH2 startet.

Unterstützt wird er bei seinem Sport auch vom Kanton. Fankhauser ist mit sieben weiteren Athleten im «Baselbieter Olympia-Team» und erhält jährlich einen Beitrag von 12 000 Franken. «Das ist eine sehr grosse Hilfe», sagt Fankhauser. Eine grosse Hilfe ist auch, dass er seit letztem September den Führerausweis hat. Gas und Bremse bedient er am Steuerrad. «Meine neue Mobilität und Unabhängigkeit entlastet vor allem meine Eltern, die mich früher immer chauffierten», sagt Fankhauser. Auch das ein Fortschritt.

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