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Tennis wie zu alten Zeiten: Der Charme des kleinen Nebenplatzes in der St. Jakobshalle

Gebannt schauen die Tennisfans dem Geschehen auf dem Nebenplatz zu.

Gebannt schauen die Tennisfans dem Geschehen auf dem Nebenplatz zu.

Die Spitzenspieler kommen nicht auf den Nebenplatz, den sogenannten Court 1. Trotzdem geht es auch dort hoch zu und her - auch weil nicht immer alles eindeutig ist und somit ein gewisses Konfliktpotenzial besteht.

Radu Albot und die Linienrichterin auf Court 1 sind sich einig. Noch wenige Sekunden vor dem Ausruf stoppt Albot seinen Schlag und spielt den Ball nur langsam zurück ins Feld seines Gegenübers. Der Ball muss im Aus gewesen sein, denken alle. Nur nicht der Schiedsrichter.

Da Tennis nicht wie eine Demokratie funktioniert, entscheidet der Schiedsrichter eigenmächtig: Der Ball ist draussen, der Punkt muss wiederholt werden. Die schüchternen Proteste Albots stossen in der kleinen, aber gefüllten Halle auf taube Ohren. Die Entscheidung kann er nicht – wie sonst üblich – anfechten, da der Nebenplatz in der St. Jakobshalle über kein Hawk-Eye-System verfügt.

Es ist Tennis wie zu alten Zeiten: Zwei Spieler bekämpfen sich, ohne dass eine Technologie millimetergenau über die Position eines Balles befindet. «Das macht es schwierig. Es kann sein, dass man in eine negative Stimmung gerät, weil man einen Ball fälschlicherweise draussen sah», sagt Albot nach seinem geglückten Auftaktsieg.

Ohne digitales Überwachungssystem bieten Linienrichter und der Schiedsrichter Angriffsfläche. «Es kommt vor, dass ein Spieler eine Entscheidung nicht akzeptiert. Während auf dem Center Court dann Hawk-Eye als Puffer für die Spieler dient, muss auf dem Court 1 halt der Schiedsrichter hinhalten», sagt Clément Guerra, einer der Linienrichter. Nur negativ sieht er die fehlende digitale Unterstützung aber nicht. Da die Linienrichter auf sich allein gestellt sind, erhalten sie mehr Verantwortung, stehen mehr im Fokus.

Im Dauereinsatz stehen auch die Platzanweiser, die strikte Essens- und Trinkverbote einhalten müssen. «Die Zuschauer halten sich nicht immer daran. Wir können auch nicht jede Tasche nach Flaschen kontrollieren», sagt Esther Sennhauser und sieht wie sich zwei Männer mit Bier in einer Alu-Flasche nähern. Instinktiv stoppen Sennhauser und ihr Kollege alle Personen, die verbotene Gegenstände schmuggeln wollen, so als fände eine Polizeikontrolle statt.

Esther Sennhauser hat alle Hände voll zu tun.

Esther Sennhauser hat alle Hände voll zu tun.

Wenn die Frisur wichtiger ist als das Spiel

Auch wenn nicht allzu viele Menschen in den Court 1 – der nur an einer Seite über eine Tribüne verfügt – passen, der Stimmung macht dies keinen Abbruch. Das Geklatschte und Gejohle verhallt nicht in einem weiten Rund wie auf dem benachbarten Hauptplatz. Das Publikum sitzt zusammengequetscht auf den orangen Stühlen, die notdürftig auf dem Betonboden installiert wurden. «Die Halle ist zwar klein, aber die Fans haben coole Stimmung für beide Spieler gemacht», lobt Tennisspieler Radu Albot.

Wenige Stunden später ist davon nichts mehr zu sehen. Während auf dem Hauptplatz die Nummer 2 des Turniers, Alexander Zverev, spielt und verliert, verirren sich nur ein paar Hartnäckige für ein Herrendoppel auf den Nebenplatz. Darunter mischen sich auch Tennis-Romantiker. «Auf dem Center Court gab es nur Aufschläge, keine Ballwechsel. Wir sind aber gekommen, um Tennis zu sehen», sagt ein Fan, der mit zwei Kollegen aus dem deutschen Freiburg angereist ist.

Geht auf dem Hauptplatz die Post ab, leert sich der Court 1 schlagartig.

Geht auf dem Hauptplatz die Post ab, leert sich der Court 1 schlagartig.

Auch wenn die meisten Fans den anderen Weg einschlagen – weg vom Court 1, hin zum Center Court – bereuen sie ihre Entscheidung nicht. «Man ist viel näher dabei und erhält einen besseren Einblick in die Geschwindigkeit und die Intensität», sagt einer der Freiburger.

Nicht alle, die mit ihnen zusammen das Doppel anschauen, sind gleichermassen beeindruckt. Ein Mann hält sich lieber das Telefon ans Ohr, während nebenan eine junge Frau minutenlang damit beschäftigt ist, durch ihr Mobiltelefon ihre Frisur zu kontrollieren. «Der Court 1 ist sehr familiär», sagt Platzanweiserin Sennhauser. «Heimisch», ergänzt Linienrichter Guerra. In so einer Wohlfühloase muss die Frisur schon sitzen.

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