Trampolin
Sylvie Wirth schliesst eine ereignisreiche Karriere auf dem Trampolin ab – und startet in ein neues Leben

2015 war sie an der WM. Im Mai gewann sie im Einzel den Trampolin-Schweizer-Meister-Titel. Jetzt beendete die 22-jährige Arisdorferin Sylvie Wirth ihre ereignisreiche Spitzensport-Karriere.

Pascal Del Negro
Drucken
Teilen
«Das Gefühl, wenn man durch die Luft fliegt, ist grossartig», sagt Sylvie Wirth.

«Das Gefühl, wenn man durch die Luft fliegt, ist grossartig», sagt Sylvie Wirth.

Kenneth Nars

Im Mai gewann Sylvie Wirth in Lausen BL im Einzel den Trampolin-Schweizer-Meister-Titel – ihren dritten in Serie. Hinzu kommen je zwei nationale Meistertitel mit der Mannschaft und im Synchronspringen. Es war ein letztes Highlight in ihrer Karriere. Denn nach zehn Jahren ist Schluss. Die 22-Jährige tritt vom Trampolin-Spitzensport zurück und blickt auf eine ereignisreiche Karriere zurück.

Angefangen hat alles im Nordwestschweizerischen Kunstturn- und Trampolinzentrum Liestal (NKL). Dort begann die damals 8-jährige Sylvie mit dem Kunstturnen. Doch das leistungsorientierte Trainieren verleidete ihr schnell. 20 Stunden Training in der Woche waren zu viel, Wirth schlug sich immer wieder mit Verletzungen herum, hatte keine Lust mehr. Durch eine Kollegin wurde sie auf das Trampolinspringen aufmerksam gemacht und fand schnell gefallen daran. «Man hat für alles viel mehr Zeit als beim Kunstturnen. Das Gefühl, wenn man durch die Luft fliegt, ist grossartig», beschreibt sie ihre Faszination für die Sportart.

Die meiste Zeit ihrer Karriere verbrachte Sylvie Wirth im nationalen Leistungszentrum in Liestal. Da hatte sie ihr gewohntes Umfeld und fühlte sich wohl: «Im Trampolinsport arbeitet man sehr nahe mit dem Trainer zusammen und ist auf ihn angewiesen. Man muss sich gut kennen und vertrauen können. Das hatte ich hier in Liestal mit meiner Trainerin. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich mit ihr am meisten Erfolg haben kann.»

Trotzdem verlegte sie ihr Training Anfang 2015 ins Waadtland nach Aigle – zu Beginn nicht ganz freiwillig, wie Wirth erzählt: «Als Nationalkadermitglied wurde von mir erwartet, dass ich mit dem Nationaltrainer und dem ganzen Team zusammenarbeite.» In diesem Umfeld sollte sie sich optimal auf ihr grosses Ziel vorbereiten: die Olympischen Spiele 2016 in Rio.

Zerplatzter Traum an der WM

Doch glücklich wurde Wirth nicht in Aigle. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie nur den Sport. Keine Schule, kein gewohntes Umfeld, keine Familie. Nicht die besten Voraussetzungen, um ihr hochgestecktes Ziel erreichen zu können.

Trotzdem reiste sie 2015 guten Mutes an die WM in Dänemark. Die Halbfinalqualifikation war ein Muss, sollte der olympische Traum weiterleben. Zehn perfekte Sprünge brauchte Wirth dazu in ihrem Durchgang. Sie sollten ihr nicht gelingen. «Einen Fehler habe ich gemacht – und schon war alles vorbei. Da erhält man keine zweite Chance», blickt Wirth zurück.

Ein einzelner Wettkampf entschied über Sein oder Nichtsein, der Druck war immens. Die Arisdorferin hielt diesem nicht Stand. Es war der Tiefpunkt einer Karriere, die ansonsten von Highlights geprägt war. «Daran hatte ich lange zu beissen. Ich arbeitete ein Jahr lang darauf hin und dann machte eine schlechte Sekunde alles kaputt.»

Im Anschluss an die Weltmeisterschaft kamen dann auch ein erstes Mal die Rücktrittsgedanken. «Aber irgendwie war ich noch nicht bereit dafür. So wollte ich nicht aufhören», sagt sie rückblickend.

Aber sie brauchte eine Luftveränderung. Noch so ein Jahr in Aigle wollte sie nicht durchmachen: «Ich hatte nur das Training. Das war nicht das Richtige für mich und es wurde mir zu viel.» Sie gab ihr Leben als Profi auf, ging zurück in die Heimat, ins NKL in Liestal. Parallel dazu begann sie ein Studium an der ETH Zürich. «Für mich war klar, ich will studieren. Aber weiter warten und erst mit 25 beginnen, war für mich keine Option», so Wirth. Also versuchte sie, Spitzensport und Ausbildung unter einen Hut zu bringen.

Zwei Semester lang kämpfte sie sich durch und merkte: Es geht nicht. Also musste sie sich entscheiden: Studium unterbrechen und noch einmal alles daransetzen, die Olympiaqualifikation zu schaffen, oder den Spitzensport aufgeben? Wirth entschied sich für Letzteres. Weil man im Sport «für nichts eine Garantie hat. Ich hätte mich noch mal vier Jahre top vorbereiten können und dann wieder wegen eines kleinen Fehlers scheitern. Das wollte ich nicht ein zweites Mal durchmachen.»

Sie sei dankbar, für alles, was sie durch das Trampolinspringen erleben durfte: «Der Sport hat mir unglaublich viel gegeben.» Sie wisse jetzt, was es heisst, konsequent auf ein Ziel hinzuarbeiten. Und sich durchzubeissen, auch wenn es mal schwierig ist. «Ich denke, ich wäre heute jemand ganz anderes ohne den Sport», sagt Wirth. Zu ihren internationalen Erfolgen zählen je drei Teilnahmen an Welt- und Europameisterschaften – mit zwei 7. Plätzen (EM 2014 / WM 2015) im Synchronwettkampf als Highlights.

Ab sofort aber konzentriert sie sich voll und ganz auf ihr Studium. Weiterhin und nur zum Spass Trampolin springen mag sie nicht: «Als Hobby funktioniert das nicht. Man verlernt alle Sprünge. Zudem müsste man körperlich viel Krafttraining machen.» Darauf hat Wirth keine Lust mehr. Sie bleibe dem Sport verbunden, aber weder als Aktive noch als Trainerin. Dafür habe sie zu wenig Geduld. «Ich werde aber sicher weiter die Wettkämpfe schauen gehen und meine ehemaligen Kollegen unterstützen.»

Aktuelle Nachrichten