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Spitzenkampf-Schiri Amhof: «Ich traute meinen Augen nicht»

Der Aargauer Fifa-Schiedsrichter Sascha Amhof spricht über krasse Fehlentscheide gegen den FC Basel, schlechten Schlaf und eine Tomate.

Ruedi Kuhn
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Gute Miene zum bösen Spiel: Basel-Captain Marek Suchy bedankt sich nach dem Schlusspfiff bei Schiedsrichter Amhof.

Gute Miene zum bösen Spiel: Basel-Captain Marek Suchy bedankt sich nach dem Schlusspfiff bei Schiedsrichter Amhof.

KEYSTONE

Sascha Amhof, wie haben Sie in der Nacht von Sonntag auf Montag geschlafen?

Sascha Amhof: Ich habe wenig geschlafen. Und ich habe schlecht geschlafen.

Warum?

Ganz einfach. Ich bin als Schiedsrichter des Spiels zwischen dem FC Basel und GC unfreiwillig zu einer Hauptperson geworden. Das ist schlecht, denn meine Aufgabe und mein Ziel als Schiedsrichter ist es, im Hintergrund zu bleiben und hier die richtigen Entscheide zu fällen. Das ist mir in Basel nicht gelungen. Das Ganze geht mir sehr nahe. Momentan bin ich in einer Verarbeitungsphase, die wohl einige Zeit dauern wird.

Gut so: Schliesslich haben Sie drei krasse Fehlentscheide gegen den FC Basel getroffen ...

... das stimmt so nicht.

Dann schauen wir auf die drei Szenen, in denen Sie unserer Meinung nach falsch entschieden haben. Dem 1:0 für GC von Yoric Ravet ging eine strafbare Abseitsposition voraus. Richtig oder falsch?

Richtig. Ravet stand tatsächlich im Abseits. In dieser Situation habe ich mich auf meinen Assistenten verlassen. Wir haben also als Trio, als Team falsch entschieden.

Die zweite Szene war das Handspiel von Alexandre Barthe innerhalb des Strafraums. Barthes Arm war nicht angelegt: Also Penalty für den FC Basel...

... nein! Im Reglement steht, dass in einem solchen Fall Absicht mit im Spiel sein muss. Das Handspiel von Barthe war aber nicht absichtlich. Für mich ging nicht die Hand zum Ball, sondern der Ball ging zur Hand. Für mich war das also kein Penalty.

Kommen wir zum krassesten Fehlentscheid: Das Foul von GC-Verteidiger Alban Pnishi an Breel Embolo innerhalb des Strafraums in der 93. Minute hätten Sie zwingend mit einem Penaltypfiff für den FC Basel ahnden müssen. Pnishi hat Embolo von hinten rüde von den Beinen geholt. Richtig oder falsch?

Das sehen Sie richtig. Ich sage es direkt und schonungslos: Das war ein klarer Fehlentscheid von mir.

Wie erklären Sie sich diesen Fehler?

Ich muss eines vorausschicken: Die Penaltyszene aus der 93. Minute beschäftigt mich. Und zwar gewaltig. Sie geht mir nicht aus dem Kopf. Mir tut es weh, dass es so weit gekommen ist. Natürlich versuche ich, eine Erklärung zu finden. Fakt ist, dass ich es anders gesehen habe, als es in Tat und Wahrheit war. Für mich hat Embolo einen Ausfallschritt gemacht, sich in den Zweikampf mit GC-Verteidiger Pnishi gekämpft und ein Foul begangen. Das war falsch. Als ich kurz nach dem Schlusspfiff die Fernsehbilder gesehen habe, war ich total überrascht. Ich traute meinen Augen nicht und konnte es erst gar nicht glauben: Es war tatsächlich ein Foul an Embolo.

Hat Sie der falsche Entscheid mit Embolo in der Rolle des Opfers besonders getroffen?

Nein, warum besonders getroffen?

Na ja, kurz zuvor haben Sie auf Corner für Basel entschieden, diesen Entscheid aber zurückgenommen, weil Embolo zugegeben hat, dass er den Ball zuletzt berührt hat.

Das war tatsächlich eine grossartige Geste von Embolo. Ich rechne ihm das hoch an. Das hat er super gemacht. Aber das hat mit der Penaltyszene kurz vor Schluss nichts zu tun. In unserem Geschäft gibt es keine Sentimentalitäten. Als Schiedsrichter bin ich einzig und allein der Neutralität verpflichtet.

Sie haben sich die Fernsehbilder zusammen mit FCB-Präsident Bernhard Heusler angeschaut. Heusler ärgerte sich nach dem Schlusspfiff fürchterlich und war sichtlich erbost. Hat er sich gegenüber Ihrer Person negativ geäussert?

Nein. Bernhard Heusler blieb ruhig und hat sich gegenüber meiner Person absolut professionell verhalten. Es lief alles in fairem Rahmen ab.

Kann man trotzdem davon ausgehen, dass Sie vor der Winterpause kein Spiel des FC Basel mehr leiten werden?

Ja, das nehme ich an. Zumindest gehe ich zum jetzigen Zeitpunkt davon aus.

Sind Sie ein selbstkritischer Schiedsrichter?

Das glaube ich schon. Ich werde dieses Spiel wie alle andern sorgfältig analysieren und dann nach vorne schauen. Ich bin gerne Schiedsrichter. Ich liebe mein Hobby. Es ist eine grosse Ehre für mich, dass ich seit 2013 das Fifa-Abzeichen tragen darf.

Die Boulevardpresse bezeichnet Sie nach dem Spiel in Basel als grösste Tomate der Schweiz. Nervt Sie diese Kritik, die zweifellos unter die Gürtellinie zielt?

Na ja, eine differenzierte Sichtweise ist das nicht. Solche Schlagzeilen tun weh und gehen mir nahe. Aber damit kann und muss ich leben.

Sie haben also trotz der heftigen Vorwürfe keine Rücktrittsgedanken?

Nein. Ich habe in einem Spiel mit vielen kniffligen Situationen einen gravierenden Fehler gemacht. Das ist so. Und dazu stehe ich.

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