Birsfelden
Markus Sohrmann hat eigene Highline über Schlucht von Verdun gespannt

Ein Mann fliegt von einer Felswand in Richtung Boden. Vorbei an zwei Kletterern schnellt er noch immer den Berg hinunter, den Tod vor Augen. Erst im letzten Moment öffnet sich der Fallschirm. Geschafft. Der Basejumper landet sicher auf der Wiese.

Raphael Biermayr
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Als erster spannte Markus Sohrmann eine Highline auf der heimischen Gempenfluh, wo der zweifache Familienvater regelmässig trainiert.
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So abenteuerlustig Sohrmann in seiner Freizeit ist, so bodenständig wirkt er auf der Arbeit oder zu Hause.
Markus Sohrmann balanciert über die Schlucht von Verdun
Er selbst bezeichnet sich als einen «vorsichtigen Draufgänger».

Als erster spannte Markus Sohrmann eine Highline auf der heimischen Gempenfluh, wo der zweifache Familienvater regelmässig trainiert.

Zur Verfügung gestellt

Einer der beiden beobachtenden Kletterer ist Markus Sohrmann aus Birsfelden. «Ich hatte das Gefühl, der Mann wird sterben», sagt der 43-Jährige heute, 22 Jahre später. Dass dieses Erlebnis am El Capitan in Kalifornien Sohrmann beeindruckt hat, ist unüberhörbar: «Die Tiefe, das Schweben in der Luft faszinierten mich schon immer.» Bereits vier Mal bestieg er den El Capitan - eine 1000 Meter hohe und spiegelglatte Granitfelswand, die grösste der Welt.

Andere Abenteuersportarten wie Sprünge aus Helikoptern und Flugzeugen sowie aufregende Kajak-Fahrten in Wildwasserflüssen gehören zu seinem Palmares. Doch es sollten nicht die einzigen Projekte sein. «Man on Wire» hiess der Film, der Sohrmann im wörtlichen Sinn zu neuen Höhenflügen anstiess. Im Jahre 1974 balancierte der Franzose Philippe Petit auf einer Slackline zwischen den beiden Türmen des World Trade Centers. «Ich dachte, wenn er das kann, dann will ich das auch», schwelgt Sohrmann in Erinnerung. Obwohl er damals noch gar nicht balancieren konnte, machte er sich an die Arbeit.

Als erster spannte Sohrmann eine Highline auf der heimischen Gempenfluh, wo der zweifache Familienvater regelmässig trainiert. Seither konnte er sich nicht mehr von dieser Leidenschaft trennen. In der Verdun-Schlucht in der Provence spannte er gar seine erste eigene richtig hohe Highline - 300 Meter über Boden. Sich im Internet über die richtige Vorgehensweise erkundigt habend, bohrte er eigenhändig mit der Bohrmaschine Löcher in die Felswand und begann das Seil zu spannen.

Die ganze Strecke zu überqueren hat er allerdings noch nicht geschafft. «Der Weg ist das Ziel. Ich kämpfe gegen das Älterwerden und trainiere eigentlich, um den jetzigen Stand zu erhalten - ich bin kein Profi», stellt der Birsfelder klar.

Der Grund, weshalb er sich so vom Highlinen derart angezogen fühlt, ist atypisch für diese Szene: «Ich brauche keinen Adrenalin-Kick, sondern ich hatte die Vision, schwebend in der Luft laufen zu können. Zudem wollte ich zeigen, dass ein unbekannter Mann aus Birsfelden etwas möglich macht, was er sich überhaupt nicht zugetraut hat.» Damit will er anderen Menschen Mut machen. Nicht nur im Sport, sondern auch auf den Alltag könne man diese Mentalität übertragen, sagt Sohrmann.

So abenteuerlustig Sohrmann in seiner Freizeit ist, so bodenständig wirkt er auf der Arbeit oder zu Hause. Als Key Account Manager und Projektleiter bei der Firma Vitra in Birsfelden hat der 43-Jährige einen intensiven und verantwortungsvollen Job inne.

Abseits der Arbeit ist er Autor. Im Jahre 2009 hat er sein erstes Kinderbuch veröffentlicht. Mangels Zeit ist er gezwungen, das Training in den Alltag einzubauen. «Manchmal gehe ich in den Wald und spanne dort die Slackline. Ansonsten stehe ich beispielsweise beim Zähneputzen auf einem Bein und mache die Augen zu, um die Balance zu trainieren. Die Regelmässigkeit ist der Schlüssel zum Erfolg», erklärt Sohrmann.

Was bei dieser zeitaufwendigen und gefährlichen Leidenschaft wohl die Familie dazu sagt? «Meine Frau und die Kinder wissen, dass ich immer doppelt gesichert bin. Ich trainiere nur, wenn die Kinder beschäftigt sind, und meine Frau zu tun hat. Das geht gut aneinander vorbei. Auf dem Weg zur Arbeit mache ich im hintersten Tramwagen, wo keiner hinschaut, Klimmzüge. Das ist effizient», schildert der Familienvater. Das Training erfolgt aber nicht in Gruppen, Sohrmann trainiert stets alleine: «So bleibe ich flexibel.»

Angst ist unbegründet

Richtige Angstsituationen hatte Sohrmann, abgesehen von einem Erlebnis beim Skysurfen, noch nicht erlebt. «Man muss immer analysieren, ob diese Angst begründet ist. Das heisst, zu bewerten, ob die Situation wirklich gefährlich ist oder nicht. Grundsätzlich muss man immer ruhig bleiben, denn Nervosität ist eine unproduktive Eigenschaft und blockiert», führt Sohrmann aus.

Er selbst bezeichnet sich als einen «vorsichtigen Draufgänger» und holt sich seine Sicherheit durch die eigenen Handlungen: «Wenn ich diese Highline gespannt habe, weiss ich, dass sie auch hält. Dann unterschreibe ich eine Art Vertrag mit mir selber, dass ich es richtig gemacht habe. Wenn ich aber in eine Gondel steige, habe ich keinen Einfluss darauf, ob das Seil hält oder nicht.»