Orientierungslauf
Harakiri-Fäbu wird Mister Zuverlässig

Schnell war Fabian Hertner schon immer. Nur war es oft schwierig zu sagen, wann. In dieser Saison ist beim Baselbieter Orientierungsläufer vieles anders.

Rainer Sommerhalder
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Totalausfälle sind nicht mehr an der Tagesordnung. Fabian Hertner läuft seit dieser Saison konstant stark. keystone

Totalausfälle sind nicht mehr an der Tagesordnung. Fabian Hertner läuft seit dieser Saison konstant stark. keystone

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Wehe, wenn er losgelassen. Der 29-jährige Pratteler OL-Läufer Fabian Hertner bewies früh sein enormes Potenzial. Noch in Juniorenzeiten feierte er den ersten Weltmeistertitel. Danach gab es auch immer wieder Medaillen bei den Grossen. An den Europameisterschaften 2010 sogar zweimal Gold. Doch dazwischen immer wieder «Abschiffer».

Läufe, in denen Fabian Hertner von Hero auf Zero fiel. Bezeichnend seine allererste Weltmeisterschaft bei der Elite 2006. Beim einzigen Einsatz, dem Sprint, lag er bis kurz vor Schluss auf Medaillenkurs. Ins Ziel kam er nach einem kapitalen Bock als 26.

Konstanz war ein Fremdwort

Zwar brachte der Baselbieter schon früh regelmässig an den wichtigsten Läufen im Jahr auch seine beste Leistung. Nur verpasste er ab und zu ebendiesen wichtigsten Lauf, weil er bei den Qualifikationsrennen des Schweizer Teams nicht auf Touren kam. Konstanz war für Hertner lange ein Fremdwort und ein grosses Problem.

Eher erinnerte er an ein junges Rennpferd, das nach dem Start im vollen Galopp losrannte und gar nicht wusste, wo oder was das Ziel ist. «Meine Ausfallquote lag früher wohl bei 80 Prozent», sagt der ehrgeizige Mechatronik-Ingenieur. Und ein Ausfall war für den emotionalen Heisssporn auch schon mal ein vierter Rang. 2014 ist vieles anders. Sowohl an EM wie WM lief Hertner in der Königsdisziplin auf ebendiesen vierten Rang.

Doch statt Wut und Ärger zeigt der seit vier Jahren in Winterthur lebende Baselbieter Stolz und Freude. Einerseits, weil er in der bisher besten Saison seiner Karriere neben «Leder» eben auch Medaillen vorzuweisen hat - EM-Silber und WM-Silber über die Mitteldistanz sowie WM-Silber mit der Staffel. Andererseits, weil die gewonnene persönliche Reife einen solchen Wandel wohl erst zugelassen hat.

Gelungene Saison

Wo Fabian Hertner 2014 startete, war auf ihn Verlass. «Es ist für mich eine total gelungene Saison», sagt der zu 50 % an der Fachhochschule Winterthur arbeitende Läufer. Das Zauberwort heisst Konstanz. Um diese zu erreichen, reduzierte er die Anzahl Wettkämpfe, an denen er wirklich gut sein wollte, auf ein Minimum. Und er setzte neu anstatt des Weltcups die Testläufe des Schweizer Kaders darauf. «Ich wollte meine Energie bewusst auf die wichtigen Sachen bündeln», sagt Hertner. Mit dem Effekt, dass er bei den Selektionsläufen schon so stark lief, um erstmals an einer WM seine Einsätze selber wählen zu dürfen. Zuvor musste er oft nehmen, was im Schweizer Weltklasseteam an Brosamen übrig blieb.

Und Hertners neue Ausrichtung hatte einen weiteren willkommenen Effekt. Er war selbst dort stark, wo er es gar nicht geplant hatte. So nimmt der Lokalmatador den Weltcupfinal in Liestal am kommenden Wochenende als Gesamtdritter in Angriff. Und Angriff ist auch das, was er in seiner Heimat plant. «Die grossen Ziele der Saison sind vorbei, ich konnte mich also auf neue einstellen», sagt er. Er habe in Liestal viel Zeit in seinem Leben verbracht. Dort zu starten sei deshalb äusserst cool. Als Extramotivation bezeichnet er das aber nicht. «Das Weltcuppodest ist Motivation genug.» Verschwunden das Rennpferd, das mit einem Überschuss Adrenalin aus dem Startgatter stürmt.

Kein Gedanke an Rücktritt

Während einige seiner Kader-Kollegen in letzter Zeit dem Spitzensport den Rücken kehrten, um sich beruflichen Herausforderungen zu stellen, ist Rücktritt für Hertner kein Thema. «Und wenn es dann einmal so weit ist, wird nicht die berufliche Perspektive entscheidend sein, sondern die fehlende Lust auf das extrem lange, eintönige Wintertraining», sagt der 29-Jährige. Über den kommenden Winter hilft ihm ausgerechnet der internationale Verband. Der hat nämlich den Weltcupstart auf den 3. Januar 2015 in Tasmanien angesetzt. «Sinnvoll ist das zwar nicht, aber in meinem Fall sehr willkommen», sagt Fabian Hertner und schmunzelt dabei.

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