Während der Motorrad-Tour verunfallt Ratcliffe, bricht sich den Fuss mehrfach. Aber anstatt auf seinen Arzt zu hören und abzubrechen, lässt er sich einen Skischuh schicken und zieht sein Projekt durch. Aufgeben? «Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mir jemals ein Ziel gesetzt hätte, das ich nicht auch erreicht habe», sagt er zur «Financial Times».

Schmerzen bis zu diesem Grad überwinden, kann nur jemand, der abgehärtet ist. Vom Alltag. Eine Stunde im Gym und ein 10-Kilometer-Lauf vor dem Mittagessen gehören dazu. Gerne rennt er dabei in der Gruppe und spricht mit seinen Mitläufern über Fussball. Vor allem aber über United, seine grosse Liebe. Er wuchs in Failsworth auf, einem Vorort der englischen Industriemetropole Manchester. Als Sohn eines Schreiners und einer Büroangestellten.

Eigentümer im Chemie-Business

Ratcliffe, grossgewachsen, meist mit verwehtem halblangem Haar, ist ein Mann, der Dinge durchzieht. Oft unabhängig vom Preis. Wie damals, 1992. Ratcliffe, gerade 40 Jahre alt geworden, mit zwei kleinen Söhnen zu Hause, nimmt eine Hypothek auf das Familienheim auf und legt sein ganzes Erspartes oben drauf, um als Eigentümer ins Chemie-Business einzusteigen. Mit einem Partner kauft er BP einen Geschäftszweig ab, der vom englischen Petro-Riesen als unprofitabel abgestempelt war. «Wenn das schiefgelaufen wäre, hätte ich mein ganzes Geld verloren und meine Karriere komplett in den Sand gesetzt gehabt», analysiert Ratcliffe trocken.

Es kommt anders. Der Chemie-Ingenieur mausert sich in den letzten 20 Jahren zu einem der reichsten Engländer. Laut «Finanz und Wirtschaft» dürfte sein Privatvermögen rund 5 Milliarden Franken betragen. Er ist damit auf Augenhöhe mit dem weit bekannteren englischen Exzentriker Richard Branson, Besitzer und Gründer des Virgin-Imperiums. Ratcliffe ist bezüglich Medien weit zurückhaltender. Was auch daran liegt, dass seine Geschäfte nicht nur beklatscht werden.

Petrochemie Imperium

Sein Imperium ist in der Petrochemie tätig. In England gab es zuletzt heftige Proteste, weil Ineos mittels Fracking Schiefergas gewinnen will. Eine Technik, bei der Flüssigkeit ins Gestein gepresst wird, um Risse zu erzeugen und so Gas freizusetzen. Ratcliffe hat die Protestführer zum Schweigen gebracht. Mittels Gerichtsentscheid. Keine Kompromisse!

Genauso kommt er 2010 in die Schweiz. Als die damalige Labour-Regierung ihm in der Finanzkrise keine Nachlassstundung auf Steuerschulden gewährt, macht er seine Drohung wahr und verlegt den Hauptsitz seines Imperiums in die Schweiz und seinen Wohnsitz gleich mit. Nach Rolle, zwischen Lausanne und Genf am See.

Klubpräsident Alain Joseph.

Klubpräsident Alain Joseph.

2016 zieht Ratcliffe und ein Teil der Geschäfte zurück auf die Insel. Begünstigt durch die Machtübernahme der Konservativen. In der Schweiz geblieben sind 110 Mitarbeiter, ein rund 20 Milliarden Dollar schwerer Teil des Firmenkonglomerats und das Engagement der Engländer. Als Sponsor des Eishockeyklubs in Lausanne. Und wohl als baldiger Besitzer von Lausanne-Sport, dem Fussballklub.

«Mit Unsicherheit verbunden»

Noch steht der Entscheid der Lizenzkommission bezüglich des Besitzerwechsels aus. Doch Liga-Präsident Claudius Schäfer rechnet schon bald damit. Was für ein Gefühl hat er dabei? Schliesslich ist das Debakel von Bulat Tschagajew bei Xamax gerade mal etwas mehr als fünf Jahre her. «Natürlich prägen einen die Erfahrungen. Und immer, wenn etwas Neues kommt, gibt es Unsicherheiten. Aber Ineos ist schon länger in der Schweiz, ist auch im Eishockey aktiv.

Ich habe ein besseres Gefühl. Aber darum geht es letztlich nicht, sondern um die Fakten.»
Tatsache ist, dass Ineos nicht nur auf grossen sportlichen Erfolg aus ist. Das Engagement bei Lausanne-Sport dient auch dazu, das Image aufzupolieren. Oder wie David Thompson, CEO der eigens zur Klubübernahme gegründeten Ineos Football AG und künftiger Präsident des Super-League-Vereins, gegenüber der «Sonntagszeitung» sagte: «Wir sind eine Petrochemiefirma.

Die beste Reaktion, die du da im Normalfall bekommst, ist neutral. Meist haben die Leute Angst, wenn es um unsere Branche geht.» Thompson gibt zwar an, dass das Engagement langfristig angelegt sei. Aber was, wenn die Geschäfte plötzlich nicht mehr laufen sollten? Man hofft, dass das Gefühl von Schäfer nicht täuscht. Und man weiss, dass Ratcliffe keine Gnade kennt.