Eisstockschiessen
Auf farbigen Sohlen übers Eisfeld

Montagabend. Es ist bereits nach neun Uhr, stockdunkel und bitterkalt. Vier Lichtkegel bringen das offene Eisfeld auf der Kunsteisbahn Rheinfelden zum Leuchten.

Patrick Pensa
Merken
Drucken
Teilen

Vier Männer diskutieren gerade darüber, welcher Stock näher an der Daube, dem Ziel, liegt. Auf dem überdachten Feld daneben trainiert das Eishockeyteam. Ein Puck fliegt über das Netz und prallt vor den Männern aufs Eis. Da ich der Einzige bin, der zusammenzuckt, gehe ich davon aus, dass bislang noch keiner getroffen wurde.

Früher übte der Eisstockklub beider Basel auf der St.-Margarethen-Anlage, seit einem Jahr hat er in Rheinfelden ein neues Zuhause gefunden. Einmal in der Woche wird das Eis für das Team aufgeraut, damit es ideale Bedingungen vorfindet. Durchschnittlich vier bis acht Männer schiessen ihre Stöcke jeweils übers Eis.

Seit 1985 im Keller

Der Verein hat Nachwuchssorgen. Der 56-jährige Klub-Präsident Ueli Keller versucht seit langem, neue Spieler für seinen Klub zu begeistern. Die Plauschspiele für Firmen zum Beispiel sind gut gebucht. Aber obwohl die meisten Teilnehmer Spass an der Sportart haben, will sich keiner stärker engagieren.

Seit 1985 ist Keller Teil des Teams. Im Zielwettbewerb an der Schweizer Meisterschaft vor einer Woche wurde er enttäuschender 31. «Die letzten Jahre war ich immer im Final. Einmal sogar Vierter. Dieses Jahr lief es einfach nicht», meint er entschuldigend. Dafür platzierte sich die erfahrene Mannschaft auf dem sechsten Rang der Nationalliga A. «Wir sind zufrieden mit dem Resultat, aber vom Verlauf her wäre mehr möglich gewesen», sagt «Moar» Keller, wie im Eisstockschiessen der Captain genannt wird.

Für die nächste Meisterschaft wollen die Basler einen zusätzlichen Spieler als Ergänzung an Bord holen. Keller hat dafür einen alten Klubkollegen im Visier, der wieder aktiviert werden soll. Langfristig wäre es aber wichtig, jüngere Spieler langsam ans NLA-Niveau heranzuführen. «Sonst sterben wir irgendwann aus», sagt Keller halb lachend, halb ernst.

Volltreffer - beim dritten Versuch

Nach einigem Zusehen darf ich mich selbst versuchen. Mit der langsamsten Sohle - so wird die Gleitfläche genannt - schaffe ich nur etwa die halbe Distanz. Schnell wechselt Keller auf die grüne Sohle, die weniger Widerstand hat. Jetzt schiesse ich tendenziell zu weit und daneben. «Die Eisfläche fällt leicht nach rechts ab», ermutigt mich Keller. Der dritte Schuss sitzt. Der gegnerische Stock fliegt zur Seite. Der Aufprall ist aber so stark, dass auch meiner ausserhalb des Feldes zu stehen kommt. Dies ist der Nachteil an der grünen Sohle, der Stock rutscht weg. «Mit der blauen Sohle wäre er stehen geblieben», urteilt mein «Moar». Er erklärt, dass man eigentlich immer genau gleich stark schiesst, aber die Sohle variiert. Deshalb sei das regelmässige Training unerlässlich, um den Bewegungsablauf vollständig zu automatisieren.

Freundschaft, Freundschaft und Freundschaft

Im Sommer wird deshalb ebenfalls trainiert, allerdings auf einer Betonfläche. Vorerst stehen aber noch Turniere auf Eis an. Mitte Februar will das Team den Podestplatz an den Regionalmeisterschaften in Solothurn verteidigen, im März wird noch ein Freundschaftsturnier im Zürcher Oberland bei den Schweizer Meistern bestritten. Freundschaft ist ein grosses Wort beim Eisstockschiessen. Der zentrale Wert überhaupt.

Egal, ob innerhalb des Teams, bei nationalen Turnieren oder jenseits der Landesgrenzen, die Geselligkeit hat einen hohen Stellenwert. «Zum Turnier in Kempten fahren wir seit Jahrzehnten. Dort begrüsst uns sogar der Bürgermeister persönlich», versucht Ueli Keller das gewachsene Zusammengehörigkeitsgefühl zu verbildlichen.