Im Herzen des Bundesstaats Colorado soll alles besser werden. In Aspen, dem Freestyle-Mekka, wo heute mit den X-Games die renommierteste Veranstaltung ihrer Art beginnt, will sich Iouri Podladtchikov rehabilitieren – für seinen Auftritt in der Heimat. In Laax schied der 27-Jährige letzte Woche schon im Halbfinal aus, für die Schweizer Lichtblicke sorgten seine Teamkollegen David Hablützel und Patrick Burgener.

Mit Burgener verbindet Podladtchikov eines unabhängig vom sportlichen Erfolg: diese Emanzipierung von der Szene, nicht nur als Snowboarder wahrgenommen werden zu wollen. Burgener entfaltet sich im musikalischen Bereich. Podladtchikov beschäftigt sich intensiv mit der Fotografie, weil nach der Snowboard-Karriere keine Leere aufkommen soll. Im Gespräch sticht Iouri Podladtchikovs einzigartiges Naturell hervor. Da ist mehr als nur der «iPod», mehr als nur Olympia-Gold in der Halfpipe. Mehr als nur die X-Games.

Seit Ende des letzten Jahres ist auch Ballett Teil Ihres Trainingsprogramms. Das ist unkonventionell.
Iouri Podladtchikov: Wir machen seit je Ausgleichsaktivitäten. Klar, das Ballett ist neu, aber die Form des abstrakten Trainings wie Atem- und Körperhaltungsübungen haben wir auch schon früher mit unseren Bewegungscoaches gemacht. Aber ganz ehrlich, ich war mir nicht sicher, ob ich meine Ballett-Tätigkeit publik machen will oder nicht. Die Überwindung, die es benötigt, um in einen Ballettladen reinzugehen, Ballettschuhe zu kaufen und diese selbst zusammenzunähen, ist gross. Es tönt nach nichts, einfach mal ins Ballett zu gehen, aber für mich war das ein grosser Schritt.

Warum haben Sie Ihre Ballett-Tätigkeit dennoch nicht verschwiegen?
Weil ich erstens ein Riesenfan davon bin und zweitens, weil ich nicht egoistisch sein wollte. Ich dachte mir, dass es für jemanden eventuell eine Inspiration sein könnte. Ich glaube, Ballett würde jedem Sportler etwas bringen. Es ist so universell, so interessant. Wenn ich eine Sportschule hätte, würde ich jeden ins Ballett schicken.

Best of Iouri Podladtchikov in diesem Winter

Iouri Podladtchikov in der Halfpipe

Gab es Reaktionen?
So weit nicht, aber viel Respekt. Von meinen Kollegen konnte ich noch keinen überreden, mitzukommen, Kolleginnen jedoch schon. Beinahe hätte ich gar meine Mutter überzeugen können (lacht).

Inwiefern profitieren Sie vom Ballett in der Halfpipe?
Im Ballett strebt man danach, dass man auf beiden Füssen genau die gleiche Bewegung hinkriegt, die Balance sucht. Im Snowboard hat aber jeder eine gute und schlechte Seite. Niemand konzentriert sich so intensiv auf beide Seiten. Insofern war es für mich ein Erwachen, man sieht das Ganze nochmals von einer anderen Perspektive. Wenn man vom Alltag geblendet ist, kann das sehr wertvoll sein. So bin ich zur Erkenntnis gekommen, dass es schwierig ist Shaun (White, der momentan beste Snowboarder der Welt, d. Red.) und mich zu vergleichen.

Können Sie uns in Ihre Gedanken einweihen?
Es ist sehr komplex. Im Vergleich zu Shaun fahre ich mit dem anderen Fuss vorne, das ist eigentlich fast wie ein anderer Sport. Nehmen wir den Yolo-Flip (den Sprung, der Podladtchikov in Sotschi zum Olympia-Sieger machte) als Beispiel: Für Shaun ist er einfacher zum Anfahren, zum Drehen ist diese Seite für ihn aber schwieriger. Wenn er den Yolo-Flip steht, ist das eine grössere Leistung. Zwar ist die Bezeichnung des Tricks dieselbe, aber die Schwierigkeit völlig verschieden. Lange war das kein Thema, darum müsste man eigentlich die Punktbewertung nochmals anpassen.

Was machen Sie besser als Shaun White?
Russisch sprechen – und vielleicht auch Französisch, das kann er meines Wissens auch nicht so gut.

Das kann nicht alles sein.
Wenn Sie uns in der Halfpipe zuschauen, sehen Sie die weiteren Unterschiede.

Es hatte lange keinen Schnee, Sie mussten für ein Training extra nochmals nach Nordamerika, das muss ärgerlich sein.
Es ist traurig, dass es um die Weihnachtszeit grün ist. Natürlich bin ich nicht so traurig, wie wenn ein Event abgesagt werden müsste, aber es ist mühsam. Mühsam fand ich aber auch, dass dies das Hauptthema in den Medien war. Nur weil es weniger Schnee hatte, hatte ich nicht weniger zu tun. Ich musste schauen, dass ich fit bleibe, musste zu meinen Trainingseinheiten kommen und darum noch mehr herumjetten.

Aber der iPod ist aufgeladen?
Ja (lacht).

Hat das Training schon einmal unter den Nebenbeschäftigungen gelitten?
Ja, wenn man etwas Neues entdeckt, steckt immer viel Passion und Freude drin, man kann kaum loslassen. Irgendwie sucht man diese Abwechslung auch, aber meistens pendelt sich das Ganze schnell wieder ein. Der Sport ist meine Hauptbeschäftigung, mein Einkommen, meine Herkunft.

Nebenbei studieren Sie auch noch Kunstgeschichte, haben sie schon abgeschlossen?
Nein, unglücklicherweise ist mein erster Snowboard-Event völlig in die Quere gekommen, deshalb musste ich dieses Semester abbrechen.

Sie planen aber die Fortsetzung?
Ja, aber das Studium gehört auf meiner Prioritätenliste nicht zu den Top drei. Wenn ich Zeit habe, mache ich es, wenn ich keine Zeit habe, ist es mir egal. Ich bin lieber auf dem Berg als in der Vorlesung.

Was sind Ihre nächsten Projekte im Bereich der Fotografie?
Seit Ende Dezember verspüre ich diesen Drang, etwas zu machen, das hundertprozentig ich bin. Seit ich mit der Fotografie begonnen habe, war es so: Oh, wäre doch cool, hier auszustellen, da auszustellen, mach doch hier noch mit. Nie war es 100 Prozent Iouri. Auch in der Galerie, sie wählt aus und positioniert. Klar, es ist schön, von einer Galerie angenommen zu werden, aber es ist noch nicht meine Show. Ich will entscheiden, ohne Autorität. Ich hatte bisher noch nie etwas, dass ich anschauen konnte und zu mir sagte: Ja, dafür stehe ich mit meinem Namen. Die Idee ist nun, 25 bis 30 Polaroid-Bilder zu machen, die dann so rauskommen, wie sie eben rauskommen. Die Filme sind nämlich seit 10 Jahren abgelaufen. Dieser Nostalgie-Gedanke reizt mich.

Seine Errungenschaft: Der Yolo Flip

Seine Errungenschaft: Der Yolo-Flip

Sie befinden sich in einem weiteren Emanzipierungsprozess.
Es geht um Originalität. Ich würde sehr gerne erstmals ausser Land gehen mit meinen Werken, ich will diese Aufregung wieder spüren, so wie 2004 bei meinem ersten Transatlantikflug für die Olympia-Qualifikation

Vermissen Sie Ihr Leben vor dem Olympia-Triumph?
Sehr lange Zeit hätte ich sofort Ja gesagt, aber es ist beinahe Halbzeit. Ich spüre den Olympia-Zyklus. Es ist so viel Zeit vergangen, wie mir noch bis zu den nächsten Spielen bevorsteht. Die ersten eineinhalb Jahre habe ich sehr gerne zurückgeschaut und gedacht, so wie früher wird es nicht mehr. Aber jetzt ist es fast schon wie vorhin. Nach dem Olympiasieg ist vor dem Olympiasieg. Ich bin ein Stück weit auch stolz, diesen harten Zyklus überlebt zu haben.

Iouri Podladtchikov bei der Ankunft am Flughafen Zürich

Nach seinem Olympia Trumph nahm der Rummel um Podladtchikov um ein Vielfaches zu.

Man lebt von Olympia zu Olympia.
In anderen Sportarten ist Olympia nicht alles. Bei uns schon. Die vier Jahre gleichen einer Achterbahnfahrt. Das Interesse, die Events, die Sponsorengelder: alles geht rauf und runter. Das eigentliche Thema ist der Biss, den man über eine lange Zeit nicht verlieren darf. Ich habe Respekt vor Leuten, die nie brechen.

Ist Shaun White unbrechbar?
Er hat den Biss, den viele nie hatten und nie haben werden.