Denis Oswald, ob Betrug bei den Nordischen Skisportlern Österreichs in Turin, ob Betrug bei den Veloprofis in Deutschland, ob flächendeckender Betrug bei den Sportlern in Russland: Sie scheinen sich gerne mit den Schattenseiten des Sports zu beschäftigen.

Denis Oswald: Vielleicht ist es ein Zufall. Ich bin von Beruf Jurist und war schon als Athlet immer sehr daran interessiert, dass der Sport sauber bleibt. Die Besten sollen gewinnen und das geht nur, wenn es so wenig Doping wie möglich gibt. Der Kampf gegen Doping hat mich bis heute interessiert. Weil man mich auch im IOC als Spezialisten dafür ansieht, hat man mir die Aufgabe übertragen, mich mit den Dopingvorwürfen gegen die russischen Sportler auseinanderzusetzen.

Denis Oswald: «Ich mache diese Arbeit ehrenamtlich.» Keystone

Denis Oswald: «Ich mache diese Arbeit ehrenamtlich.» Keystone

Sind die Vorkommnisse rund um den russischen Sport der grösste Betrug, mit dem Sie je zu tun hatten?

Für mich persönlich ja – zumindest von dem, was wir heute kennen. Natürlich war auch das Doping in Ostdeutschland eine sehr grosse Sache und das über mehrere Jahre.

Sie mussten sich seit letztem Jahr als Vorsitzender der Disziplinarkommission des IOC mit über 100 positiven Fällen der Nachprüfungen von Dopingproben beschäftigen. Schon fast ein Vollzeitjob?

Ich mache das ehrenamtlich. Es war ein ziemlich grosser Aufwand, denn man konnte diese Athleten natürlich nicht bestrafen, ohne sie vorher angehört zu haben. Sie müssen die Chance haben, sich zu verteidigen. Viele Sportler sind persönlich an unsere Kommissionssitzung gekommen, einige waren per Video-Konferenz zugeschaltet und ein paar haben gesagt, sie seien nicht mehr aktiv und wollten nichts mehr damit zu tun haben.

Zu diesen Nachtests: Peking 2008 ist abgearbeitet. Wie sieht es mit London 2012 und den Winterspielen von Vancouver 2010 aus?

Es gibt noch ein paar positive Fälle von London, die noch nicht beurteilt wurden. Die Priorität liegt derzeit bei den russischen Sportlern. Da braucht es Entscheide vor den Winterspielen 2018. Die Proben von Vancouver werden derzeit im Labor analysiert?

Gibt es auch in Vancouver Dopingfälle?

Es hat sie in Peking und in London gegeben, wieso sollte es bei den Spielen dazwischen keine geben? Wir werden es in den nächsten Monaten herausfinden.

Die Untersuchungskommission für die russischen Athleten ist seit einem Jahr an der Arbeit. Gibt es entscheidende Fortschritte?

Auf jeden Fall. Professor McLaren hat ein System entdeckt. Aber es war nicht seine Mission, einzelne Athleten zu überführen. Um einen Sportler zu bestrafen, muss man konkrete Beweise haben. Das ist die Aufgabe meiner Kommission. Wir arbeiten dabei mit McLaren zusammen, denn er hat mehr Material, als im Bericht veröffentlicht.

McLaren spricht von rund 1000 russischen Sportlern, die in dieses Dopingsystem integriert gewesen seien. Wie viele dieser 1000 Athleten kann man überführen?

Das Problem ist, dass zu vielen dieser Sportler Namen fehlen. Und man muss differenzieren. Einige Fälle sind nicht aus olympischen Sportarten, andere Fälle sind sehr alt. Wir konzentrieren uns auf die Athleten, die 2014 in Sotschi starteten – mit Priorität auf noch immer aktive Sportler. Dazu haben wir eine konkrete Liste mit den Namen der vermuteten Doper.

Konkret: Wie viele Betrüger haben Sie bis heute gefunden?

Im Prinzip sind es 29, wenn wir in den nächsten Wochen nicht noch mehr entdecken.

Die Problematik bei Ihrer Arbeit liegt darin, dass es viele Namen, aber keine positiven Proben gibt. Zumeist, weil diese ausgetauscht oder manipuliert wurden.

Ganz genau. Wir hoffen, dass wir bei den Vorwürfen zu den manipulierten Behältern der Dopingproben noch einen entscheidenden Schritt vorwärtskommen. Es gibt eine neue forensische Analyse dieser Fläschchen. Was im Labor in London gemacht wurde, war nicht ganz befriedigend. Deshalb haben wir einen neuen Weg gesucht. Wir erwarten die ersten Ergebnisse in den nächsten Tagen.

Wann wird das IOC konkrete Namen nennen?

Wir hoffen, nach den Ergebnissen dieser forensischen Untersuchungen mit den Sitzungen der Disziplinarkommission beginnen zu können. Wir wollen das so schnell wie möglich tun, aber wir müssen unsere Arbeit richtig machen. Wir sollten aber vor den Winterspielen in Pyeongchang klar sagen können, wer dort nicht starten darf.

Wie soll man mit den Russen als Kollektiv umgehen?

Eine gute Sache wäre, wenn die Russen zu ihren Fehlern stehen würden. Ich habe gehört, dass einige Personen im System dafür sind, dass man sich zu den Fehlern bekennt und die Konsequenzen akzeptiert. So könnte man einen Neuanfang machen. Aber noch gibt es einige wichtige Leute in Russland, die nichts von einem Schuldeingeständnis wissen wollen.

Das IOC wurde für seine milde Haltung gegenüber Russland vor Rio kritisiert. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Nein! Klar, der Verband der Paralympics hat anders entschieden. Ich bin aber der Meinung, dass Globalstrafen heutzutage nicht richtig sind. Das waren Massnahmen im Mittelalter. Man kann doch nicht einfach Sportler bestrafen, nur weil sie Russen sind. Das IOC hat erkannt, dass es ein Dopingsystem war. Aber ob alle für Rio gemeldeten Athleten davon profitierten, wussten wir nicht. Deshalb hat man entschieden, dass in jeder Sportart individuell beurteilt wird, welche russischen Athleten in Rio starten dürfen. Dazu mussten sie aber beweisen, dass sie nichts mit diesem Dopingsystem zu tun hatten. Nur wer in naher Vergangenheit mehrmals von unabhängiger Seite negativ auf Doping kontrolliert wurde, war startberechtigt. Im Rudern zum Beispiel waren es am Schluss nur 7  von 27 gemeldeten Russen.

Mit dem Ruf des IOC steht es nicht zum Besten. Die jüngsten Korruptionsvorwürfe gegen die Organisatoren von Rio helfen bestimmt nicht.

Die Vorwürfe von Rio sind ja nicht ganz neu. Ich habe schon von längerer Zeit davon gehört. Und ich weiss, dass das IOC in Zusammenarbeit mit der brasilianischen Justiz diese Vorwürfe seit einiger Zeit auch mit Fokus auf die IOC-Mitglieder untersucht.

Was kann das IOC tun, um das schlechte Image zu verbessern?

Fehlverhalten auf jeden Fall konsequent bestrafen. Und sich nach Möglichkeit versichern, dass solches nicht mehr passiert – wenn das überhaupt geht (lacht). Korruption ist letztlich ein Problem von Individuen. Es erstaunt mich, dass solches im IOC noch immer passiert.