Automobilsport
Die Freuden und Leiden von Silverstone – Hamilton und Bottas stehen mit Mercedes unter Druck

In Silverstone werden 140'000 Zuschauerinnen und Zuschauer erwartet – Hamilton äussert sich dem Testversuch gegenüber kritisch und muss im Duell gegen Verstappen liefern.

Leandro De Mori
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Hier jubelte Hamilton 2019 mit seinen Fans in Silverstone.

Hier jubelte Hamilton 2019 mit seinen Fans in Silverstone.

Luca Bruno/AP (Silverstone, 14. Juli 2019)

In diesen Tagen schaut die Sportwelt nach Grossbritannien. Am vergangenen Sonntag fanden in London gleich zwei der grössten Sportveranstaltungen in diesem Jahr statt. Am Nachmittag gewann Novak Djokovic in London den Wimbledon-Final, am Abend krönte sich Italien im Wembley Stadion zum Europameister.

Dieses Wochenende fällt die Aufmerksamkeit auf die rund 100 Kilometer nördlich gelegene Ortschaft Milton Keynes, wenn sich die Formel-1-Boliden beim zehnten Rennen der Saison auf dem Silverstone Circuit messen.

In einer Sache sind sich die drei Veranstaltungen ähnlich: Sie finden alle vor Zuschauer statt. Die Ränge des Centre Court waren beim Wimbledon-Final mit 15 000 Zuschauerinnen und Zuschauern voll ausgelastet. Beim EM-Finalspiel zwischen England und Italien waren rund 67 500 Leute im Stadion. In Silverstone soll es nun aber zu einem neuen Rekord kommen.

Weil die Veranstaltung der Status eines Testevents zugesprochen bekam, darf die volle Kapazität genutzt werden. Weisen die Fans einen negativen Test oder ein Impfzeugnis vor, dürfen sie dem Rennen beiwohnen. Dabei werden 140'000 Zuschauerinnen und Zuschauer beim englischen Traditionsrennen erwartet. Eine unglaubliche Zahl, denkt man an die Ereignisse und Einschränkungen der vergangenen Monate zurück.

Rekordweltmeister Lewis Hamilton ist von diesem Testversuch nicht überzeugt, so äusserte er sich gegenüber dem Sportsender Sky kritisch. «Es wirkt ein bisschen vorschnell auf mich.» Ausserdem schlug er vor, «eher vorsichtig aufzubauen, statt gleich voll reinzugehen.» Er mache sich Sorgen um die Leute, wenn er sich die Fallzahlen anschaue, so der 36-Jährige. «Ich verstehe nicht, wieso unsere britischen Fans für einen solchen Testlauf verwendet werden.»

Hamilton steht zu Hause unter Druck

Bereits beim letzten Rennwochenende im österreichischen Spielberg waren grosse Zuschauermassen vor Ort. Über 60'000 Fans waren über die drei Tage verteilt in der Steiermark, die meisten von ihnen als Unterstützung von Max Verstappen, der mit Red Bull in Österreich seinen Heim-Grand-Prix fuhr. Alleine für Verstappen kamen über 20'000 Fans, welche die Zuschauerränge in einem leuchtenden Orange aufleben liessen.

In Grossbritannien fährt nun Hamilton vor heimischem Publikum. Ein Heimvorteil, den der Brite in diesen Tagen mehr braucht als jeder seiner Konkurrenten. Sein Rennstall Mercedes scheint dem Red Bull von Verstappen seit einigen Wochen nicht mehr gewachsen, Hamilton fährt nur noch hinterher statt vorneweg.

Zwar liegt er in der Gesamtfahrerwertung immer noch auf dem zweiten Rang, Verstappen zieht mit 32 Punkten Vorsprung aber langsam davon und bringt den Formel-1-Fans die Hoffnung auf einen neuen Weltmeister immer näher.

Verstappen steht in dieser Saison öfters auf dem ersten Platz als Hamilton

Verstappen steht in dieser Saison öfters auf dem ersten Platz als Hamilton

Christian Bruna / Pool / EPA

Dass Hamilton vor seinem heimischen Publikum kaum zu schlagen ist, hat der Brite in den letzten Jahren einige Male bewiesen. Mit sieben Siegen in Silverstone ist er alleiniger Rekordhalter. Sein kurioses Manöver von vor einem Jahr unterstreicht seine Leistungen: Hamilton erlitt in der letzten Runde einen Reifenschaden, kam aber wegen grossem Vorsprung auf den zweiten Rang als Erster ins Ziel – trotz nur drei intakten Reifen.

Nicht nur Hamilton steht bei Mercedes zurzeit unter Druck. Die Gerüchte um Teamkollege Valtteri Bottas werden immer mehr, es scheint als würde der Finne in der nächsten Saison nicht mehr bei Mercedes unter Vertrag stehen. In der Fahrerwertung steht Bottas nur auf dem fünften Platz – ein Wert, der für Mercedes nicht gut genug ist.

Briten als mögliche Nachfolger für Bottas gehandelt

Hamilton unterschrieb nach Spielberg bei Mercedes für ein weiteres Jahr bis 2023. Den zweiten Platz bei Mercedes wird in der kommenden Saison wohl auch ein britischer Fahrer einnehmen. Als mögliche Nachfolger von Bottas werden mit Lando Norris und George Russell zwei junge Fahrer gehandelt, die dieses Wochenende in Silverstone ebenfalls als Heim-Grand-Prix erleben.

Dass Norris die Nachfolge von Bottas antreten wird, scheint eher unwahrscheinlich. Der 21-Jährige verlängerte erst vor dem GP von Monaco seinen Vertrag bei McLaren. Aufgrund seiner Leistungen bleibt er aber trotzdem ein interessanter Fahrer für Mercedes-Teamchef Toto Wolff. Norris ist der einzige Fahrer, der in dieser Saison in jedem Rennen Punkte gesammelt hat und damit in der Gesamtwertung auf dem vierten Rang steht.

Norris mit der Startnummer 4. In dieser Saison zeigt er bislang gute Leistungen.

Norris mit der Startnummer 4. In dieser Saison zeigt er bislang gute Leistungen.

Christian Bruna / AP

Wohl wahrscheinlicher ist Williams-Pilot George Russell als zweiter Fahrer für Mercedes. Dass er für einen möglichen Wechsel bereit ist, erklärte er erst kürzlich im Formel-1-Podcast «F1 Nation»: «Ich will eines Tages um Siege und um den Titel kämpfen können. Ich fühle mich bereit. Ich habe drei Jahre damit verbracht, mich vom Ende des Feldes ins Mittelfeld vorzukämpfen.»

Vor der Sommerpause im August wird bei Mercedes kein neuer Fahrer bekannt gegeben, erklärte Wolff kürzlich. Dass Russell der richtige Mann ist, zeigte er im letzten Rennen von 2020. Damals fuhr er als Ersatz für den an Covid-19 erkrankten Hamilton im Mercedes, schnappte sich im Qualifying den zweiten Rang und führte das Rennen über 57 Runden mit begeisternder Dominanz an, bevor ihn eine Panne beim Boxenstopp weit zurückwarf.