Automobilrennsport
Geld verdrängt Talent – Die Reichen haben es in der Formel 1 einfacher

Als «Paydriver» in die Formel 1: Milliardärssöhne haben im Automobilrennsport gute Aufstiegschancen – auch Schweizer leiden darunter.

Leandro De Mori
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Immer mehr Rennställe geben nicht dem talentiertesten Nachwuchsfahrer einen Platz, sondern demjenigen mit dem meisten Geld.

Immer mehr Rennställe geben nicht dem talentiertesten Nachwuchsfahrer einen Platz, sondern demjenigen mit dem meisten Geld.

Florent Gooden / www.imago-images.de

Man hört die Motoren der 1000-PS-Boliden aufheulen. Mit mehr als 350 km/h Höchstgeschwindigkeit rasen die Fahrer über die Rennstrecken auf der ganzen Welt. Woche für Woche werden die Rennwagen, sowie der gesamte Rennstall durch die Welt transportiert.

Tausende von Menschen sind in dieses Geschäft involviert. An die zwei Milliarden Franken kostet eine Formel-1-Saison. Auch an diesem Wochenende lässt sich dieses Szenario beobachten, wenn die Königsklasse in Portugal gastiert.

Mercedes AMG-Petronas ist der reichste Rennstall der Formel 1.

Mercedes AMG-Petronas ist der reichste Rennstall der Formel 1.

Davide Gennari / EPA

Das Geld bestimmt den Rennsport. Dies ist deutlich zu sehen, betrachtet man die geschätzten Team-Budgets und die Platzierung am Ende der Saison. 2020 wurde das Vermögen des Weltmeisterteams Mercedes auf über 480 Millionen Franken geschätzt. Damit ist der deutsche Rennstall klar an der Spitze.

Hinter Mercedes folgen der ­italienische Traditionsrennstall Ferrari mit 460 Millionen und Red Bull mit 440 Millionen Franken Budget. Abgeschlagener Letzter in der Saisonwertung und in der Budget-Rangliste ist das britische Rennsportteam Williams. Heisst: Je mehr Geld vorhanden ist, desto besser die sportliche Platzierung.

Plötzlich hat das Auto die Nationalfarben Russlands

Die Auswirkung davon? Immer mehr Rennställe geben nicht dem talentiertesten Nachwuchsfahrer einen Platz, sondern demjenigen, der das meiste Geld mitbringt. Diese sogenannten «Paydriver» («Bezahlfahrer») erobern die Formel 1. Am besten lässt sich dieses Phänomen derzeit bei der Verpflichtung des Russen Nikita Mazepin beobachten.

Er ist Nachwuchsfahrer im amerikanischen Rennstall Haas, welcher seit Beginn des Jahres «Uralkali Haas» heisst. Der neue Teamname kommt nicht von ungefähr. Mazepins Vater, Dmitri Mazepin, baute sich ein Milliardenvermögen mit dem Bergbauunternehmen Uralkali auf. Dem grössten ­Düngemittelhersteller Russlands.

Ebenfalls kein Zufall, dass der Rennwagen von Haas, der sich in den vergangenen Jahren in den Farben Schwarz, Rot, Silber und Weiss hielt, seit dieser Saison in den Nationalfarben Russlands erscheint.

Das Auto von Mick Schumacher und Nikita Mazepin erstrahlt in den Farben Russlands.

Das Auto von Mick Schumacher und Nikita Mazepin erstrahlt in den Farben Russlands.

Davide Gennari / EPA

Stroll kauft Aston Martin

Auch Lance Stroll, Team­kollege des vierfachen Weltmeisters Sebastian Vettel bei ­Aston Martin, hat seinen Weg in die Formel 1 nicht nur durch sein Talent gefunden. Sein Vater Lawrence hat die Modemarken Pierre Cardin und Ralph Lauren nach Kanada gebracht, was ihn zum Multimilliardär machte.

2018 stellte Lawrence Stroll die finanziellen Mittel für Force India bereit, damit der insolvente Rennstall weiter an der Saison teilnehmen durfte. Im Folgejahr nahm das Team als Racing Point Force India als Fahrer Lance Stroll unter Vertrag.

Hat viel von seinem Vater profitiert: Lance Stroll (l.) neben Sebastian Vettel.

Hat viel von seinem Vater profitiert: Lance Stroll (l.) neben Sebastian Vettel.

Mark Thompson / Getty Images Europe

Vor der Saison 2020 kaufte Lawrence Stroll für 230 Millionen Franken 16,7 Prozent des Automobilherstellers Aston Martin. Seither tritt der Rennstall unter dem Namen Aston Martin F1 an. Einer der Piloten heisst – logischerweise – Lance Stroll.

Lando Norris und Nicholas Latifi sind zwei weitere junge Fahrer, die als «Paydriver» gelten. Norris sitzt hinter dem Steuer eines McLaren-Boliden, Latifi geht für Williams an den Start.

Eine Saison in der untersten Klasse? 370'000 Franken

Der harten Realität muss auch Elia Sperandio aus Mels SG ins Auge sehen. Er wurde vier Jahre hintereinander Schweizer Meister im Kart und hat eigentlich die passenden körperlichen Voraussetzungen für eine Karriere im Rennsport. Das einzige Problem: Schon der Übertritt in die Formel 4 kostet enorm viel Geld.

Eine Saison in der untersten Formel-Klasse würde rund 370'000 Franken kosten. Geld, das er und seine Familie nicht aus eigener Tasche aufbringen können. Deswegen hat er auf der Crowdfunding-Plattform «ibelieveinyou» ein Projekt gestartet, bei dem knapp die Hälfte des fehlenden Geldes zusammengekommen ist.

«Momentan fehlen uns noch ungefähr 50'000 Franken, damit ich in der Formel 4 starten kann»,

sagt Sperandio. Einen Grossteil des Geldes hat er durch seine langjährigen Sponsoren schon zusammen.

Den unfairen Wettbewerb akzeptiert

Viel Zeit für die Finanzierung bleibt dem talentierten Ostschweizer aber nicht mehr. «Mein Traum ist es, den Weg von der Formel 4 in die Formel 1 zu gehen. Sollten wir aber das Geld auch im nächsten Jahr nicht zusammenbekommen, würde es mein Karriereende bedeuten.»

Sofern er das nötige Geld beschaffen könne, sei die Rennsportkarriere trotzdem nicht langfristig gesichert, erklärt Sperandio: «Auch in der Formel 3 und der Formel 2 muss man Geld investieren, um an den Start zu gehen. Erst wenn man einen Vertrag bei einem grossen Rennstall hat, wird das Geschäft profitabel.»

Dass Geld Wettbewerbsvorteile bringt, hat der 15-jährige Sekundarschüler akzeptiert, auch wenn er es nicht fair findet: «Wenn man einen berühmten Nachnamen wie etwa Montoya oder Schuhmacher besitzt, hat man bessere Chancen im Rennsport. Es ist nicht richtig, dass nicht der beste Fahrer, sondern derjenige mit dem meisten Geld weiterkommt. Aber damit muss ich leben.»