Grossmaul John McEnroe blieb sprachlos. Sein Ex-Trainer Boris Becker sprach von einem Erdrutsch. «Das muss ich erst verdauen. Das habe ich nicht erwartet.» Doch ganz so überrascht, wie sich der im Dezember abgesetzte Deutsche gab, dürfte er nicht gewesen sein. Er dürfte sogar gespürt haben, dass schwierige Monate auf Novak Djokovic warten, nachdem sie im letzten Mai gemeinsam die French Open gewonnen hatten und damit die letzte Grand-Slam-Trophäe, die dem Serben noch fehlte.

Seither befindet sich Djokovic in einer Sinnkrise. Nachdem er in Wimbledon frühzeitig gescheitert war, hatte Becker ihn sogar öffentlich kritisiert: Djokovic habe wohl etwas zu viel gefeiert und zu wenig trainiert. In Tat und Wahrheit spielten auch private Probleme eine Rolle, wie Djokovic erst viel später gestand. Dazu kamen im Herbst kleinere Verletzungen und Misserfolge, die im Verlust des Weltranglistenthrons gipfelten. Die Aura des Unbesiegbaren hat erst spür- dann auch sichtbar Risse bekommen.

Djokovic befindet sich in einer Spirale, die nur schwer aufzuhalten ist. Zeigt er auf dem Platz Frustration, die er danach selber als Problem bezeichnet, zeugt das von tiefer Verunsicherung. Auch für seine Gegner ist nun klar: Djokovic ist im Kopf, dort, wo Tennisspiele auf dem höchsten Niveau entschieden werden, nicht mehr so stark wie vor einem Jahr.

Djokovic macht eine schmerzliche Erfahrung, wie sie vor ihm auch Federer und Nadal gemacht haben: Grosse Erfolge führen oft auch zu einer Leere. Er versuchte, diese mit Meditation zu füllen. Suchte spirituellen Rat. Besuchte Orte, die seine Kindheit definierten und trennte sich von Becker. Erfolg hat ihm das noch keinen gebracht. Djokovic mag wieder Grand-Slam-Turniere gewinnen. Seine Dominanz endete aber gestern. Dort, wo sie vor sechs Jahren begann: auf dem Centre Court von Melbourne.