Kinder rennen durch den Sand, auf den Wiesen sitzen die Leute beim Picknick, der Rest steht am Strand, mit den Füssen im Wasser und blickt verträumt hinaus auf das Meer.

Dort draussen, vom blossen Auge knapp zu erkennen, ziehen Segelboote Linien ins Wasser. Der Blick auf den Grossbildschirm verrät, dass an Wettkampf nicht zu denken ist. Zunächst gibt es zu wenig Wind, und dann, als das Wetter plötzlich ändert, zu viel. Absage.

Es ist der Flamengo-Strand, auf dem wir uns befinden, und er hat mit dem Bild, das die Olympischen Spiele mit dem Epizentrum draussen in Barra mit all den Stadien abgibt, nichts gemein. «Wir sind gerne hier draussen», sagt Maja Siegenthaler, als die Sonne bereits untergeht und gegenüber, auf der anderen Seite der Bucht, die Skyline vom Centro nun leuchtet. «Wir sind sogar lieber hier als im Athletendorf.»

Maja Siegenthaler (links) und Linda Fahrni. (Archivbild)

Maja Siegenthaler (links) und Linda Fahrni. (Archivbild)

Was schwimmt im Meer?

Siegenthaler bildet mit Linda Fahrni ein Team in der 470er-Klasse und ist nach stundenlangem Warten auf See tatenlos zurückgekehrt. Das mache ihr nichts aus, das gehöre zum Segeln. Und das Wasser, das im Vorfeld wegen Verschmutzung immer wieder für Schlagzeilen sorgte?

«Man darf die Qualität nicht schönreden», sagt Siegenthaler. Ihre Kollegin Fahrni spricht sogar von «Dreckwasser, das wohl das eine oder andere Bakterium enthalten dürfte». Aber den Wettkampf beeinflussen würden die Bedingungen hier nicht. «Plastiksäcke oder anderer Dreck schwimmen nicht herum», sagt Fahrni.

Das tönte im Vorfeld noch ganz anders. Was nicht alles in der Guanabara-Bucht herumtreiben würde: Leichenteile, Kühlschränke oder tote Pferde. Und wenn man die Fantasie etwas bemühte, schien das ja Sinn zu ergeben: das Meer als unendliche Entsorgungsanlage. Für die Drogenmafia und ihre zerhackten Mordopfer, für die unbedachten Cariocas und ihren Haushaltsmüll und … «Es wurde aber sicher vieles von den Medien aufgebauscht», sagt Linda Fahrni.

Olympische Sommerspiele - das Quiz zu Rio 2016

«Kühlschränken bin ich schon begegnet, aber nicht jetzt während der Olympischen Spiele», sagt Tom Reulein. Der Deutsche ist seit 2010 Teamleiter bei Swiss Sailing und hat sich in den letzten zwei Jahren, von denen er und sein Team rund 120 Tage in Rio verbrachten, intensiv mit dem Thema der Wasserverschmutzung auseinandergesetzt. «Die Bucht ist riesig. Wenn es zwei, drei Tage durchregnet, kommt sehr viel vom hinteren Teil der Bucht hierher. Dann müssen die Segler allen möglichen Sachen ausweichen.»

Der gewünschte Themenwechsel

Im Schweizer Team wird viel Prävention betrieben, nicht nur mit Antibiotika. «Wir reinigen noch gewissenhafter als üblich die Schoten, die Boote, die Neoprenanzüge. Und auf den Motorbooten haben wir stets frisches Wasser und Desinfektionsmittel», sagt Reulein.

Er bittet gleichzeitig aber auch um einen Themenwechsel, wenn es ums Segeln in Rio gehe: «Einerseits erleben wir in anderen Grossstädten oft die gleichen Probleme, und andererseits haben wir mittlerweile wirklich genug über das Wasser gesprochen. Reden wir übers Segeln!»

Trotzdem, einer, den es in Reuleins Team bereits erwischte, ist Yannick Brauchli. Der 470er-Athlet sagt: «Ja, ich war krank, aber ich kann nicht sagen, ob das wegen des Wassers war.» Maja Siegenthaler sagt: «Wir können die Situation nicht ändern und müssen damit umgehen können.» Und dann gibt es noch den in der Nacra-17-Kategorie segelnden Matías Bühler. Der argentinisch-schweizerische Doppelbürger kann über die angeblichen Probleme nur schmunzeln, für ihn waren sie früher Normalität: Bühler lernte sein Segel-Einmaleins am Rio de la Plata.

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Grafik: Elia Diehl

Olympische Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro