Vordergründig bleibt zwar nur der Frust, dass die Hauptdarsteller der Sportwelt überhaupt nicht am Entscheidungsprozess teilhaben durften. Doch diesmal soll der lautstarke Protest nicht so einfach verstummen, wie es das Kalkül der Mächtigen vorsieht.

«Es ist an der Zeit, etwas zu tun. Wir Athleten fordern jenen Sport ein, wie wir ihn uns vorstellen», sagt die Deutsche Silke Kassner. Die ehemalige Kanutin kämpft seit Jahren an vorderster Front für die Rechte der Athleten. Sie hat als Mitbegründerin der unabhängigen Vereinigung «Athleten Deutschland» eine weltweite Premiere erreicht. Eine vom Staat anerkannte und finanziell unterstützte Organisation, die sich von der nationalen Sportführung loslöst. Und den Mut aufbringt, mit brisanten Forderungen beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) vorstellig zu werden.

Die eigenen Athleten ignoriert

Derzeit laufen hinter den Kulissen die Drähte heiss. Athletenvertretungen tauschen sich aus, vernetzen sich. Mit offenen Briefen und der Forderung, die Russen noch nicht wieder anzuerkennen, stellten sich mehrere Sportlervertretungen vehement gegen die Welt-Antidoping-Agentur – unter ihnen mit Beckie Scott sogar die Vorsitzende der Wada-eigenen Athletenkommission.

Einzig das Athletengremium des IOC begrüsste die Wiederzulassung Russlands. Ein Zeichen dafür, wie sehr diese ehemaligen Wettkämpfer bereits von der sportlichen Überorganisation vereinnahmt werden. Überhaupt reichen die krakenartigen Arme des IOC in alle wichtigen Bereiche des Sports hinein, so auch tief in die Schaltzentralen von Wada und dem Lausanner Sportgerichtshof CAS. So sass beim Russland-Entscheid der eigentlich unabhängigen Wada eine ansehnliche Anzahl IOC-Mitglieder am Tisch, unter ihnen der einflussreiche Schweizer Patrick Baumann.

«Parallelwelt, in der eigene Regeln herrschen»

Der Basketball-Weltpräsident sagt zur Doping-Situation in Russland: «Fehler kommen ans Tageslicht und haben zur Folge, dass man sich verbessert. Das passiert derzeit in Russland. Deshalb sollte man der Rusada die Chance geben, sich mit den neuen Strukturen wieder zu beweisen». Seit Monaten investierten die IOC-Bosse viel Energie, um die Antidoping-Vertreter am Entscheidungstisch auf diesen Kurs zu bringen. Mit Erfolg, aber nicht ohne Flurschaden.

«Man hat eine Parallelwelt kreiert, in der eigene Regeln herrschen», sagt Silke Kassner, die im September wegen ihrer Forderung, dass Athleten künftig mit 25 Prozent an den Erlösen der Vermarktungs- und Übertragungsrechten von Olympischen Spielen beteiligt werden, von IOC-Präsident Bach empfangen wurde. Konkrete Ergebnisse ergab das Treffen nicht, dafür ein weiterer Eindruck, «dass das Universum des IOC als eine Blase erscheint, eine ganz grosse Scheinwelt». Kassner kann auch nicht nachvollziehen, dass Thomas Bach als Vorsitzender einer Non-Profit-Organisation konsequent mit «Herr Präsident» angesprochen wird.

Kampf gegen die eigenen Regeln

Silke Kassner sagt, dass man noch nach Hebeln suche, um den eigenen Ansichten Nachdruck zu verleihen. «Es kann nicht sein, dass der eigentliche Protagonist des Sports im 21. Jahrhundert nicht in Entscheidungsprozesse involviert wird. Wir prüfen deshalb juristisch, ob wir gegen den Wada-Beschluss und gegen das unterentwickelte Recht im IOC klagen können - wenn nötig vor einem zivilen Gericht.»

Auch kämpfen die Athleten gegen ihre chronische Unterbesetzung in den Gremien der Sportorganisationen. Freiwillig treten diese die Macht kaum ab. «Man versteht dort offenbar nur die Sprache einer juristischen Klage», sagt Kassner.