Tanner Richard
Auf Werbetour in eigener Sache

Eishockey Tanner Richard brach seine Zelte in Nordamerika vorzeitig ab, um mit der Schweizer Nationalmannschaft seinen Traum von der NHL am Leben zu erhalten.

Marcel Kuchta
Merken
Drucken
Teilen
Hat seinen Traum von der NHL noch nicht aufgegeben: Tanner Richard (24).

Hat seinen Traum von der NHL noch nicht aufgegeben: Tanner Richard (24).

Steffen Schmidt/freshfocus

Heute Abend wird Tanner Richard sein zweites Länderspiel für die Schweizer Nationalmannschaft bestreiten. Und spezieller könnte die Affiche für den 24-Jährigen gar nicht sein. Gegner in der Genfer Les-Vernets-Halle ist ausgerechnet Kanada, sein Geburtsland und Heimat seines Vaters Mike, der in der Schweiz beim EHC Olten und den Rapperswil-Jona Lakers nach einer ruhmreichen Karriere Legendenstatus besitzt. Doch damit nicht genug: Genf könnte auch der zukünftige Arbeitsort von Tanner Richard sein. Aber nur dann, wenn es nicht nach dem Gusto des Mittelstürmers geht. Denn obwohl Tanner Richard seine Unterschrift unter einen Zweijahresvertrag mit Servette Genf gesetzt hat, so hofft er, dass er im kommenden Herbst nicht in der NLA spielen muss, sondern – dank einer Ausstiegsklausel – wieder in Nordamerika. Dort, wo er die letzten sechs Jahre seiner noch jungen Karriere verbracht hat.

Kurioserweise hat Tanner Richard seine Zelte in Übersee in der vergangenen Woche vorzeitig abgebrochen. Sein AHL-Team Syracuse Crunch ist aktuell immer noch in den Playoffs beschäftigt. Aber wieso ist Richard in der Mannschaft, in welcher er in den vergangenen drei Saisons Stammspieler war und in welcher er auch in der aktuellen Spielzeit zu den zuverlässigsten Skorern gehörte (34 Punkte in 47 Spielen), plötzlich ausser Rang und Traktanden gefallen – zumal er im Dezember sogar noch seine ersten NHL-Spiele im Dress der Tampa Bay Lightning bestreiten durfte? Benoit Groulx, der Trainer der Crunch, erklärte gegenüber den lokalen Medien: «Ich mag Tanner wirklich. Aber ich muss eine Mannschaft führen. Ist er schlechter geworden? Das weiss ich nicht. Aber ich weiss, dass einige Spieler besser wurden als er.»

In der Hierarchie durchgereicht

Richard wurde unter anderem vorgeworfen, dass er zu viele dumme Strafen kassiere. Erschwerend für ihn kam dazu, dass viele Spieler, die in der NHL bei den Tampa Bay Lightning aushelfen mussten, nach und nach wieder nach Syracuse zurückkehrten und so Tanner Richard in der Hierarchie nach hinten drängten. Da sein Vertrag mit der Tampa-Organisation sowieso kaum verlängert worden wäre, standen die Zeichen recht schnell klar auf Trennung. Deshalb fiel es Richard auch nicht schwer, vorzeitig einen Schlussstrich zu ziehen und sich neu zu orientieren.

Den Traum, dereinst regelmässig in der NHL spielen zu können, hat der Center, der in der Junioren-Abteilung der Rapperswil-Jona Lakers gross wurde, deswegen noch lange nicht aufgeben. Im Gegenteil: «Ich sehe es nicht als ‹Good-bye›. Für mich ist es ein ‹See you later›», unterstreicht er. «Ich musste auf meine Karriere schauen. Als ich die Möglichkeit sah, mir im Schweizer Team einen Platz im WM-Team zu erkämpfen, habe ich mich zu diesem Schritt entschlossen. Für mich ist es kein Schritt zurück, sondern eine Chance, mich zu beweisen.»

Vorerst gilt es für Tanner Richard aber erst einmal, den Sprung ins WM-Team zu schaffen. Nach dem Spiel von heute Abend wird Nationaltrainer Patrick Fischer den letzten Kaderschnitt vornehmen. Zwei Stürmer dürften noch über die Klinge springen müssen. Dass Richard zu den «Opfern» gehört, ist eher unwahrscheinlich. Zumal er und sein Agent sich vor dem Entscheid, Syracuse zu verlassen, eingehend mit Fischer unterhalten hatten. «Hoffentlich darf ich mit der Schweiz an die WM. Wenn ich diesen Schritt geschafft habe, dann habe ich die Gelegenheit, auch Werbung in eigener Sache zu betreiben. An einer WM sind auch fast alle NHL-GM vor Ort. Dort kann ich beweisen, was ich kann.»

Schon die heutige Begegnung gegen Kanada steht für Tanner Richard diesbezüglich unter besonderen Vorzeichen. Hinter der kanadischen Bande steht mit Jon Cooper der Trainer der Tampa Bay Lightning. Mit Alex Killorn und Braden Point stehen zwei ehemalige Teamkollegen Richards in der kanadischen Auswahl. Grund genug für den Jung-Nationalspieler, noch ein wenig motivierter in die Partie gegen sein Geburtsland zu steigen.