Ice-Cross Downhill
Auf Schlittschuhen im Eiskanal – Killian Brauns Leben am eisigen Limit

Kilian Braun stürzt sich auf Schlittschuhen Eisbahnen hinunter. Die Nordwestschweiz hat Braun beim Rennen auf dem längsten und schwierigsten Kurs in der Geschichte der Sportart Ice Cross Downhill begleitet.

Mira Güntert, Jyväskylä
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Die wagemutigen Ice-Cracks stürzen sich nebeneinander die Eisbahn hinab.

Die wagemutigen Ice-Cracks stürzen sich nebeneinander die Eisbahn hinab.

Red Bull

Ein übler Geruch strömt einem entgegen. Er erinnert stark an die Ausdünstungen in den Katakomben einer Eishockey-Arena. Doch Schauplatz ist weder eine gekühlte Halle, noch sind Schläger und Puck entscheidende Requisiten. Auf sportlicher Mission reisen wir nach Jyväskylä. In der grössten Stadt Zentralfinnlands treffen wir uns in der Garderobe des Sportzentrum Laajis zum Gespräch mit dem Aargauer Kilian Braun, dem besten Ice-Cross-Downhill-Fahrer der Schweiz.

Der Mutter-Effekt

Mit sieben weiteren Schweizern und einer Schweizerin startet der gebürtige Rothrister am dritten Red Bull Crashed Ice dieses Winters. Der Energydrink-Produzent setzt hierfür auf altbekannte Mittel: Adrenalin, Spektakel, viel Drumherum. Im Kampf um den Titel «Ice Cross Downhill Champion» durchlaufen die Fahrer auf Schlittschuhen einen mit waghalsigen Sprüngen, Hindernissen und Kurven gepflückten Parcours. «Da hat meine Mutter manchmal schon Angst um mich», sagt Braun – im Wissen, dass in seiner Extremsportart Geschwindigkeiten von 70 km/h keine Seltenheit sind.

Kilian Braun springt über eine Schanze.

Kilian Braun springt über eine Schanze.

Red Bull

Das wichtigste Material für einen Fahrer wie Kilian Braun sind – nebst den Schonern – seine Schlittschuhe. Beim ersten Hinsehen mahnen sie an einen Kauf aus einem gängigen Wintersport-Geschäft. Beim näheren Betrachten erkennt man aber, dass die Kufen viel flacher geschliffen sind als jene von Hockeyspielern. Braun erklärt: «Eishockey-Schlittschuhe kann man mit Slalomski vergleichen: Damit fährt man enge Kurven.

Die Speed-Fahrer allerdings wollen eine möglichst hohe Geschwindigkeit erreichen. Ich fahre also quasi einen Abfahrtsschlittschuh.» Mit diesem Stichwort schnürt der 28-Jährige seine Schuhe für den Ernstkampf. In der Qualifikation sollen am ersten Tag die besten 64 Fahrer für den Final ermittelt werden. Der Andrang auf das Areal hält sich an diesem Mittag arg in Grenzen. Noch während die letzten Vorbereitungen für den folgenden Finaltag laufen, fährt Braun auf den bemerkenswerten dritten Qualifikationsplatz.

Die Zuschauer erfreuten sich an waghalsigen Manövern.

Die Zuschauer erfreuten sich an waghalsigen Manövern.

Red Bull

Zweimal schaffte Braun, der seit zweieinhalb Jahren in Luzern lebt, bei einem Crashed Ice bereits den Sprung aufs Podest. 2011 in Moskau und 2012 im kanadischen Niagara Falls wurde er jeweils Dritter. Dass es für Braun ausgerechnet in Jyväskylä noch zwei Stufen höher gehen könnte, ist Claudio Caluori zuversichtlich: «Kilian liegt die lange Natureisstrecke mit den vielen Pumps sehr gut. Man merkt, dass er sich sehr wohlfühlt.» Der Schweizer Caluori ist Ice-Cross-Downhill-Experte bei Red Bull, prüft alle Eisstrecken auf Herz und Nieren und ist vor allem für junge Fahrer ein wichtiger Ansprechpartner.

Das Ziel ist klar

Kaum blinzelt die skandinavische Wintersonne über die Studentenstadt, betreten die Athleten fürs morgendliche Abschlusstraining die Eisbahn ein letztes Mal vor dem grossen Showdown am Abend. Kilian Braun legt seine Messlatte hoch: «Mein Ziel ist der Sieg. Ich bin parat und weiss, dass ich es kann.»

Stunden später ist die Fläche neben der Eisbahn überflutet von Menschen. Nichts erinnert mehr an das karge Besucherinteresse des Vortags. Viele Zuschauer in der sportbegeisterten Masse tragen eine blaue Pudelmütze mit dem Logo des Veranstalters. Lichtmästen beleuchten die komplette Anlage, jeder Streckenabschnitt wird von einer Kamera eingefangen. Scheinwerfer lassen Red Bulls Logofarben berauschend übers Eis zirkulieren. Ein einheizender Speaker bereitet das Publikum auf die bevorstehenden Rennen vor.

Ein sehenswertes Spektakel

Ein sehenswertes Spektakel

Red Bull

Im Cup-System starten jeweils vier Fahrer gleichzeitig, wobei es die zwei Schnellsten in die nächste Runde schaffen. Signalisierend, dass es gleich losgeht, legt der DJ in Sachen Lautstärke noch einen drauf und während der Herzschlag längstens dem Schlag des Basses verfallen ist, schallt eine Frage durch den einsetzenden Schneeregen: «Riders ready?» Eine Antwort darauf wird nicht erwartet – vielmehr startet der Countdown, der mit dem fünften Signalton die Türen der Startbox zum ersten Mal aufspringen lässt.

Zwei Kanadier sind einer zuviel

Drei Durchgänge hat Kilian Braun mittlerweile überstanden, mit einem weiteren erfolgreichen Lauf fährt er unter den letzten vier Fahrern um den Sieg. Doch die Konkurrenz im Halbfinal ist stärker geworden: Zum einen der Hornbrillenträger John Fischer aus Kanada, der in seinem rosaroten Trikot harmloser wirkt, als er ist.

Zum anderen Scott Croxall, ebenfalls Kanadier. Es passiert, was passieren musste: In einem mitreissenden Kopf-an-Kopf-Duell mit ständig wechselnder Führung wird Braun von seinen kanadischen Gegnern ausgeschaltet. Ein fünfter Platz und das Abrutschen auf den siebten Rang in der Weltrangliste sind die Folgen, Croxall und Fisher dürfen sich später im Final über die Plätze 1 bzw. 3 freuen.

Die Fische haben Flügel bekommen

Red Bull veranstaltet jeden Winter Crashed-Ice-Rennen. Dabei wird der sogenannte «Ice Cross Downhill World Champion» ermittelt. In dieser Saison machen die Athleten Halt in Quebéc, München, Jyväskylä und Saint Paul. Mit einer Länge von 630 Metern und einer Höhendifferenz von 66 Metern wurde im finnischen Jyväskylä der längste Eistrack in der Geschichte des Crashed Ice verwirklicht. Angefangen hat der Wahnsinn auf Eis 2001. Damals fand der erste Ice-Cross-Downhill statt – auf einem Fischmarkt in Stockholm. Seither hat Red Bulls Crashed Ice bereits in acht Ländern seine Eisbahnen aufgebaut. Auch die Schweiz war bereits Zentrum des Adrenalinflusses: 2008 in Davos, 2009 und 2013 jeweils in Lausanne.

Das ist nicht das, was sich Kilian Braun vorgestellt hat. Nicht das, was seinen Trainingsaufwand entschädigen würde. Doch für den gelernten Schreiner, der im Winter beinahe zweieinhalb Monate für seine Leidenschaft unterwegs ist, der im Sommer als temporärer Arbeiter Überstunden schuftet, um durch den Winter zu kommen, geht die Reise weiter. «Ich lebe diesen Sport», sagt er. In vier Wochen kann er seiner Leidenschaft noch mehr Leben einhauchen, wenn es im US-amerikanischen Saint Paul wieder heisst «Riders ready?»