Emotionen aus Carouge
Ein alter Papierfetzen mit grossem Wert: Warum das FCB-Ticket aus dem Jahr 1994 heute ein gefragtes Dokument ist

Das Ticket mit der Nr.20641 wurde vor 27 Jahren in Carouge gedruckt, dient aber noch heute als Andenken an einen unvergesslichen Tag.

Benedikt Pfister*
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Das Ticket vom Aufstiegsspiel in Carouge ist seit 27 Jahren im Portemonnaie seines Besitzers.

Das Ticket vom Aufstiegsspiel in Carouge ist seit 27 Jahren im Portemonnaie seines Besitzers.

zvg

Die Emotionen, die Freude mussten raus. Bereits kurz vor Spielschluss sammelten sich unzählige Fans in Carouge an den Balustraden, welche die Zuschauerränge vom Spielfeld trennen. Nach dem Schlusspfiff des Schiedsrichters gab es kein Halten mehr. Hunderte Fans kletterten über die Geländer, betraten den Rasen und stürmten jubelnd und singend auf den Platz.

Freudentränen wurden vergossen, Spieler umarmt, Tänze aufgeführt. Die beiden Reporter eines Radiosenders hielt es nicht mehr auf ihren Plätzen. Sie schlossen sich den vielen Fans an und stiegen über die Abschrankungen auf das Spielfeld, um möglichst schnell Stimmen von Beteiligten einzusammeln. Die Menschen standen auf dem Platz und spürten, dass sich gerade Grosses ereignet hatte. Die Spieler wurden von Fans beglückwünscht, umarmt, erhielten unzählige Klopfer auf die Schultern und sie verschenkten ihre Trikots, völlig überfordert von der Intensität des Moments.

Nach den ersten Jubelszenen auf dem Spielfeld zogen sich Spieler, Trainer und Betreuer in die Katakomben zurück und feierten in der Garderobe weiter. Ganz wagemutigen Fans gelang der Zutritt in den normalerweise den Fussballern vorbehaltenen intimen Bereich des Stadions. Gemeinsam mit den Spielern feierten sie diesen historischen Moment.

Was war geschehen? Dem FC Basel war an jenem Abend, dem 3. Mai 1994, der Aufstieg in die Nationalliga A und damit die Rückkehr ins Oberhaus des Schweizer Fussballs geglückt. Der Aufstieg erfreute die fussballverrückte Region im Norden der Schweiz und war Voraussetzung dafür, dass der FC Basel an die Spitze des Schweizer Fussballs zurückkehren konnte. Dank der eindrücklichen Serie von acht Meistertiteln in Folge von 2010 bis 2017 und sportlichen Erfolgen des Vereins in internationalen Wettbewerben wie der Europa und der Champions League schrieb der FC Basel Schweizer Sportgeschichte. Der Aufstieg vom Mai 1994 legte den Grundstein dazu. Er wurde für eine ganze Fangeneration identitätsstiftend. Nach langen Jahren in den Niederungen der Nationalliga B entluden sich an jenem Abend die angestauten Emotionen.

Ørjan Berg, Massimo Ceccaroni und Martin Jeitziner (v. l. n. r.) feiern nach dem gelungenen Aufstieg inmitten der Fans auf dem Barfi.

Ørjan Berg, Massimo Ceccaroni und Martin Jeitziner (v. l. n. r.) feiern nach dem gelungenen Aufstieg inmitten der Fans auf dem Barfi.

Stefan Holenstein

Rund 1000 Fans des FC Basel hatten den Verein an das Spiel gegen Étoile Carouge in Genf begleitet. Sie machten die Begegnung im Stade de la Fontenette zu einem Heimspiel für die Basler. Eine ganze Region fieberte dem sich abzeichnenden Aufstieg entgegen. Und tatsächlich: Der FC Basel erreichte ein 1:1-Unentschieden, das zum Aufstieg reichte.

Nach dem Spiel und den ersten euphorischen Feierlichkeiten im Stadion in Genf zog es Fans und Spieler zurück nach Basel. Der eine oder die andere packte dabei das Eintrittsticket ganz bewusst in die Hosentasche, in den Rucksack oder in das Portemonnaie. Das Ticket war der Beweis dafür, beim Aufstieg des FC Basel, dieser Sternstunde der Schweizer Sportgeschichte, dabei gewesen zu sein.

Das Ticket war das, was heute die vielen Fotos sind

Fast 30 Jahre nach dem Aufstieg sind Tickets vom entscheidenden Spiel in Genf eine Rarität. Wer ein solches Ticket besitzt, ist in Fankreisen angesehen, denn es ist nicht nur eine Memorabilia, die den sportlichen Aufstieg dokumentiert, sondern auch ein Beweis dafür, dass die Besitzerin oder der Besitzer dem FC Basel auch in schweren Zeiten treu zur Seite stand. Das Ticket Nr.20641 befindet sich in Privatbesitz. Der Besitzer trägt es seit jenem Abend stetig in seinem Portemonnaie mit sich herum.

Er kaufte das Ticket in Genf unmittelbar vor dem Spiel direkt im Stadion. Eine Vorverkaufsstelle gab es nicht. Zehn Franken kostete der Eintritt für die Stehplätze. Nirgends steht das Datum oder der Name des gegnerischen Klubs geschrieben. Lediglich die Nummer 20641 gibt dem Ticket etwas Individuelles. Ohne Hintergrundwissen dazu war im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbar, zu welchem Spiel das Ticket Einlass gewährte. Die Nummerierung diente ausschliesslich dazu, zu verhindern, dass Inhaber eines Tickets eines früheren Spiels von Étoile Carouge erneut unberechtigterweise Zutritt erhielten.

Das Ticket erfüllte einen funktionalen Zweck. Für die kurze Zeitspanne von 90 Minuten wurde es zu einem Wertpapier mit dem Gegenwert von zehn Franken. Es ermöglichte den Zutritt zu einem Fussballspiel. Der monetäre Wert sank während und nach dem Spiel drastisch gegen null. Niemand hätte unmittelbar nach Spielschluss dafür noch Geld ausgegeben. Das Ticket wandelte sich danach aber durch die Bedeutung des Spiels vom Wert- zum Erinnerungspapier.

Freilich: Der emotionale Wert als Erinnerungsanker ist sehr individuell. Für den Besitzer von Ticket Nr.20641 ist der finanzielle Wert nicht messbar. Ein Verlust desselben wäre schmerzvoll und nicht mit Geld aufzuwiegen. Ein Teil der eigenen Identität ginge verloren. Kein Wunder, trägt er das Ticket im Portemonnaie immer mit sich. Das Ticket hat als Erinnerungspapier deshalb grosse Bedeutung, da es vom Spiel keine bewegten Bilder gibt. Selbst Fotografien sind rar. 1994 waren mobile Telefone mit Fotofunktion noch nicht geläufig und nur ganz wenige Leute nahmen eine eigene Kamera mit ins Stadion. Es gab noch keine Leserreporterinnen und -reporter, die mit ihren mobilen Geräten alles filmten, fotografierten und in Echtzeit in der ganzen Welt verschickten. Es waren und sind deshalb die Erzählungen jener, die dabei waren, und Fotografien, die die Erinnerung an den 3. Mai wachhalten oder uns einen Eindruck davon vermitteln.

*Der Text ist ein Auszug aus dem neuen Buch «Kartenland Schweiz – Geschichten aus der analogen Welt», das Benedikt Pfister zusammen mit Thomas Brückner im Zytglogge-Verlag herausgegeben hat.

*Der Text ist ein Auszug aus dem neuen Buch «Kartenland Schweiz – Geschichten aus der analogen Welt», das Benedikt Pfister zusammen mit Thomas Brückner im Zytglogge-Verlag herausgegeben hat.

zvg

Der Wert von alten Tickets stiegt wieder

Historische Tickets sind zu einem Sammelgut geworden. Viele Sammlerinnen und Sammler sind ausschliesslich an Tickets als individuellen Erinnerungspapieren interessiert, welche die eigenen Besuche von Veranstaltungen dokumentieren. Für den Kauf und Verkauf von historischen Tickets gibt es aber einen Markt. Finaltickets der Fussballweltmeisterschaft von 1954 in der Schweiz werden auf Auktionen in Deutschland, das jenes Turnier gewann, für 500 Euro und mehr gehandelt.

Auch andere Raritäten erzielen regelmässig Preise, die deutlich über dem ursprünglichen Kaufpreis liegen. Ein Ticket für das erste Fussballländerspiel von Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg – die deutsche Elf besiegte am 22. November 1950 in Stuttgart die Schweiz mit 1:0 – wurde im Juni 2020 an einer Auktion für 200 Euro verkauft. Das Ticket spielt über die Bedeutung als individuelles Erinnerungspapier hinaus auch noch eine Rolle als Zeitzeuge.

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