Champions League

Auf den Spuren des Mannes aus Sursee – Ein Besuch in seiner Heimat

Haris Seferovic ist am Mittwoch mit Benfica zu Gast in Basel – wir waren zu Besuch in seiner Heimat.

«Jaaaa, da ist das 1:0. Haris Seferovic, der Mann aus Sursee, hat getroffen», tönt es Ende August aus den TV-Geräten in den Schweizer Stuben. Die Schweizer Nationalmannschaft spielt in St. Gallen gegen Andorra.

Eine Wasserschlacht, ein Kampfspiel, und der U17-Weltmeister schiesst die Schweiz in Führung und bringt Sascha Ruefer (45) zum Frohlocken. Dem SRF-Mann ist es geschuldet, dass Seferovic schweizweit als «Mann aus Sursee» bekannt ist, ihm ist zu verdanken, dass der Ausdruck Kultstatus hat.

Dazu muss man wissen: Ruefer wohnt in der Nachbargemeinde Schenkon – und macht beste Werbung für seine Region. Im Scherz hat er von Beat Leu, Stadtpräsident von Sursee, auch schon die Ehrenbürgerschaft verlangt. «Die kriegt er nicht, aber ein Bier hat er zugut», sagt Leu zur «Schweiz am Wochenende».

Seferovic wie am Pranger

Ruefer hat Sursee zwar bekannt gemacht – trotzdem kennen die Heimat von Seferovic nur die wenigsten. Deshalb haben wir uns vor dem Champions-League-Spiel zwischen dem FC Basel und Benfica Lissabon kommenden Mittwoch in der Innerschweiz auf Spurensuche gemacht.

Und die führt uns zuerst ins Zentrum auf den Rathausplatz. Die Sonne scheint an diesem milden Septembertag auf die Pflastersteine. Vor dem Stadtcafé sitzen die Leute auf dem Platz und tratschen. Hin und wieder rauscht ein Auto am Rathaus vorbei.

Das 1570 erbaute Gebäude ist eines der Wahrzeichen des Städtchens. Genauso wie der Pranger an der Rathausecke. Dort haben sie im Mittelalter die Bösewichte angekettet und dem Spott des Volkes preisgegeben. Ähnlich ausgestellt muss sich Haris Seferovic gefühlt haben, als er 2009 vom damaligen Stadtpräsidenten Ruedi Amrein mit einem öffentlichen Empfang geehrt wurde.

Das erzählen wenigstens die, die ihn kennen. Seferovic liebt den Fussball, das Toreschiessen, aber die Aufmerksamkeit, die ihm deswegen zuteilwird, behagt ihm nicht. Das ist bis heute so.

Seferovic ist mit dem Ball am Fuss ein Mann, der grosse Spiele entscheiden kann. Wie den U17-WM-Final 2009 gegen Nigeria. Oder 2013, als er gegen Zypern in letzter Sekunde das 1:0 schoss, womit sich die Schweiz für die WM in Brasilien qualifizierte. Grosse Taten, ja, grosse Worte, nein.

Und so geht es weiter, an die Christoph-Schnyder-Strasse. Wohnblock reiht sich hier an Wohnblock. Hier leben die meisten der fast 10 000 Einwohnerinnen und Einwohner der Kleinstadt. Denn die Altstadt ist geprägt vom Kleingewerbe. Ein Goldschmied, eine Metzgerei, eine Bäckerei und vor allem Restaurants und Bars.

«Wir haben eine sehr lebendige Gastroszene. Bei uns kommen auch die Leute aus Zofingen in den Ausgang», sagt Stadtpräsident Leu. Wer Ruhe will, lebt vor den Toren der malerischen Altstadt. Hier an der Christoph-Schnyder-Strasse, westlich des Zentrums, herrscht 70er-Jahre-Charme.

Hier wuchs Seferovic auf und hier leben seine Eltern noch heute. Vor 30 Jahren kamen sie aus Bosnien in die Schweiz. «Seit 22 Jahren sind wir in Sursee», sagt seine Mutter Sefika. So erfolgreich der Sohn auch ist, sie und ihr Mann Hamza arbeiten noch immer.

Sie tagsüber bei Calida in Sursee, ihr Mann in der Nacht im Stahlwerk von Swiss Steel in Emmenbrücke. Wann immer möglich besucht Haris seine Eltern. Und dann kann es schon mal vorkommen, dass die Nachbarskinder läuten und ein Selfie schiessen wollen mit dem grossen Star aus der Provinz.

«Als er mit der U17 Weltmeister wurde, war das eine Riesensache. Da hatte es kreischende Mädchen vor der Tür der Familie Seferovic», sagt Irene Brechbühl. Sie wohnt in der Nachbarschaft und war Haris’ erste Lehrerin (1. und 2. Klasse).

Irene Brechbühl: Ehemalige Lehrerin.

Irene Brechbühl: Ehemalige Lehrerin.

Er sei ein unauffälliger Schüler gewesen. Absoluter Durchschnitt. Als eher scheu, aber sehr liebenswürdig beschreibt sie ihn. «Das fussballerische Talent war schon damals offensichtlich. Und es hat ihn beliebt gemacht, alle wollten ihn in ihrem Team», erzählt Brechbühl. Obschon er problemlos alleine über den ganzen Platz hätte dribbeln können, sei er nie ein Egoist gewesen. Brechbühl: «Er hat auch den Mädchen immer wieder den Ball gespielt.»

«Er musste untendurch»

Sie habe heute noch Tränen in den Augen, wenn er wichtige Tore schiesse. Ein grosser Fan ist sie geblieben, obwohl ihr nicht immer gefallen hat, was da über Haris publik wurde. «Er musste untendurch», sagt sie. Und denkt dabei an seine schwierigen Zeiten.

Die Kündigung, als er bei Xamax war, den Skandal in San Sebastian, als er aus dem Kader flog, nachdem er an seinem 22. Geburtstag seine damalige Freundin geschlagen haben soll und eine Nacht im Knast verbrachte. Rund zehn Monate später, im Dezember 2014, wurde Seferovic freigesprochen.

Die Krisenzeiten scheinen vorbei. Seit seinem Wechsel zu Benfica Lissabon letzten Sommer blüht Seferovic auf. Fünf Tore hat er in den ersten acht Partien erzielt, eines davon in der Champions League bei der 1:2-Heimpleite gegen ZSKA Moskau. Haris ist in der Königsklasse angekommen.

Begonnen hat sein Fussball-Abenteuer auf dem Fussballplatz neben dem Schulhaus Neufeld I. «Wir haben dort jeweils trainiert. Eines Tages kam er und fragte, ob er mitspielen kann», erinnert sich Beat Koch (54), Haris’ erster Trainer.

Beat Koch: Ehemaliger Junioren-Trainer.

Beat Koch: Ehemaliger Junioren-Trainer.

Ein starker Läufer, eine aussergewöhnliche Schusstechnik. Einmal, gegen Malters, da habe er beim 22:0-Sieg 16 Tore geschossen. Koch: «Manchmal war es mir richtig unangenehm, da musste man ihn schon ein bisschen bremsen.» Dann nahm er ihn jeweils raus für ein paar Minuten. Haris akzeptierte das jeweils, ohne zu maulen.

Sein Partner im Sturm damals: Yanick Koch, Sohn des Trainers. «Wir haben uns blendend ergänzt: Ich schickte ihn, er rannte und schoss Tore am Laufmeter», sagt er und lacht. Noch heute haben sie Kontakt, auch wenn er spärlicher geworden sei. Haris ist ganz oben angelangt. In der Königsklasse.

Yanick Koch: Ehemaliger Sturmpartner.

Yanick Koch: Ehemaliger Sturmpartner.

Seine Wurzeln, Sursee, hat er trotzdem nicht vergessen. Wenn er zu Hause ist, dann ist er greifbar für die Kinder im Quartier. Aber auch im Stadion Schlottermilch, Heimat des FC Sursee (1. Liga), der Ort, wo er seine ersten Tore schoss, der Mann aus Sursee.

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