Im Jahr 2011 zerstörte ein Erdbeben der Stärke 6,4 Teile des Convention Centers in Christchurch. Doch schon Ende des letzten Jahrhunderts hatte ein Beben der besonderen Art das mondäne Kongresscenter in Neuseeland heimgesucht. Aber in Europa waren diese Vibrationen nur marginal spürbar. Zu weit weg befand sich das sportpolitische Epizentrum – und der damals oberste Skifahrer Marc Hodler, ausgestattet mit einem seismografischen Sensorium, glättete die Wellen, bevor sie ennet dem Ozean verheerenden Schaden anrichten konnten.

Die Delegierten des Internationalen Skiverbandes FIS hielten 1996 in Neuseeland ihren Kongress ab. Doch das Treiben glich eher einem orientalischen Basar. Jeden Morgen lagen im benachbarten Fünfsternhotel Crowne Plaza Geschenke vor der Zimmertür, deren Wert sich von Tag zu Tag steigerte. Was sich unter dem Türschlitz durchschieben liess, landete direkt im Zimmer, unter anderem auch ein Büchlein vom Schellen-Ursli. Absender: St. Moritz. Kuverts mit Banknoten, wie das von Fifa-Wahlen kolportiert wird, befanden sich keine darunter. Diese wechselten in den Suiten direkt die Hand – und nicht zu knapp. Insider sprechen von fünf- bis sechsstelligen Beträgen.

Jubel hielt sich in Grenzen

Neben St. Moritz bewarben sich St. Anton, Bormio und Lillehammer um die alpinen Weltmeisterschaften 2001. Lillehammer, eben Organisator von grandiosen Winterspielen, schied im ersten Wahlgang aus, der italienische Kandidat Bormio im zweiten. Den Zuspruch erhielt St. Anton, das sich im dritten Wahlgang mit 64 zu 52 gegen St. Moritz durchsetzte.

Der Jubel, der nach solchen Wahlen jeweils auszubrechen pflegt, hielt sich in Grenzen. Sogar Altmeister Karl Schranz, die treibende Kraft der österreichischen Kandidatur, schaute missmutig drein. «Da bieten Leute», schimpfte er, «für irgendeinen Betrag ihre Stimme an, gehen dann zum Konkurrenten und verlangen das Doppelte. Es ist leichter, Weltmeister zu werden, als eine Weltmeisterschaft zu bekommen.»

Schranz sprach deutlich aus, was andere verklausuliert angedeutet hatten. Crans-Montana verlor das WM-Bewerbungsrennen einst hochkant gegen Schladming und Bormio. Während die Walliser den Radsport-Giganten Eddy Merckx für ihre Werbetour einspannten, gingen die Konkurrenten subtiler vor. Tausendsassa Erwin Stricker, schon als Skirennfahrer ein Unikum mit weltweitem Netzwerk, vertrat die italienischen Interessen und bekannte mit dem ihm eigenen Schmäh: «Ich kenne die Vorlieben vieler Delegierten.» Auf dem von ihm gecharterten Schiff hielten sich auffallend viele hübsche Girls auf.

Zusammenschluss der «Small Nations»

Die Dienstleistungen und Geschenke reichten von Hotel-Gutscheinen, Ferien, Trainingscamps bis zum Begleichen ausstehender FIS-Jahresbeiträge, damit die entsprechenden Nationen überhaupt abstimmen durften. Obwohl die kleineren Verbände nur ein Drittel der Stimmkraft der grossen besassen, bildeten sie im Zusammenschluss der «Small Nations» einen substanziellen Block von 20 bis 25 Stimmen. Der Israeli Josef Meiner, einst Geheimdienstagent beim Mossad, managte die «Small Nations» mit einem Mix von Geschick und Charme, dass fast kein Verdacht auf etwas Anrüchiges aufkommen konnte.

Hugo Wetzel, der damals als ahnungsloser Neuling ausschwärmte, um die WM nach St. Moritz zu holen, bekam schon am ersten Tag seiner «Tour du Monde» klaren Wein eingeschenkt. Als er sich an einer Bar Helmut Girardelli, dem TrainerVater von Marc, vorstellte und seine Absicht kundtat, redete dieser nicht lange um den heissen Brei. «Junge», soll er gemäss Wetzel gesagt haben, «eine WM holen, das ist ganz einfach.» Perplex erkundigte sich dieser: «Ja, wie denn?» Girardelli: «So was kauft man.»
Kleine Gefälligkeiten galten damals höchstens als Gentleman-Delikt und waren in der Schweiz erst noch steuerfrei. Sogar Chefs von ach so unbestechlichen Medienunternehmen verfügten über sogenannte «Management Fees» im Wert von zig-tausend Franken.

Vor St. Moritz hatte es Laax zweimal versucht. Nach der zweiten Schlappe am Kongress 1992 im Budapest, als die Surselver nach schwer durchschaubarer Wahl Sestriere (für 1997) unterlagen, hängte es dem Weisse-Arena-Chef Reto Gurtner aus. Er wollte nie mehr etwas von einer WM wissen. Und schickte aus Protest einzelnen Delegierten ein Päcklein mit einer Lire-Note und einem Spielzeug-Fiat drin.

Ein theoretisches Beispiel: Man stellt jemandem für ein Jahr ein Leihauto zur Verfügung, abgestuft nach Hierarchie-Stufe des Empfängers vom Cinquecento bis zum Ferrari. Und dann, je nach Ausgang der Wahl, vergisst man das Auto zurückzufordern. Nochmals: Das ist reine Fantasie und zeigt nur eine (theoretische) Möglichkeit auf. Allenthalben gilt die Unschuldsvermutung.

«Wir haben zwar gewonnen, aber...»

Ein paar Jahre später ging auch Sion im Kampf um die Olympischen Spiele gegen Sestriere/Turin unter. Schuld daran soll, wie die Olympia-Auguren vermuteten, Marc Hodler gewesen sein, weil er kurz vorher den Korruptionsskandal um die Vergabe der Olympischen Spiele 2002 nach Salt Lake City losgetreten hatte. Dieser kostete zehn IOC-Mitgliedern den Posten.

Marc Hodler hatte auch damals am FIS-Kongress in Christchurch auf seine Art gehandelt, als ihm Karl Schranz die Steilvorlage lieferte. Und Peter Schröcksnadel als Präsident des österreichischen Skiverbandes nachdoppelte: «Wir haben zwar gewonnen, aber das Verhalten gewisser Delegierter ist unhaltbar und steht einem so bedeutenden Sportverband schlecht an.»

FIS-Präsident Hodler reagierte trotz seiner 78 Jahre blitzschnell und wandte sich mit einem flammenden Plädoyer an das Skiparlament: «Es darf nicht sein, dass wir auf diese Weise die Ehre und Glaubwürdigkeit des Skisportes aufs Spiel setzen. Wenn sich einige Delegierte ihrer Verantwortung nicht bewusst sind, beantrage ich, die WM-Orte künftig durch den FIS-Vorstand wählen zu lassen. Wer damit einverstanden und bereit ist, ein Bekenntnis zur Ehrlichkeit abzugeben, bezeuge dies durch Erheben von den Sitzen.

«Antrag einstimmig angenommen»

Einer nach dem andern erhob sich. Schliesslich standen alle. Wer wollte schon eingestehen, geschummelt zu haben. «Antrag einstimmig angenommen», konstatierte Hodler nüchtern und in seinem gewohnt sonoren Tonfall, als ob gerade der Reglementspassus über die Torabstände im Riesenslalom abgeändert worden wäre.
Als erster WM-Veranstalter wurde darauf beim Kongress in Prag St. Moritz (für 2003) vom 17 Personen umfassenden FIS-Vorstand gewählt. Auch wenn dem Juristen Hodler nur allzu bewusst war, dass der Christchurcher Beschluss nie rechtsgültig gewesen wäre, da der Antrag auf keiner Traktandenliste stand. Trotzdem hat er bis heute Bestand und sich bewährt. Es ist einfacher, 16 oder 17 überschaubare Vorstandsmitglieder halbwegs unter Kontrolle zu halten als 200 Delegierte aus aller Herren Ländern. Dass die Fifa, mit Unterstützung von Antikorruptionsexperten, genau den umgekehrten Weg einschlug und das noch als grossen Befreiungsschlag verkaufte, ist schwer nachzuvollziehen.

Die FIS ist nicht eins zu eins vergleichbar mit dem Milliarden-Unternehmen Fifa, aber immerhin an Olympia für rund die Hälfte aller Wintersportarten zuständig. Um die Korruption einzudämmen, hat sie noch andere Pufferzonen eingebaut. So werden die Vorstands- oder Council-Mitglieder vom Kongress gewählt und nicht von Kontinentalverbänden abgestellt. Und grosse Nationen wie Österreich und die Schweiz haben drei Stimmen, kleine nur eine. Und WM-Anwärter müssen sechsstellige Kandidatur-Gebühren bezahlen, mit denen kleine Verbände unterstützt werden. Dafür dürfen diese nicht mehr «beschenkt» werden.
Eine Anti-Korruptions-Garantie besitzt auch die FIS nicht. Aber die langjährigen FIS-Präsidenten kannten und kennen ihre Pappenheimer. Marc Hodler war 47 Jahre (!) im Amt, Gian-Franco Kasper ist auch schon 17 Jahre Präsident. Amtszeitbeschränkungen, wie sie die Fifa einführen will, haben nicht nur Vorteile. Kompetenz und Kontinuität können darunter auch leiden.