Fussball

«Auch der Kampf um die Ränge 2 bis 18 ist nicht ohne»

Torschütze vom Dienst: Ulf Kirsten (r.), wie man ihn in seiner Aktivzeit kannte.

Torschütze vom Dienst: Ulf Kirsten (r.), wie man ihn in seiner Aktivzeit kannte.

Der 100-fache deutsche Fussball-Nationalspieler Ulf Kirsten blickt auf den Start der Bundesliga-Rückrunde, zur Stärke von Bayern München, und er eklärt,
was für ihn Freundschaft bedeutet.

Ulf Kirsten, mit dem Spitzenkampf zwischen Wolfsburg und Bayern München startet am Freitag die Bundesliga zur Rückrunde. 
Ulf Kirsten: Ganz Deutschland freut sich wie ich, dass der Ball wieder rollt. Ich werde mir am Samstag Leverkusen gegen Dortmund anschauen. 

Das Abrutschen von Borussia Dortmund ans Tabellenende war die Sensation im Herbst. Damit hat niemand gerechnet.
Dass der BVB so weit unten steht, damit hat wirklich niemand gerechnet – auch ich nicht. Genauso überraschend ist für mich, dass sich Paderborn im Mittelfeld installiert hat. Davon spricht wegen Dortmund kaum jemand, obwohl das genauso eine Sensation ist.

Was machte Paderborn besser als die grossen Klubs Dortmund, Stuttgart, Hamburg und Bremen?
Es hat mit Freude Fussball gespielt. Die Paderborner machten das in der Hinrunde richtig gut. Das Management ist zudem bodenständig. Es ist das Paket aus Kader und Vorstand, das funktioniert. Für Paderborn ist jede Partie ein Höhepunkt. Das haben sie realisiert und sich darauf gut eingestellt.

Was ist mit Ihrem Klub? Bayer Leverkusen hat nach einem starken Beginn am Ende geschwächelt.
So schlecht steht Leverkusen gar nicht da. Man ist auf Kurs. Für mich gibt es aber zwei Vereine: Leverkusen und Dresden. Mit beiden fiebere ich mit. Da hängt mein Herz dran.

Dynamo Dresden war in der ehemaligen DDR ein Vorzeigeklub. Heute fehlen Dresden und die anderen Klubs aus den neuen Bundesländern in der Bundesliga.
Die Finanzen sind der Hauptgrund dafür, nicht aber der einzige. Fakt ist halt, dass fast alle Klubs in der ehemaligen DDR mit wirtschaftlichen Problemen kämpfen. Es gibt keine grossen Firmen und Gönner, die diese Vereine unterstützen. In Dresden und Rostock gibt es keinen Klaus-Michael Kühne, der beim Hamburger SV in den letzten vier, fünf Jahren 43 Millionen Euro eingeschossen hat. Trotzdem spielt der HSV am Tabellenende. Das zeigt, dass es nicht einfach ist, in die Bundesliga hineinzukommen. Speziell, was Dresden betrifft, tut das natürlich weh.

Die Bundesliga vermisst Dresden nicht. Der Klub schrieb in den letzten Jahren primär wegen Ausschreitungen seiner Fans Schlagzeilen.
Was da immer wieder passiert ist, dafür gibt es keine Entschuldigung. Die zunehmende Gewaltbereitschaft ist allerdings nicht nur in Dresden ein Problem. Die gibt es überall. 

In Dresden scheint sie aber besonders gross.
Die Krawallmacher sind eine Minderheit. Dynamo ist ein Verein mit einem unglaublichen Fanpotenzial. Die Umgebung lebt mit dem Verein, auch wenn er in den letzten Jahren nur zweite und dritte Liga war.

Mit RB Leipzig macht sich ein Klub aus den neuen Bundesländern auf, bald in die Bundesliga einzuziehen.
Dank den Millionen von Red Bull wird Leipzig der Klub sein, der im Frühling den Aufstieg schaffen wird.

Verrückt: Der ehemalige SSV Markranstädt stösst in den neuen Bundesländern auf wenig Gegenliebe.
Der Verein wird in Leipzig und auch der ehemaligen DDR über kurz oder lang angenommen werden. Die Leute lechzen danach, Bundesliga zu sehen. 

Sprechen wir über Bayer Leverkusen. Nach dem VfL Wolfsburg ist es der erste Verfolger der souveränen  Bayern. Was liegt in der Rückrunde noch drin?
Die Meisterschaft ist gelaufen. Die Bayern sind nicht erreichbar. Sie sind unantastbar. Ich würde keinen Cent darauf wetten, dass die Münchner nicht Meister werden. Ausser sie melden ihre erste Mannschaft kurzfristig ab und bestreiten die Rückrunde mit dem Regionalligateam.

Droht der Bundesliga nicht die grosse Langeweile?
Natürlich wäre es spannender, wenn die Bayern nicht derart überlegen wären. Dem Zuspruch der Fans tut das insgesamt aber keinen Abbruch. Auch der Kampf um die Ränge 2 bis 18 ist nicht ohne.

In den letzten Jahren war es Dortmund, das Bayern München bedrängte und zwischenzeitlich sogar überholen konnte. Nun steht das Team von Jürgen Klopp plötzlich auf einem Abstiegsplatz.
Dortmund wird sich fangen. Es wird in den nächsten Jahren wieder oben dabei und der einzige ernsthafte Konkurrent der Bayern sein. Dazu können Wolfsburg, Leverkusen, Schalke und Mönchengladbach die Münchner zwischendurch sticheln, mehr nicht. 

Die Bundesliga befindet sich trotz der fehlenden Spannung im Höhenflug. Ist sie für Sie die beste Liga der Welt?
Ich denke, sie ist mit Sicherheit die attraktivste Liga. Ob sie die beste ist, das kann man nicht sagen. In Spanien und England wird auch guter Fussball gespielt. Das Niveau ist dort mit dem der Bundesliga vergleichbar.

Als Produkt ist die Bundesliga unangefochtene Nummer 1.
Das nimmt man in Deutschland und der Schweiz so wahr. Was die Vermarktung betrifft, liegt uns die Premier League aber weit voraus. Der englische Fussball ist insbesondere im riesigen asiatischen Markt führend. Mittlerweile versuchen die ersten Bundesligisten, in Asien ebenfalls Fuss zu fassen – bislang mit bescheidenem Erfolg. 

Der WM-Titel in Brasilien hat Deutschland euphorisiert. Profitiert nun die Bundesliga davon?
Der WM-Titel hat die Liga aus meiner Sicht nicht gross verändert. Sie war zuvor schon attraktiv. Die Stadien sind zu mehr als 80 Prozent ausverkauft. 

Bedauert man es als ehemaliger Spieler, gestern und nicht heute in der Bundesliga gespielt zu haben?
Profi ist der geilste Job. Das war er auch schon zu meiner Zeit. Heute ist alles noch grösser, gigantischer, und die Spieler verdienen viel mehr Geld. Alles andere ist dasselbe (überlegt). Man kann halt nicht ewig 20 Jahre sein.

Sie gehörten dafür zu einer Generation, die auch neben dem Platz Spass haben durfte.
Haben das die Spieler heute nicht?

Durch das Medieninteresse und die grössere Wahrnehmung können sie sich kaum noch etwas erlauben.
Die Profis haben genauso Spass an ihrem Job wie wir früher. Ohne Freude ist man nicht lange Bundesligaprofi.

Viele Ihrer Weggefährten sind in der Bundesliga engagiert. Sie haben sich zurückgezogen. Warum?
Weil ich es so wollte. Ich habe nach meinem Rücktritt sieben Jahre die zweite Bayer-Mannschaft trainiert. Ich war nie erpicht, Cheftrainer einer Profimannschaft zu werden. Seit mittlerweile elf Jahren habe ich in Leverkusen eine eigene Agentur. Ich berate Spieler und organisiere Events. Das macht Spass. Ich bin zufrieden.

Eine Rückkehr auf die Trainerbank schliessen Sie aus?
Ausschliessen kann man das nie. Ich bin aber 50 Jahre alt. In diesem Alter ist es unwahrscheinlich, dass mich ein ambitionierter Verein engagieren möchte (schmunzelt). 

Sie haben 100 Länderspiele bestritten. An welches erinnern Sie sich besonders gern?
Das kann ich nicht sagen. Jedes Spiel war ein spezielles. Länderspiele sind für jeden Fussballer ein Highlight.

Stolz auf das Erreichte sind Sie bestimmt auch, oder?
Ich habe jedes Spiel genossen, mich auf jedes gefreut. Das tue ich auch heute noch. Mit den Fussballlegenden bestreite ich jedes Jahr mehrere Spiele, unter anderem in Arosa die Schneefussball-Weltmeisterschaft. Lothar Matthäus ist der Präsident unseres Vereins, ich der Vizepräsident. In diesem Jahr treten wir noch gegen Spanien, Tschechien und England an. Das macht auch darum Spass, weil die Spiele bei den Leuten ankommen. Meist kommen 30 000 bis 40 000 Zuschauer in die Stadien. Man trifft zudem immer auch wieder Freunde.

Gibt es im Business Fussball Freundschaften, die über das Karriereende hinaus halten?
Freunde gibt es, klar. Mit den einen hat man mehr Kontakt, mit anderen weniger. Meine richtigen Freunde habe ich alle behalten. Entscheidend ist nicht, wie oft man sich sieht und hört. Wichtig ist nur, dass man füreinander da ist, wenn man sich braucht. Das ist für mich Freundschaft.

Einer Ihrer Freunde ist der ehemalige Schweizer Nationalgoalie Pascal Zuberbühler, mit dem Sie in Leverkusen zusammengespielt haben.
Mit «Zubi» hat es von der ersten Sekunde an gepasst. Wir telefonieren noch regelmässig miteinander. Er ist jetzt ja Vater geworden. Stillen kann «Zubi» nicht, den Rest, so habe ich gehört, soll er sehr gut machen (lacht).

Stichwort Schweiz. Beobachten Sie als Berater die Super League regelmässig?
Das gehört zu meiner Arbeit. Die Schweizer Liga macht das gut. Es hat mehrere Vereine, die ausgezeichnete Arbeit leisten. Sie treiben den Jugendfussball an. Jedes Jahr bringen sie neue Talente hervor. Es ist kein Zufall, dass immer mehr Schweizer in der Bundesliga engagiert sind. Das ist das Produkt harter Nachwuchsarbeit.

Nicht alle Schweizer Spieler sind in der Bundesliga aber glücklich. Josip Drmic sitzt zum Beispiel bei Bayer Leverkusen meist nur auf der Bank und wäre auf die Rückrunde gerne zum Hamburger SV weitergezogen.
Er hat ja erst im letzten Sommer zu Bayer gewechselt. Da muss er sich jetzt durchbeissen. Ich traue ihm zu, ein absoluter Top-Spieler in Leverkusen zu werden. Drmic hat die Klasse, sich mittelfristig bei diesem Klub durchzusetzen. Im Moment gibt es für ihn an Stefan Kiessling kein Vorbeikommen. Der ist aber auch 30 Jahre alt. Bei den vielen Spielen mit Bundesliga und Champions League wird Drmic seine Einsätze bekommen. Nun liegt es an ihm, sich mit guten Leistungen aufzudrängen. Davonlaufen wäre für den Stürmer bestimmt der falsche Weg gewesen.

Xherdan Shaqiri, Admir Mehmedi, Granit Xhaka oder Diego Benaglio – welchen Spieler aus der Schweiz würden Sie mit Ihrer Agentur gerne vertreten?
Eine gute Frage. Ich möchte sie aber nicht verraten.

Verraten Sie mir dafür, welchem Spieler aus der Super League Sie den Durchbruch zutrauen.
Da gibt es einige. An Talenten fehlt es nicht. Man braucht dafür immer auch ein wenig Glück. Dejan Janjatovic vom FC St. Gallen ist sicherlich einer, der es schaffen kann. Er ist im Moment halt ein schlampiges Genie. Wenn Janjatovic das in den Griff bekommt, dann kann er ein ganz Grosser werden.

Darf ich raten? Janjatovic steht bei Ihrer Agentur unter Vertrag.
(lacht) Ja, das ist so.

Sie vertreten also schlampige Genies. Waren Sie selbst auch einmal ein solches?
Nein, bestimmt nicht. Ich war auch kein Genie. Talent hatte ich ein wenig.  Alles andere musste ich mir erarbeiten. Ich habe für alles kämpfen müssen. Gelernt habe ich das an der Sportschule in Dresden, in die ich mit zwölf Jahren kam. Dort wurde einem nichts geschenkt. Man musste sich durchbeissen und behaupten, sonst hätte man schnell wieder gehen müssen.

Meistgesehen

Artboard 1