Es war Mitte Februar. Als der Telefonanruf von meinem Trainer und Manager Angelo Gallina kam, war ich gerade in der letzten Phase des Aufbaus meines eigenen Gyms «Arnold Box-Fit». Angelo sagte mir, dass David Haye sich gemeldet habe und gegen mich boxen wolle.

Er fragte mich, ob ich das überhaupt wolle. Ich bekam Gänsehaut und dachte nur «Wow»! Er ist einer meiner Lieblingsboxer. Nach kurzem Nachdenken war für mich klar: Ja, diesen Kampf will ich. Wie die Rahmenbedingungen aussehen und die finanziellen Abmachungen war mir dabei egal.

In der Vorbereitung dachte ich jeden Morgen nach dem Erwachen als Erstes an diesen Kampf. In jedem einzelnen Training ging mir David Haye durch den Kopf. Je näher der Kampf kam, desto intensiver wurden diese Gedanken. Während des Trainings war die Situation ab und zu sehr emotional.

Ich hätte in meiner 17-jährigen Boxkarriere bis vor kurzem nie, wirklich nie im Leben daran gedacht, einmal gegen einen David Haye boxen zu können. Und viele Leute meinten, ich würde als Boxprofi nie etwas erreichen. All das löste in mir ab und zu tiefe Emotionen aus. Aber ich fühlte mich in der Vorbereitung mental stark und war mir sicher, dass ich gewinnen kann. Auch Angelo spürte eine grosse Überzeugung bei mir.

Ich flog eine Woche vor dem Kampf nach London. Ich bin nicht der Typ, der gerne den Ort wechselt. Ich bin am liebsten in meiner gewohnten Umgebung. Mein Körper braucht Zeit, um sich auf eine neue Situation einzustellen. Obwohl ich meine Leute um mich herum hatte, war es in London doch eine ganz andere Atmosphäre. Ich selber war sehr fokussiert auf den Kampf.

Ab und zu fühlte ich mich alleine, obwohl ich das effektiv nie war. Mein Mentor fragte mich, was mit mir los sei. Ich müsse offener und lockerer sein. Ich dachte mir: «Mach du doch das, einen Kampf gegen David Haye vor 16 000 Zuschauern!» Diese Gedanken kommen automatisch. Du fragst dich, ob du dieser Situation gewachsen bist. Denn die Fans erwarten einen Kampf, bei dem ich als Sieger aus dem Ring steige.

Arnold Gjergjaj trifft David Haye beim Wiegen

Arnold Gjergjaj trifft David Haye beim Wiegen

107,5 Kilogramm brachte Arnold "The Cobra" Gjergjaj einen Tag vor dem Kampf auf die Waage, 101,6 Kilogramm sein berühmter Gegner David Haye. Impressionen einer Zeremonie, die zum Boxen gehört wie der K.-o.-Schlag. 

Ich dachte mir: «Scheisse, ich muss heute boxen!»

In der letzten Nacht vor dem Kampf schlief ich erstaunlich gut. Am Morgen bin ich erwacht: Boom! Ich dachte mir: «Scheisse, ich muss heute boxen!» Beim Morgenessen lachten wir viel. Ich konnte den Kampf für einige Momente vergessen. Doch dann wieder Boom! Wie ein rechter Haken kehrten all die Gedanken zurück.

Im Verlauf des Morgens kam meine Frau nach London. Ich ging mit ihr eineinhalb Stunden spazieren. Obwohl wir viel miteinander redeten, sagte sie mir, dass sie mich nicht erkennen würde. Ich sei ein ganz anderer Mensch, wäre in Gedanken an einem ganz anderen Ort.

Zum Mittagessen gingen wir in ein italienisches Restaurant. Fremde Leute kamen an unseren Tisch und wünschten mir für den Abend alles Gute. Am Nachmittag begann das übliche kleine Zittern wie vor jedem Kampf. Ich machte noch einen kurzen Mittagsschlaf und packte dann meine Sachen. Vor der Abfahrt betete ich.

Die Fahrt zur O2-Arena erlebte ich sehr intensiv. Ich werde sie nie vergessen. Ich erinnere mich an jede Hausecke, dachte bei jeder Kreuzung daran, wie es dann am Abend sein würde. Ob ich hier wieder als Sieger oder als Verlierer vorbeifahren würde. Ganz viele Gedanken. In der Arena hatten wir nur eine ziemlich kleine Garderobe. Wir waren sechs Leute sowie ein Beobachter vom Haye-Team.

Die Klimaanlage lief voll, es war ziemlich kalt. Wir klebten die Öffnung des Ventilators mit Tape ab, aber da blies es einfach von einem anderen Ort her. Es war ziemlich hektisch, es kamen immer wieder Leute in die Garderobe. Plötzlich hiess es, ich dürfe nicht die gleichen Handschuhe tragen wie er. Es gab grosse Diskussionen rund um mich herum, bis es mir zu viel wurde und ich sagte: «Fertig diskutiert, ich will boxen!»

Arnold Gjergjajs Interview nach dem Haye-Kampf

Arnold Gjergjajs Interview nach dem Haye-Kampf

Mit leisen Worten und riesiger Enttäuschung stellte sich Arnold "The Cobra" Gjergjaj nach der klaren K.o.-Niederlage gegen David Haye in Runde 2 den Medien. Den Tränen nahe versuchte er zu erklären, was ihm zuvor im Ring geschehen war. Und er entschuldigte sich bei allen, "die ich heute enttäuscht habe".

Beim Bandagieren kontrollierte uns ein Mann von Haye. Wir wollten dies bei ihm auch tun, aber man liess uns nicht in seine Garderobe. Beim Aufwärmen fühlte ich mich top. Ich spürte Schnelligkeit und Härte. Alles stimmte. Dann machte ich mich auf, aber es dauerte mehr als eine halbe Stunde, bis es im Ring dann begann.

Man liess mich zuerst eine gute Viertelstunde im Gang warten. Ich hörte die Stimmen der Zuschauer. Ich hörte Buh-Rufe, als sie mich sahen. Ich versuchte, alles auszublenden. Dann hörte ich den Speaker rufen: Arnold «The Cobra»!

Konzentrieren, kontrollieren, keine Fehler machen

Auch im Ring musste ich noch einmal ziemlich lange warten. Dann kam David Haye. Das Gefühl in der letzten Minute vor dem Kampf kann man nicht beschreiben. Ich wiederholte immer wieder meine Taktik: Konzentrieren, kontrollieren, keine Fehler machen. Alles im Wissen, dass Hayes Fäuste unglaublich schnell sind. Dann begann der Kampf.

Ich hatte die Fäuste oben. Und dann nach 20 Sekunden kam sein erster Schlag. Und das war für mich bereits das Ende. Er erwischte mich voll am Kinn. Sein Handschuh fühlte sich verdammt hart an, als hätte mich ein Stein getroffen. Am liebsten wäre ich nach dem ersten Schlag nicht mehr aufgestanden. Doch ich kämpfte weiter, war aber als Folge dieses Treffers nie in der Lage, auf seine Schläge irgendwie zu reagieren.

Die ersten Stunden nach der Niederlage waren extrem schlimm. Alles, was du siehst, hat auf einmal keinen Wert mehr. Ich ging mit gesenktem Kopf zurück in die Garderobe und hätte den Blick in diesem Moment am liebsten nie mehr nach oben gerichtet.

Auch nach der Rückkehr in die Schweiz hätte ich am liebsten die Augen geschlossen gehalten. Ich wollte einfach nichts mehr von der Welt wissen. Bereits am Montag gab ich wieder Mittagstraining im Gym. Ich redete kaum und auch die anderen hatten nicht den Mut, mich auf den Kampf anzusprechen. Alle waren deprimiert.

Gjergjajs Gegner muss in der 5. Runde verletzungsbedingt aufgeben.

Der erste Kampf nach der Haye-Niederlage: Gjergjajs Gegner muss in der 5. Runde verletzungsbedingt aufgeben.

Je weiter der Kampf entfernt war, desto besser ging es. Die Arbeit im Gym half mir dabei, obwohl ich mit meinen Box-Schülern nie gross über den Kampf sprach. Sie haben nicht danach gefragt und ich nicht davon erzählt. Ganz am Anfang dachte ich an den Rücktritt. So macht es keinen Sinn.

Doch dann realisierst du, dass dieser Gedanke egoistisch wäre. Es geht nicht nur um mich. Es haben sich so viele Leute für mich eingesetzt. Zuerst die Familie, dann aber auch Angelo Gallina, der seit neun Jahren einen riesigen Einsatz bringt. Heute bin ich froh, habe ich mich anders entschieden. Obwohl es für einen Sportler nicht einfach ist, nach all den vielen negativen und hämischen Kommentaren im Anschluss an den Haye-Kampf.

Ich kann nicht mehr, als erneut mein Bestes zu geben. Aber man denkt sich schon: Was passiert, wenn erneut eine solche Niederlage kommen sollte? Dann gibt es wieder all diese Kommentare, die dich fertigmachen. Mein grösster Wunsch wäre, dass es nicht mehr so weit kommt.»