Doping

ARD-Enthüllungsfilm: Klagt die Schweizer Justiz jetzt ein Ehrenmitglied des IOC an?

Vor der Situation im Gewichtheben haben in der Vergangenheit offensichtlich zu viele Leute die Augen verschlossen.

Vor der Situation im Gewichtheben haben in der Vergangenheit offensichtlich zu viele Leute die Augen verschlossen.

Enthüllungsjournalist Hajo Seppelt erhebt in seinem neusten Film, der am Sonntagabend um 18.45 Uhr in der ARD ausgestrahlt wird, schwere Vorwürfe gegen Tamas Ajan, den Präsidenten des Gewichtheber-Weltverbandes mit Sitz in Lausanne. Der bekannte Schweizer Antikorruptions-Experte Mark Pieth fordert die Staatsanwaltschaft zum Handeln auf.

Der Schweizer Antikorruptionsexperte Mark Pieth staunt. Was er im Auftrag des deutschen Journalisten Hajo Seppelt für dessen neusten Enthüllungsbeitrag „Geheimsachsache Doping: Der Herr der Heber. Wie ein Olympischer Sport zerstört wird“ in einer juristischen Expertise geprüft hat, ist offensichtlich hochgradig kriminell. Der Professor für Strafrecht an der Uni Basel sagt: „Das ist dreister, als was ich bei der Fifa gesehen habe“.

Pieth machte sich einen Namen als Chef der Reformkommission beim Fussball-Weltverband nach dem Skandal von 2015. Diesen Job schmiss er später hin, weil die neue Fifa-Führung unter Gianni Infantino nicht gewillt war, die Reformen nach seinen Vorschlägen umzusetzen.

Für den Film von Seppelt, der am Sonntagabend in der ARD ausgestrahlt wurde, hat Mark Pieth Unterlagen über zwei Schweizer Bankkonten analysiert. Darauf werden Beiträge des Internationalen Olympischen Verbandes aus den Vermarktungserlösen von Olympischen Spielen überwiesen. Sie tauchen aber in der offiziellen Buchhaltung des Gewichtherber-Weltverbandes (IWF) nicht auf. Verbandspräsident Tamas Ajan aus Ungarn, der offensichtlich als Einziger Zugang zu den Konten hat, nennt sie eine eiserne Reserve für den Verband.

Von den überwiesenen Geldern bis 2009 ist der Verbleib von 5,5 Millionen Dollar nicht erklärbar. Pieth spricht von möglicher Urkundenfälschung, Veruntreuung und ungetreuer Geschäftsbesorgung. Er sagt: „Ich gehe aufgrund der Dokumente davon aus, dass gegen Tamas Ajan ein sogenannter Anfangsverdacht besteht. Und da es sich um Offizialdelikte handelt, müssten die Schweizer Behörden jetzt tätig werden.“ Der IWF hat seinen Sitz wie viele andere Sportverbände in der Schweiz.

Verdacht auf korrupte Dopingkontrolleure aus Ungarn

Der Film zeichnet das Bild einer Kultur der Korruption im Weltverband. Im Mittelpunkt der 80-jährige Ajan, seit mehr als vier Jahrzehnten in führender Position, zwischen 1976 und 2000 Generalsekretär und seit 2000 Präsident. Im Jahr 2010 ernannte ihn das IOC zum Ehrenmitglied. Seinen Verband führt er mit weitreichenden Kompetenzen.

Unregelmässigkeiten soll es gemäss Dokumenten der ARD auch im Bereich des Dopings geben. Der traditionelle Olympische Sport ist prädestiniert für Anabolika-Missbrauch und in vielen Dopingstatistiken führend. In keinem anderen Sport gibt es mehr Betrüger in den Medaillenrängen als im Gewichtheben. In der jüngsten Jahresstatistik der Welt-Antidoping-Agentur für das Jahr 2017 tauchen 123 Dopingfälle im Gewichtheben auf. Bei den kürzlich erfolgten Nachtests zu den Olympischen Spielen von 2008 in Peking und 2012 in London wurden 57 Doper dieser Disziplin nachträglich überführt. Und auch bei den ersten 43 ermittelten Fällen der berüchtigten LIMS-Datenbank aus dem Moskauer Antidoping-Labor waren fünf russische Gewichtheber betroffen.

In Ägypten, wo Gewichtheben der mit Abstand erfolgreichste olympische Sport ist, läuft derzeit der Prozess gegen zwei Chefs der Nationalmannschaft wegen Dopings an Minderjährigen. Ägypten ist ebenso wie Thailand wegen zu vielen positiven Dopingproben vom Weltverband für zwei Jahre ausgeschlossen. Auch in Thailand gab es Doping an Minderjährigen. Bei den letztjährigen Olympischen Jugendspielen in Buenos Aires wurde ein 17-jähriges Mädchen aus Thailand positiv auf Anabolika getestet.

Hajo Seppelt deckt in seinem Film auf, dass der Umgang mit Doping beim Weltverband nicht nur Chefsache war, sondern auch höchst fragwürdig bis illegal ablief. Fast bei der Hälfte aller WM-Medaillengewinner aus ausgewählten Ländern gab es im Vorfeld keine Trainingskontrollen. Und der Teamarzt aus Moldawien sagte einem Undercover-Journalisten, man habe Kontolleuren aus Ungarn Geld bezahlt, dass sie bei Tests Fremdurin akzeptierten. Das renommierte Kölner Antidoping-Labor bestätigte solche Fälle von Manipulation. Auf Anweisung von Tamas Ajan wurden im Gewichtheben bisher 77 Prozent aller Test von der ungarischen Antidoping-Agentur durchgeführt.

IOC droht mit Ausschluss und erzwingt Reformen

Nachdem das IOC noch im Jahr 2011 einen Antrag aus westeuropäischen Verbandskreisen zur Überprüfung der Geldflüsse an den Weltverband mit der Begründung fehlender Zuständigkeit ablehnte, wurden die Negativschlagzeilen um das Gewichtheben dem IOC jüngst doch zu viel. 2017 setzte das Exekutivkomitee die Sportart im Olympischen Programm auf Bewährung.

Unter maximalem Druck bewegte sich der Weltverband unter seiner Langzeitführung endlich. 17 Nationen mit mehr als zehn positiven Dopingfällen in der Vergangenheit – darunter Russland, Weissrussland, Kasachstan und Armenien - verlieren einen Grossteil ihrer Quotenplätze für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Die komplette Dopingbekämpfung ist seit Mitte 2019 an die neu gegründete Internationale Testing Agency (ITA) in Lausanne ausgelagert, die rechtliche Verfolgung der Fälle liegt nun bei der ebenfalls erst im vergangenen Jahr eingerichteten Antidoping-Abteilung des Internationalen Sportgerichtshofs. Diese Unabhängigkeit belohne das IOC mit der Beendigung des „vorläufigen Status“. Gewichtheben wird auch 2024 in Paris Teil des Olympischen Programms bleiben.

Doch genauso wird auch der 80-jährige Tamas Ajan weiterhin die Geschicke des Weltverbandes leiten. Ausser die Schweizer Justiz zieht ihn aus dem Verkehr. Und auch die neuen Strukturen im Kampf gegen Doping müssen sich erst noch bewähren. An den Weltmeisterschaften im September in Thailand war die ITA erstmals für die Dopingtest verantwortlich. Sie griff für die Kontrollen auf das Personal der Ungarischen Antidoping-Agentur zurück.

Meistgesehen

Artboard 1