50 Prozent des Qualifikationspensums hat der letztjährige WM-Achtelfinalist bewältigt. Die Korrektur des missratenen Auftakts hält an. Hinter dem topklassierten und nach wie vor verlustpunktlosen England kämpfen die Schweizer nach dem dritten positiven Resultat in Serie auf Augenhöhe mit den Slowenen um das Ticket für die Endrunde 2016 in Frankreich.

Als Granit Xhaka mit einem ansatzlosen und präzisen Schuss das 2:0 (27.) markierte, schwenkten die Gastgeber vor 14'500 Zuschauern bereits vorzeitig auf den von Petkovic verordneten Kurs ein. Der Trainer hatte schon am ersten Camp-Tag in der Feusisberger Trainingsbasis unmissverständlich deklariert, "dass der Ausgang der Partie nur von uns abhängig sein sollte".

Das Team setzte die Vorgabe des Chefs um, ohne sich dabei auch nur ansatzweise einer heiklen Situation auszusetzen. Einen Schönheits-Award war gegen robusten und ansprechend organisierten Kontrahenten zwar nicht zu gewinnen, aber die Gewissheit, ausser England in dieser Gruppe jeden Kontrahenten dominieren und besiegen zu können - sogar ohne immer ans Limit zu gehen.

Die Schweizer liessen nie Zweifel aufkeimen, die im Oktober mit zwei 4:0-Siegen eingeleitete Trendwende nicht wunschgemäss fortsetzen zu können. Von der ersten Sekunde an umklammerten sie die chancenlose Nummer 87 der FIFA-Rangliste und überwanden die gegnerische Defensive, die zuvor in vier Spielen nur zwei Gegentreffer zugelassen hatte, bis zur 27. Minute zweimal.

Dem lange stilsicheren Auftritt hatten die Osteuropäer nichts ausser vergebliche Schwerarbeit in der eigenen Zone zu entgegnen. Der Widerstand zahlte sich nicht aus, weil für sie trotz der durchschnittlichen Erfahrung von 57 Länderspielen vor allem einer nie zu kontrollieren war: Xherdan Shaqiri, der neue Inter-Regisseur bereitete sämtliche erfolgreiche Aktionen vor.

Ihm hat die Luftveränderung auf Klubebene tatsächlich gutgetan, wie "Shaq" nach dem Transfer von Bayern in die Serie A selber bei jeder Gelegenheit betont hatte. Neben ihm verblassten die beiden Bundesliga-Partner Drmic und Seferovic. In der Reihe hinter dem Spielgestalter glänzte Xhaka mit der gleichen Form, die er bei der Borussia in Mönchengladbach sei Monaten auszuspielen pflegt - er war der Antreiber, Captain Inler und Behrami hielten dem 22-Jährigen den Rücken frei.

Schärs Quote

Für das erhoffte frühe Signal sorgte Fabian Schär. Der FCB-Verteidiger lenkte eine Flanke Shaqiris mit dem Kopf perfekt in die Torecke. Dass der forsche Abwehrchef die Richtung vorgab, war kein Zufall. Seine Qualität beschränkt sich nicht nur auf die Abschirmung des eigenen Keepers.

Schär ist im Klub und in der Nationalmannschaft gleichermassen immer wieder ein Faktor in der Vorwärtsbewegung. In der letzten WM-Kampagne avancierte der Kopfballspezialist zum Topskorer, im bisherigen Verlauf der EM-Ausscheidung trafen nur Shaqiri und Seferovic öfter. Seine Bilanz in der Landesauswahl ist ohnehin aussergewöhnlich gut: fünf Treffer in elf Einsätzen, im Prinzip die Quote eines Topstürmers.

Der Abend verlief aus der Optik des Favoriten generell in einem überaus angenehmen Rahmen. Das Publikum honorierte die weitgehend souveräne Performance mit einem warmen Applaus. Die Zuschauer schätzten den unaufgeregten und konzeptionell in der sechsten Partie unter der Leitung von Petkovic wohltuend ausgereiften Stil.

Kontrastprogramm zum orchestrierten Pessimismus

Mit der blossen Pflichterfüllung begnügten sich die Schweizer vor allem in den ersten 45 Minuten nicht. Sie hatten unterhaltende Elemente im Sinn und strahlten etwas Positives aus. Ihre Haltung auf dem Rasen war phasenweise das Kontrastprogramm zum orchestrierten Pessimismus einiger Schlagzeilen-Produzenten, die den Frust von zwei seit geraumer Zeit nicht mehr berücksichtigten Internationalen bewusst in den Vordergrund gerückt hatten und ein paar unbedarfte Äusserungen von Stephan Lichtsteiner zur ziemlich unfeinen Debatte über den seit Jahren bekannten Migrationshintergrund der SFV-Auswahl ausweiteten.

Die in einer prominenten Kommentarspalte geäusserten Zweifel an der Popularität der Schweizer Equipe in ihrer aktuellen Besetzung - rund die Hälfte der Spieler haben ausländische Wurzeln - liessen sich nicht nur mit den Efforts der jüngsten Vergangenheit entkräften. In Luzern trat das Nationalteam zum fünften ausverkauften Heimspiel in Serie an, 2014 erzielte es in den TV-Ratings regelmässige Höchstwerte - und im Sponsoring-Bereich sprechen die Beteiligten von den "bestdotierten Verträgen aller Zeiten". (si)

Telegramm
Schweiz - Estland 3:0 (2:0)

Swissporarena, Luzern. - 14'500 Zuschauer (ausverkauf). - SR Makkelie (Ho). - Tore: 17. Schär (Shaqiri) 1:0. 27. Xhaka (Shaqiri) 2:0. 80. Seferovic (Shaqiri) 3:0.
Schweiz: Sommer; Lichtsteiner (78. Widmer), Schär, Djourou, Rodriguez; Behrami, Inler, Xhaka (87. Frei); Shaqiri; Seferovic, Drmic (62. Stocker).
Estland: Pareiko; Teniste, Jääger, Klavan, Mets, Kallaste; Wassiljew, Dimitrijew (62. Kruglow), Antonow; Senjow (87. Alliku), Anier (56. Ojamaa).
Bemerkungen: Schweiz ohne Senderos (verletzt). Verwarnungen: 44. Senjow (Foul). 51. Dimitrijew (Unsportlichkeit). 56. Xhaka (Foul).

Resultate: England - Litauen 4:0 (2:0). Slowenien - San Marino 6:0 (1:0). Schweiz - Estland 3:0 (2:0).

Rangliste: 1. England 5/15 (15:1). 2. Slowenien 5/9 (10:4). 3. Schweiz 5/9 (11:3). 4. Litauen 5/6 (3:10). 5. Estland 5/4 (1:5). 6. San Marino 5/1 (0:17).

Matchtracker: EM-Qualifikation Schweiz - Estland, 27.3.2015

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