Doping

Antidoping Schweiz fordert den Ausschluss Russlands von Olympia

Matthias Kamber, Direktor von Antidoping Schweiz.

Matthias Kamber, Direktor von Antidoping Schweiz.

Antidoping-Direktor Matthias Kamber ist über das russisches Staatsdoping zutiefst geschockt und hofft auf einen Ausschluss von den olympischen Spielen in Rio.

Herr Kamber, sind Sie von den Erkenntnissen des McLaren-Reports zum staatlich gelenkten Doping in Russland überrascht?

Matthias Kamber: Ich habe es so befürchtet. Dass er jedoch die vier grundsätzlichen Verstösse sowie die kriminelle Energie dahinter derart klar aufzeigt, ist schockierend. So etwas hat man seit dem Staatsdoping der DDR nicht mehr erlebt.

Soll Russland nun komplett von den Olympischen Spielen in Rio ausgeschlossen werden?

Die Dimension des Reports zeigt deutlich, dass der Staat als solches die Vorgaben des Welt-Anti-Doping-Codes und den Kodex der Olympischen Spiele verletzt hat. Meiner Meinung nach sollte das russische olympische und paralympische Komitee von Rio ausgeschlossen werden.

Eine solche Entscheidung hat eine enorme politische Tragweite. Trauen Sie sie dem IOC zu?

Eine Gruppe von nationalen Antidopingagenturen – unter anderem die Schweiz – sowie bekannte Athletinnen und Athleten fordern dies vom IOC. Ein anderes Szenario könnte sein, dass sich Russland von sich aus zurückzieht, den Bericht als politische Machenschaft des Westens darstellt und so gegenüber der eigenen Bevölkerung gar nicht materiell auf die Vorwürfe eingehen muss. Dann müsste das IOC nicht entscheiden. Ich würde aber klar begrüssen, wenn das IOC einen Entscheid trifft.

Vermuten Sie noch in weiteren Ländern staatlich geleitete Dopingprogramme?

Das ist schwierig zu sagen. Ich habe nicht gedacht, dass Zustände wie in der DDR nochmals Realität werden könnten. In Staaten mit wenig Demokratie, hoher Korruption und einer Politisierung des Sports besteht eine Gefahr.

Obwohl in den letzten Jahren im Kampf gegen Doping viel passiert ist, scheint das Problem so gross wie noch nie. Wieso?

Ich würde nicht sagen, so gross wie noch nie. Die Idee der Russen war, nach den verunglückten Spielen von Vancouver 2010 mit diesem System sicherzustellen, dass man in Sotschi deutlich besser abschneidet. Dieses Vorgehen bleibt eine grosse Ausnahme. Ich bin nicht sicher, ob das Problem grösser geworden ist. Ich bin aber sicher, dass durch die heutigen Möglichkeiten – verschiedene Untersuchungskommissionen und Recherchen der Medien – viel ans Tageslicht gekommen ist, das früher unter den Tisch gewischt wurde. Das ist ein positiver Aspekt.

Gibt es einen Weg, so etwas wie offensichtlich in Russland passiert ist, künftig zu verhindern?

Die beste und dringendste Antwort ist, mit einem Ausschluss ein knallhartes Zeichen zu setzen. Grundsätzlich braucht es Strukturen mit vom Staat und den Sportverbänden unabhängigen Antidopingagenturen, die genügend Geld zur Verfügung haben, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Und sie müssen in einem internationalen Netzwerk eingebunden sein, dass sich gegenseitig überprüft. Doch der Wille vom Sport und vom Staat, Doping wirklich kompromisslos zu bekämpfen, ist noch immer zu wenig da. Nicht nur in Russland, auch in anderen Ländern.

Wo steht die Schweiz mit ihrem Antidoping-Programm?

Wir haben grundsätzlich ein gutes System. So etwas wie in Russland ist hier undenkbar. Aber auch Antidoping Schweiz ist noch immer zu wenig unabhängig und zu wenig stark. Wir haben zu wenig finanzielle Mittel. Unser Budget beträgt 4,7 Millionen pro Jahr. 6 Millionen wären nötig, um die heutigen Herausforderungen zu meistern und ein wirklich gutes, unabhängiges Antidoping-Programm durchzusetzen.

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