Olympia
Ankunft in Sotschi gleicht einer Landung auf einem anderen Planeten

Bereits nach einem ersten Augenschein in der Olympia-Stadt wird klar: Sotschi 2014 ist anders als die bisherigen Olympiaden. Erstmals wurden sämtliche Eissportanlagen plus Hotels und das olympische Dort in einer Anlage zusammengefasst.

Klaus Zaugg, Sotschi
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Ausgetragen werden die Disziplinen im Olmypiapark und in den Bergen Krasnaja Poljana. Dazwischen verkehrt ein Schnellzug.
11 Bilder
Und so ist der Olympia-Park aufgebaut.
Der Olympia-Park ist eine Mischung aus Las Vegas und Disneyland.
Olympia 2014 in Sotschi - die Anlagen
So siehts in der Adler Arena aus
Im Iceberg Skating Center sind die Eiskunstläufer zuhause...
... und im Shayba-Center die Eishockeyspieler
Das Sicherheitspersonal ist zahlreich, wirkt aber nicht bedrohlich.
Das Sanki Sliding Center in den Bergen Hier werden die Wettkämpfe im Bob, Skeleton und Rodeln durchgeführt.
RusSki Gorki Über dieses Rampe fliegen die Skispringer
Laura Center Hier finden die Wettkämpfe im Langlauf und Biathlon statt.

Ausgetragen werden die Disziplinen im Olmypiapark und in den Bergen Krasnaja Poljana. Dazwischen verkehrt ein Schnellzug.

AZ

Ein wenig Chaos und Baustellen-Charme. Eine Prise Las Vegas und Disneyland. Am Horizont wunderschöne Schneeberge in der Abendsonne. Viel Militär, aber weit und breit keine «Putin-Bluthunde»: Nach einem ersten Augenschein in der «Festung Sotschi» wird bald einmal klar: So schlimm wird es wohl nicht werden. Aber anders als die letzten Winterspiele.

Bereits beim Anflug ist der Olympia-Park zu erkennen. Sämtliche Eissportanlagen (Eishockey, Curling, Eisschnelllaufen) plus Hotels und das olympische Dorf sind hier zum ersten Mal in einer einzigen Anlage zusammengefasst worden. Alles ist untereinander zu Fuss erreichbar. So ist eine Mischung aus Las Vegas und einem Eis-Disneyland entstanden. In der Nacht sind die viele Gebäude bunt beleuchtet wie die Hotels in Las Vegas.

Zwischen den Hotelanlagen schrummen auf verschiedenen Bühnen jetzt schon die Bässe. Party Time. Aber noch ohne Party-Volk. Das wird wohl erst nach und nach eintreffen. Es ist jetzt sowieso zu kalt, um an der russischen Riviera am Abend schon draussen zu sitzen. Die Temperatur fällt noch unter den Gefrierpunkt. Aber es soll in den nächsten Tagen nach und nach wärmer werden. Der Wetterbericht ist famos.

Raumstation auf dem Mars

Bereits bei der Einreise nach Sotschi zeigt sich die Zweckmässigkeit dieser Konzeption. Die Ankunft in Sotschi bei einbrechender Dämmerung mahnt an eine Landung auf einem anderen Planeten. Tatsächlich wirkt der in dieses Land der Tscherkessen hineingepflanzte Olympia-Park von oben wie eine Raumstation auf dem Mars. Abgeschottet von der Umwelt. Was ja wohl auch im Interesse der Sicherheit ist.

Die Abfertigung auf dem nigelnagelneuen Flughafen Adler nur zwölf Kilometer vom Olympiapark entfernt ist ein bisschen chaotisch. Aber freundlich. Es braucht, wie alles in Russland, bloss ein wenig Geduld. Die Gastfreundschaft ist hier eben grösser als die Flexibilität.

Vom Flughafen aus laufen direkte Bahn- und Busverbindungen zu allen olympischen Stätten und zu den Hotels. Und, wie bei Olympischen Spielen üblich, gibt es keine Staus für die Gäste. Weil auf den wichtigen Strassen eine Spur ausschliesslich für olympisches Rollmaterial reserviert ist.

Einiges funktioniert noch nicht

Vom Flughafen direkt ins Hotel oder ins Medienzentrum oder in eine der Sportanlagen oder ins olympische Dorf: Wer will, kann hier drei Wochen verbringen, ohne je die «Raumstation Olympia» zu verlassen. Und wird nach seiner Heimkehr über das wahre Russland so viel zu erzählen haben wie ein Amerika-Tourist, der nur im Disneyland war.

Natürlich ist jetzt noch nicht alles fertig. Rund um die Hotels im Olympiapark riecht es nach frischem Beton. Handwerker laufen herum und immer noch funktioniert einiges nicht. Das Wasser in der Dusche erst lauwarm, der Bankomat noch nicht am Strom angeschlossen. Wer will, kann ein paar Storys darüber schreiben, was noch nicht parat ist und noch ein bisschen über Politik und die Kosten (50 Milliarden oder mehr?) polemisieren.

Solche Geschichten gehen sowieso vor allen Olympischen Spielen um die Welt. Sie gehören zu grossen Sportereignissen wie die Ouvertüre zur Oper. Die Chronistinnen und Chronisten sind schon da, aber die Vorschauen sind geschrieben.

Es gibt noch keine sportlichen Heldentaten und Dramen zu erzählen, doch es muss berichtet werden. Spätestens ab Samstag, wenn die Spiele eröffnet sind, werden die kleinen Mängel, die es eben gibt, wenn sozusagen auf freiem Feld eine ganze Wintersportstation aufgebaut wird, kein Thema mehr sein.

Aber was ist mit der Sicherheit? Nie mehr seit Salt Lake City 2002 – diese Spiele standen noch ganz im Schatten des September-Attentates von 2001 in New York – war die olympische Sicherheit ein so zentrales Thema. Der Chronist vermutet nach allem, was er aus den Medien erfahren hat, die bewaffneten Gotteskrieger an jeder Strassenecke oder doch wenigstens fast in Schussweite in den Bergen. Es heisst, Russlands Präsident Wladimir Putin habe seine Elitetruppen, seine «Bluthunde», mobilisiert um die Sicherheit zu gewährleisten.

Soldaten, wie in Kinofilmen

Tatsächlich ist die Präsenz des Militärs optisch grösser als bei allen Spielen der Neuzeit. Es sind etwas mürrisch dreinblickende Soldaten. So wie in Kinofilmen. Aber sie wirken freundlich, ein wenig gelangweilt und keineswegs bedrohlich. Keine «Bluthunde des Kremls». Die Sicherheitskontrollen entsprechen den heute üblichen Standards bei Grossanlässen und sind nicht so umständlich wie etwa 2002 in Salt Lake City.

Doch der Chronist spürt: Sotschi wird anders sein als alle bisherigen Winterspiele. Er würde sich nicht wundern, wenn die Gralshüter des Sportes bald einmal über den fehlenden «olympischen Geist» klagen.

Diese Spiele werden nicht von der Begeisterung eines ganzen sportverrückten Volkes getragen und es wird auch keine spontane Sportparty gefeiert, die eine ganze Stadt erfasst wie zuletzt 2010 im kanadischen Vancouver. Eher werden es russische Retortenspiele. Oder gar kalte, beinahe seelenlose, aber funktionelle Fernseh-Spiele.