Handball

Andy Schmid ist bei den Rhein-Neckar Löwen Chef und netter Typ zugleich

Der Schweizer Andy Schmid will mit den Rhein-Neckar Löwen endlich Deutscher Handball-Meister werden. In dieser Saison stehen die Chancen gut. Die «Nordwestschweiz» hat den Schweizer Handball-Star an seinem Arbeitsort besucht.

Noch sieben Sekunden bis zur Pause. Die Rhein-Neckar Löwen führen 16:9, erobern den Ball. «Her damit», fordert Andy Schmid unmissverständlich, der direkt von der Bank aufs Feld sprintet. Der Chef befiehlt, der Kollege gehorcht und Schmid knallt die Kugel aus 10 Metern ins Tor.

«Buzzer Beater» von Andy Schmid

«Buzzer Beater» von Andy Schmid

Beim 33:19-Sieg gegen den TBV Lemgo gelangen Andy Schmid 15 Treffer - unter anderem dieser Schlagwurf aus 10 Metern in letzter Sekunde vor der Halbzeit. 

Gut 45 Minuten später beendet der Schweizer genau gleich seine Show mit Tor Nummer 15 zum 33:19 über den TBV Lemgo. Mehr als 10 000 Fans in der Mannheimer SAP-Arena feiern ihren Star. Auf ihn setzten sie.

Er soll die Mannschaft endlich zum ersehnten Titel führen. Und Schmid ist wild entschlossen. Um zwei Tore verpassten die Löwen vor zwei Jahren nach 34 Bundesligaspielen die Meisterschaft gegen den THW Kiel. Das soll nicht nochmals passieren. Deshalb gibt Andy Schmid Vollgas – jeder Treffer zählt.

Rhein-Neckar Löwen-Fan spricht über Andy Schmid.

Rhein-Neckar Löwen-Fan spricht über Andy Schmid.

Ein Fan im Interview.

Längst hat sich der 32-Jährige in die Herzen der Fans gespielt. «Andy ist unser Zauberhändchen», schwärmt Ina. «Er ist viel Wert für die Löwen», sagt der 74-jährige Dauerkarteninhaber Jürgen.

Der Fan Wolfgang Meinhardt erklärt, wie wichtig Schmid für die Löwen ist.

Der Fan Wolfgang Meinhardt erklärt, wie wichtig Schmid für die Löwen ist.

Und sein Freund Wolfgang Meinhardt, seit zehn Jahren Mitglied des Fanklubs Baden Lions: «Er ist ein superstarker Spielmacher, ohne ihn würden wir um Platz fünf, sechs rumturnen. Er ist ein ganz feiner Typ. Er hat immer ein offenes Ohr, es ist immer lustig.»

Die Löwen-Anhängerin Ina schwärmt von Andy Schmid.

Die Löwen-Anhängerin Ina schwärmt von Andy Schmid.

Ein Fan im Interview.

Schon zweimal wählten die Trainer und Manager den Schweizer zum wertvollsten Spieler MVP der Liga. Und auch in diesem Jahr hat Schmid beste Chancen auf die Auszeichnung, der dritten in Folge. Führt er seine Löwen zur ersten Meisterschaft, dann steht dem gar nichts im Weg. Noch kein Spieler hat das bisher geschafft. Und das in der stärksten Liga der Welt.

Talent und ein unbändiger Wille haben es möglich gemacht. Zwölf Jahre ist es her, da wechselte ein gewisser Daniel Fellmann von der SG Stans/Luzern zu den Zürcher Grasshoppers. Fellmann galt als eines der grössten Schweizer Talente. In seinem Schlepptau sein Kumpel Andy Schmid. Ein Spargeltarzan mit einem feinen Händchen, aber mehr auch nicht.

Fellmanns Anhängsel

«Sie mussten Fellmanns Anhängsel auch holen, sonst wäre der nicht gekommen», urteilte ein damals renommierter Handball-Journalist gnadenlos. Schmid kennt diese Aussage und lacht heute darüber. Fellmann spielt noch in der NLA bei Kriens-Luzern, verdient sein Geld aber längst als Lehrer.

Schmid dagegen erfüllt sich seinen Traum: Profi auf höchstem Niveau. Konsequent verfolgte er sein Ziel. Drei Jahre bei den Grasshoppers, dann zwei Jahre beim Stadtrivalen Amicitia. Dort legte er die Reifeprüfung in der Schweiz ab, zweimal führt er als Regisseur die Zürcher zum Titel. Die Zeit war reif fürs Ausland.

Schmid wählte den richtigen Weg. In die spielstarke, aber nicht so körperlich fordernde dänische Liga. Schon nach einer Saison verlässt er Bjerringbro-Silkeborg wieder, ausgezeichnet als bester Spieler der Liga. Barcelona lockt, eines der weltbesten Teams. Andy Schmid entscheidet sich aber für die Rhein-Neckar Löwen, für Deutschland.

«Die Liga ist viel stärker, ausgeglichener», sagt er. Doch er geht durch die Hölle. Er ist der kleine Schweizer, der isländische Trainer Gudmundur Gudmundsson, er kam erst kurz nach Saisonbeginn, lässt ihn links liegen. Schmid zweifelt, verzweifelt fast. Er gilt als Fehleinkauf. Fast gibt er auf. Die Löwen wollen ihn loswerden, er ist einem Wechsel nicht abgeneigt, den er aber als persönliche Niederlage angesehen hätte.

Doch er kriegt die Kurve. Und seither ist Schmid aus dem Löwen-Spiel nicht mehr wegzudenken. Mit jeder Saison wird er besser. Aus dem kleinen Schweizer ist der Kopf der Löwen geworden – der König der Löwen.

Riesige Wertschätzung

Vom Abschied ist längst keine Rede mehr, im Gegenteil. Die Wertschätzung ist riesig. Vor wenigen Tagen verlängerte der Klub den bis 2018 laufenden Vertrag vorzeitig bis 2020. «Er ist der Kopf der Mannschaft, wir wollten ihn unbedingt behalten», sagt Geschäftsführer Lars Lamadé. «Für mich stimmt das Gesamtpaket, der Verein, die Region, einfach alles», betont Schmid: «Es tönt fast schon kitschig, aber der Verein ist mir ans Herz gewachsen.»

Der Schweizer und die Menschen aus der Rhein-Neckar-Gegend, das passt. In Horgen geboren, bezeichnet sich Schmid als Luzerner, dort ist er aufgewachsen. Er geniesst das Leben, liebt die Fasnacht. Damit passt er perfekt zu den Badenern. Dieser Menschenschlag in Deutschland tickt ähnlich, ist dem Schweizer am nächsten. Nicht wie die polternden Bayern, die miesepetrigen, geizigen Schwaben, die grossmauligen Rheinländer und Berliner oder die «Schnellschwätzer» aus Norddeutschland.

Deshalb kommt Schmid auch bei den Fans an. «Ein ganz lieber Mensch, sehr sympathisch», schwärmt Annerose Müller, Wirtin des «Stern» in Walldorf, wo Schmid wohnt. Sie hat schon für einen Bekannten ein Autogramm geholt, als sie Schmid bei der Konkurrenz erblickte, beim Italiener im «Riviera», direkt neben dem «Stern». Da haben sie in Walldorf keine Berührungsängste.

Spielzug des Jahres: Andy Schmid auf Bjarte Myrhol

Spielzug des Jahres: Andy Schmid auf Bjarte Myrhol

Beim 37:27-Sieg der Rhein-Neckar Löwen bei der HSG Wetzlar waren einige spektakuläre Aktionen dabei, aber dieses Anspiel von Andy Schmid auf Bjarte Myrhol toppt dann doch alles. 

Alfred Müller setzt sich auch mal beim Nachbarn an den Tisch, wenn Schmid dort mit seinem dänischen Kollegen Mads Mensah Larsen isst. «Andy ist so ein netter Kerl», schwärmt Ex-Handballer Müller, der sich in der Szene auskennt. Er glaubt, dass Schmid gegen eine halbe Million kassiert. Löwen-Captain Uwe Gensheimer schätzt er auf rund 350 000 Euro.

Geschäftsführer Lars Lamadé erklärt: «Wir mussten schon was drauf legen, aber es ist kein Vergleich mit einem Fussballer, siebenstellig ist sein Jahresverdienst bei weitem nicht.»
Gensheimer und Patrick Groetzki, der beste Kumpel von Schmid im Team, sind Stammgäste im «Stern». Gensheimer lobt Schmid: «Korrekt, äusserst pünktlich und manchmal ein bisschen nervös», beschreibt er seinen Kollegen, mit dem ihm nicht nur der Handball verbindet. Gemeinsam mit dem Schweizer Nationalspieler Marko Vukelic gründeten sie die Firma «uandwoo» für Socken und Unterwäsche.

Bester Mittelmann der Welt

Gensheimers Charakterisierung des «besten Mittelmannes der Welt», trifft ins Schwarze. «Wir treffen uns um 9.45», schreibt Schmid. Um 9.38 steigt er aus dem Auto. Aufgestellt, aber ein wenig müde. «So gut habe ich nicht geschlafen», gibt er zu. Trotz seiner Gala. Grund ist Sohn Levi, vier Wochen alt. Er hält die Familie mit Mutter Therese, einer Norwegerin, und dem dreijährigen Bruder Lio auf Trab.

Seit einem Jahr wohnt Schmid in Walldorf, einem Städtchen mit 15 000 Einwohnern. «Ruhig ist es hier, tote Hose, darum sind wir hierhergezogen», sagt Schmid. Fünf Jahre lang wohnte er in Heidelberg, der lebenslustigen Studentenstadt. «Es sind nur zehn Minuten dorthin. Ich bin mit der Familie und Hund Kobe oft unterwegs», erzählt er.

Nervös blickt Schmid auf die Uhr. Er will ins Training. Am Samstag gehts im Cup-Halbfinal gegen Flensburg-Handewitt. Titel sollen endlich her, am liebsten beide, aber wichtiger ist die Meisterschaft. Die Löwen sind auf dem besten Weg. Fünf Spieltage vor Schluss liegen sie vier Punkte vor Kiel, das ein Spiel weniger bestritten hat. Sie haben es in der eigenen Hand.

Andy Schmid macht auch im Tor eine gute Figur

In Schmids Hand. «Andy kümmert sich um alles, auch seine Mitspieler», lobt Trainer Nicolaj Jacobsen. Doch sie zoffen sich schon mal, wenn sie im Spiel nicht gleicher Meinung sind. Auf dänisch. Weil Schmid nur Angriff spielt, haben sie Gelegenheit genug dazu. «Dass er noch zum Abwehrspieler wird, haben wir aufgegeben», sagt Oliver Roggisch lachend. Der Sportchef und Co-Trainer der Löwen teilt auswärts das Zimmer mit Schmid. Ausgerechnet der ehemalige Abwehrhaudegen Roggisch.

«Andy ist ein Riesenhandballer», sagt Roggisch. Einer der auch mal zum Torhüter wird und wie in Flensburg einen Gegenstoss hält, wenn er als sechster Feldspieler beim Unterzahlspiel ins Tor zurück sprintet.

Doch hauptsächlich ist Schmid für das Tore werfen verantwortlich. Entweder persönlich oder er bringt seine Mitspieler in Position. Alles läuft über Schmid. Da kennt er nichts, er fordert. Er ist der Chef.

Eine weitere sensationelle Parade von Schmid

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