Italien - Spanien
Andrés Iniesta als ewiger Anwärter auf den «Ballon d’Or»

Andrés Iniesta ist das Herzstück der «Roja». Trotz etlicher Weltklasse-Saisons wartet der Spanier noch immer auf die Ehrung zum wertvollsten Fussballer des Jahres. Vielleicht würde ihm die Ehre bei einem EM-Hattrick zuteil.

Yann Schlegel
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Andrés Iniesta kann es noch immer - holt er mit 32 Jahren den längst verdienten Ballon d'Or?

Andrés Iniesta kann es noch immer - holt er mit 32 Jahren den längst verdienten Ballon d'Or?

KEYSTONE/EPA/VASSIL DONEV

«In einem Ort von La Mancha, in Fuentealbilla und ja, ich erinnere mich an den Namen, traf Andrés Iniesta, von heller Hautfarbe, rotblauen Klubs und roten Herzens.» Mit der Abwandlung der eröffnenden Worte des Romans «Don Quijote» stellte ein ausflippender spanischer Kommentator im magischsten Moment der spanischen Fussballgeschichte, im Sommer 2010, eine Analogie zu einem der wichtigsten Werke der spanischen Literatur her und erinnerte sich somit der Wurzeln des Fussballers Andrés Iniesta. So einfach seine Herkunft, so aussergewöhnlich seine fussballerische Begabung. Seine Art, das Spiel aus dem Mittelfeld heraus zu lenken, ist einzigartig und gilt für nachkommende Generationen als Inspiration.

Seit Jahren führt Iniesta beim FC Barcelona Regie, ist er das Herz der spanischen Nationalmannschaft. Bloss zwei Tore erzielte der 32-Jährige in seiner langen Laufbahn an einer Endrunde – letztmals traf Iniesta im WM-Final 2010 gegen Holland in der 117. Minute, als er das fussballverrückte Spanien in Ekstase versetzte. «Alles bleibt stehen, da sind nur noch ich und der Ball. Es ist schwierig, die Stille zu hören. Aber in diesem Moment hörte ich die Stille. Und ich wusste, dass der Ball reingehen würde», schilderte Iniesta einst das Ereignis, das ihm in Spanien ein Denkmal für die Ewigkeit schuf. Selbst weniger fussballaffine Spanierinnen und Spanier erinnern sich an diesen Tag, diesen goldenen Treffer.

Überragender Leader beim 3:0-Sieg der Spanier gegen die Türkei: Andres Iniesta.

Überragender Leader beim 3:0-Sieg der Spanier gegen die Türkei: Andres Iniesta.

KEYSTONE/AP/CLAUDE PARIS

Und Spanien hat nicht vergessen, dass Iniesta noch immer auf den «Ballon d’Or» – die Auszeichnung zum Weltfussballer des Jahres – wartet. Immer stand Iniesta im Schatten der phänomenalen Goalgetter Messi und Ronaldo. Dies, obwohl Iniesta anders als andere Spielmacher nie unscheinbar blieb und in grossen Augenblicken für spielentscheidende Impulse sorgte. Metaphern wie jene, dass der Spanier über Füsse eines Violinisten verfüge, existieren zuhauf. Den Übernamen «La Croqueta» verdiente sich Iniesta mit seinen singulären Dribblings, bei denen er mit filigraner Technik den Ball in Windeseile vom rechten auf den linken Fuss schiebt, um so den Gegenspieler mit verblüffender Eleganz auszutanzen.

Spaniens Schockstarre beendet

Vielleicht gelingt es dem Ausnahmekönner, in der Fussballwelt an der diesjährigen EM die letzten Zweifel auszuräumen und zu beweisen, dass ihm im Herbst seiner Karriere der «Ballon d’Or» gebührt? Auf internationalem Parkett gehörte Iniesta in der Vorrunde einmal mehr zu den prägendsten Figuren. «La Croqueta» riss die «Roja» im Auftaktspiel gegen Tschechien aus einer Schockstarre, welche den Spaniern seit dem Scheitern in Brasilien angehaftet war. «Er verdient nicht nur einen Ballon d’Or, sondern zwei oder gar drei», adelte EM-Neuling Nolito den Denker in Spaniens Nationalelf nach der erlösenden Ouvertüre.

Gegen die Türkei folgte der endgültige Befreiungsschlag, die wahre «Furia Roja» zeigte sich, die besten Zeiten gehörten nicht mehr bloss der Vergangenheit an. Der fast schon abgeschriebene Titelverteidiger meldete sich zu Wort – der Kopf hinter der Galavorstellung war abermals Iniesta. Etwas ratlos stimmte dann allerdings das abschliessende Gruppenspiel gegen die mittlerweile ausgeschiedenen Kroaten. Iniesta blieb über weite Strecken blass, Spanien war lahmgelegt. Es wurde offensichtlich, inwiefern Del Bosques Spielstil vom omnipräsenten Iniesta abhängig ist. Und wieder wurde die Frage aufgeworfen, ob sich bei den Spaniern in einer glorreichen Dekade mit zwei Europa- und einem Weltmeistertitel nicht eine gewisse Titel-Sättigung bemerkbar macht.

Gegen Italien haben die Iberer seit 1994 kein Pflichtspiel mehr verloren. Und die Vorherrschaft wollen sich die Spanier im Mittelmeerduell nicht nehmen lassen. Nur ein Sieg gegen die konterstarken Italiener genügt den spanischen Ansprüchen.