Analyse
Die abstürzenden Hockey-Adler von Riga: Die Schweizer scheitern auf bittere Art und Weise an Deutschland

Im WM-Viertelfinal sehen die Schweizer lange wie die Sieger aus. Doch dann schlägt Deutschland in der letzten Minute gnadenlos zu. Eine Analyse.

Klaus Zaugg
Klaus Zaugg
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Marcel Noebels verlädt beim letzten Penalty den Schweizer Torhüter Leonardo Genoni.

Marcel Noebels verlädt beim letzten Penalty den Schweizer Torhüter Leonardo Genoni.

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Ist es möglich, besser zu spielen und doch zu verlieren? Natürlich nicht. Der Zweck des Spiels ist der Sieg und wer siegt, ist immer besser. Die ewige Wahrheit steht immer oben auf der Resultattafel: Deutschland – Schweiz 3:2 nach Penalties. Aber der Niederlage nach besserem Spiel sind die Schweizer in Riga im Viertelfinal so nahe gekommen wie vielleicht noch nie. Sie waren cool, gelassen, diszipliniert, schneller und härter als die Deutschen. Timo Meier war der härteste, Grégory Hofmann der schnellste Mann der Partie. Und Leonardo Genoni ein Titan. Und doch haben wir verloren. Eishockey ist, wenn am Ende Deutschland gewinnt. Wie im WM-Viertelfinal von 2010 (0:1). Wie im olympischen Achtelfinal von 2018 (1:2 n. V). Und nun ist es eine Penalty-Niederlage (2:3).

Warum? Was ist passiert? Wer Bosheit im Herzen trägt, sagt: es war Leichtsinn. Es war Hybris. Also Übermut oder Hochmut. Für Überschätzen der eigenen Möglichkeiten. So kann man es sehen und sagen: die Schweizer waren nach dem 2:0 leichtsinnig. Sie haben zu wenig entschlossen den dritten Treffer gesucht. Man weiss doch, dass es nicht möglich ist, einen Vorsprung zu verwalten und über die Zeit zu schaukeln. Oder? Und sie waren in der letzten Minute zu wenig entschlossen. Ihrer Sache zu sicher. Hochmut eben. Aber das ist eine ungerechte Beurteilung. Patrick Fischer und seine Jungs haben alles richtig gemacht. Wenn sich etwas nicht programmieren, kontrollieren lässt, ist es dieses unberechenbare Spiel auf einer rutschigen Unterlage.

Wegen der Laune der Hockeygötter abgestürzt

Wenn der Gegner den Torhüter vom Eis nimmt, alles auf eine Karte setzt, mit Leidenschaft und grimmiger Entschlossenheit ein Tor sucht – dann kann «es» passieren. Und um ein Klischee zu bemühen: wenn Deutsche im Sport alles auf eine Karte setzen, dann ist die Wahrscheinlichkeit noch höher, dass «es» passiert. 43 Sekunden vor Schluss fällt der Ausgleich zum 2:2.

Das spielerisch und taktisch beste WM-Team seit der Rückkehr auf die höchste WM-Stufe (1998) ist gescheitert. Am besten können wir dieses bittere Ausscheiden mit einem Beispiel aus dem Fussball erklären: erinnern Sie sich an die Fussball-WM 1982? An die brillanten, leichtfüssigen Brasilianer, die durch die Gruppenphase tanzten? An das vielleicht spielerisch beste WM-Team der Geschichte? Und dann scheiterten sie im Viertelfinal an der Effizienz der Italiener (2:3). Ein Kritiker nannte die Südamerikaner «abstürzende Vögelchen».

Enttäuschte Gesicher bei den Schweizern.

Enttäuschte Gesicher bei den Schweizern.

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Die Schweizer waren in Riga nicht «abstürzende Vögelchen». Sie waren «abstürzende Adler». Dieses Scheitern ist ganz einfach einer Laune der Hockey-Götter geschuldet. Kritik an Patrick Fischer oder einem einzigen seiner Spieler wäre hinterlistig. Wer es einfach nicht lassen kann, kritisch zu sein, kann geradeso gut behaupten, wir hätten gewonnen, wenn Patrick Fischer seine Rock-Star-Frisur zu einem Pferdeschwanz gebändigt hätte. Das wäre fachlich ungefähr gleich fundiert wie jede Kritik an der Taktik oder am Auftreten seiner Spieler.

Es ist ein Scheitern, das weh tut. Aber es ist ein Scheitern, das keine Konsequenzen nach sich zieht. Wir müssen nichts ändern. Wir brauchen nur ein bisschen mehr Glück. Als Trostpreis für das frühe Scheitern bleibt uns die Ehre, nun die Dramakönige des Welteishockeys zu sein. Mit Patrick Fischer verloren wir im olympischen Achtelfinale 2018 gegen Deutschland in der Verlängerung (1:2). Bei der WM 2018 den Final gegen Schweden nach Penalties (2:3) und ein Jahr später fehlten uns zum Sieg im Viertelfinal gegen Kanada 0,4 Sekunden und wir verloren in der Verlängerung. Und nun im Viertelfinal 2021 erneut eine Penalty-Niederlage. Nur grosse Mannschaften scheitern so dramatisch. Ein grosses Schweizer WM-Team ist dramatisch gescheitert.