Analyse
Xherdan Shaqiri: Trotz weniger Lohn wäre ein Wechsel zu Lyon ein Gewinn

Der Schweizer Nationalspieler, seit drei Jahren beim FC Liverpool unter Vertrag, ist sich mit den Franzosen über einen Wechsel einig. Trotzdem ist der Transfer noch nicht fix.

François Schmid-Bechtel
François Schmid-Bechtel
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Wenn es nach Xherdan Shaqiri ginge, jubelt er schon bald im Dress von Olympique Marseille.

Wenn es nach Xherdan Shaqiri ginge, jubelt er schon bald im Dress von Olympique Marseille.

Ozan Kose / Pool / EPA

Xherdan Shaqiri ist bereit, auf Geld zu verzichten. Gewiss, er kann auch mit dem Gehalt, das ihm Olympique Lyon bietet, kolossal leben. 350 000 Euro pro Monat sind kein Pappenstiel. Aber doch etwa eine Million im Jahr weniger als das, was er in Liverpool verdient. Egal: Shaqiri und Lyon sollen sich zu den genannten Konditionen auf einen Dreijahresvertrag geeinigt haben. Aber noch fehlt die Vollzugsmeldung. Der Grund: Lyon bietet noch nicht die von den Engländern gewünschte Transfersumme.

Gleichwohl ist es möglich, dass sich die beiden Parteien arrangieren werden. Auch wenn aus EU-Staaten die Klage zu hören ist, die englischen Klubs würden zu hohe Ablösesummen für ihre abwanderungswilligen Spieler fordern. Vielleicht verhält es sich auch andersrum, erwarten die Klubs in Italien, Frankreich, Deutschland oder Spanien einen solidarischen Akt der superreichen Premier-League-Unternehmen. Nach dem Motto: Euch geht’s so gut, uns so schlecht, kommt uns doch mal entgegen.

Shaqiri braucht kein Geld, sondern Spielrhythmus

Zurück zu Shaqiri. Es mag Leute erstaunen, dass er bereit ist, auf Geld zu verzichten. Schliesslich wird ihm nachgesagt, die Karriere eher geldgetrieben und weniger nach sportlichen Aspekten geplant zu haben. Aber dass er jetzt, kurz bevor er 30 wird, den Abgang forciert, zeugt von einem Reifeprozess. Denn längst hat Shaqiri realisiert, dass ihm in Liverpool fehlt, was ihm am wichtigsten ist: Die Möglichkeit, seinen Spieltrieb auszuleben.

Drei Jahre sind vergangen, seit der deutsche Trainer Jürgen Klopp den Schweizer Offensivkünstler von Stoke City verpflichtete. 14,7 Millionen Euro betrug die Ablösesumme – da wirkt das erste Angebot von Lyon (4 Millionen) in der Tat etwas mickrig. Aber, Shaqiri hatte ja auch kaum Gelegenheit, in Liverpool seinen Marktwert zu steigern – im Gegenteil. Vorletzte Saison waren es 181, letzte Saison auch nur 551 Premier-League-Minuten.

Ein Bild mit Seltenheitscharakter: Xherdan Shaqiri wird von Liverpool-Trainer Jürgen Klopp ausgewechselt und umarmt.

Ein Bild mit Seltenheitscharakter: Xherdan Shaqiri wird von Liverpool-Trainer Jürgen Klopp ausgewechselt und umarmt.

Rui Vieira / AP

Klar, da waren immer auch wieder hartnäckige Verletzungen. Aber das ist wie mit der Frage nach dem Huhn und dem Ei. Ist Shaqiri so häufig verletzt, weil ihm der Spielrhythmus fehlt? Oder spielt er so selten, weil er verletzungsanfällig ist? Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Jedenfalls war er fit genug, in allen fünf EM-Partien für die Schweiz in der Startformation zu stehen. Er war nicht immer brillant. Aber doch unverzichtbar. Zumindest in drei Spielen. Hätte er im Klub mehr Praxis bekommen, wäre er in der Nati noch dominanter aufgetreten – garantiert.

Champions-League-Sieger sind eine Nummer zu gross für Shaqiri

Liverpool braucht Shaqiri definitiv nicht. Wahrscheinlich braucht ihn kein Klub, der die Champions League gewinnen kann. Da wird die Luft für Shaqiri zu dünn. Aber eine Stufe darunter, da kann er das sein, was seinem Selbstverständnis aber auch seinen Fähigkeiten entspricht: Ein wichtiger Spieler, einer für die grossen Momente.

Lyon gehört definitiv in diese Kategorie. Fast immer vorne dabei, wenn auch nicht mehr ganz vorne wie im vorletzten Jahrzehnt, als Olympique zwischen 2002 und 2008 jede Meisterschaft gewann. Aber mit Lyon (letzte Saison Platz 4) sind Europacup-Teilnahmen ziemlich sicher. Das war bei Shaqiris vorletzter Station, Stoke City, nicht der Fall.

Mit Memphis Depay verliert Lyon seinen besten Spieler

Lyon aber verliert mit Memphis Depay (zu Barcelona) seinen wichtigsten Spieler. Für Shaqiri ist das Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil Lyon viel Substanz abgeht und Shaqiri mit dem Holländer wohl ein Spektakelduo gebildet hätte. Segen, weil in Lyon nun die Dringlichkeit besteht, einen Schillerfalter zu verpflichten. Davon gibt’s nicht viele. Shaqiri ist einer von ihnen. Was die Bereitschaft, finanziell ans Limit zu gehen, wohl erhöht.

Aber auch ohne Depay gibt es im Team von Trainer Peter Bosz (ex Leverkusen) einige interessante Spieler. Der portugiesische Nationalgoalie Anthony Lopes, der belgische Nationalverteidiger Jason Denayer, der Regisseur Bruno Guimaraes, mit Brasilien eben Olympiasieger geworden ist oder das Mittelfeldjuwel Housem Aouar, das letztes Jahr im französischen Nationalteam debütierte. Und vielleicht verpflichtet Lyon noch den iranischen Stürmer Sardar Azmoun, der in zwei Jahren in St. Petersburg beeindruckende 46 Tore erzielte.

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