Australian Open
Stan Wawrinka ist ein Opfer seiner Genügsamkeit

Erst holt Stan Wawrinka in der zweiten Runde der Australian Open einen 0:2-Satzrückstand auf, dann vergibt er drei Matchbälle und unterliegt dem Ungar Marton Fucsovics. Bezeichnend. Die Analyse.

Simon Häring
Simon Häring
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Endstation zweite Runde für Stan Wawrinka bei den Australian Open.

Endstation zweite Runde für Stan Wawrinka bei den Australian Open.

Jason O'brien / EPA

Stan Wawrinka bezeichnete sich einmal als den Schweizer, der verliert. Dann, 2014 bei den Australian Open, wurde er zum Sieger. Und das in einer Zeit, in der es im Tennis neben Novak Djokovic, Rafael Nadal, Roger Federer und Andy Murray keinen Platz mehr für weitere Sieger gab. Wie hat der Romand das geschafft? Mit Verbissenheit, Ehrgeiz, vor allem aber mit Beharrlichkeit. In drei Jahren gewann er mit den Australian Open, den French Open und den US Open drei verschiedene Grand-Slam-Turniere. «Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.» Nichts verkörpert den Romand und seine Karriere besser als diese Zeilen von Samuel Beckett, die er sich auf den linken Unterarm hat stechen lassen.

«Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuche es weiter. Scheitere wieder. Scheitere besser», steht auf Wawrinkas linkem Unterarm.

«Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuche es weiter. Scheitere wieder. Scheitere besser», steht auf Wawrinkas linkem Unterarm.

Keystone

Drei Grand-Slam-Siege in drei Jahren als Massstab

Dann kamen zwei schwere Operationen am Knie. Dass er heute wieder auf diesem Niveau Tennis spielt, ist mehr als beachtlich. Es ist bereits ein Erfolg. Zwischenzeitlich war Wawrinka in der Weltrangliste auf Position 263 abgerutscht. Das erste Jahr nach dem Eingriff beendete er im 66. Rang, das zweite auf Position 15, das letzte auf Rang 16. Doch seither verfolgt ihn auch der Verdacht, dass noch immer mehr möglich wäre. Weil Wawrinka an einem Tag, an dem er sein Potenzial abruft, der beste Tennisspieler der Welt ist. Er hat es mehrfach bewiesen: Bei allen seinen Grand-Slam-Siegen zerlegte er im Final die aktuelle Nummer 1 nach allen Regeln der Kunst.

Was hat sich seither verändert? An der Fitness kann es sicher nicht liegen. Wawrinka gehört noch immer zu den besten Athleten im Tennis-Zirkus. Auch nicht an seinem Spiel: zieht er seine Rückhand durch, geht noch immer ein Raunen durch die Zuschauer. Also liegt der Schluss nahe, dass das Problem dort liegt, wo enge Spiele im Tennis entschieden werden: im Kopf. Fast nur so ist zu erklären, dass Wawrinkagegen den Ungar Marton Fucsvovics (ATP 55) verlor. Erst machte er einen 0:2-Satzrückstand wett, dann führte er im Matchtiebreak 6:1 und vergab beim Stand von 9:6 drei Matchbälle. Das mag zuweilen Pech sein, ist aber gleichwohl bezeichnend.

Wawrinka unterliegt dem Ungar Fucsovics nach fünf Sätzen.

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Nach 3:59 Stunden Spielzeit und einem 5:7, 1:6, 6:4, 6:2, 6:7 (9:11) verliess Wawrinka den Platz als Verlierer. Sein erstes Résumé: «Ich fand nicht mein bestes Niveau, aber ich kämpfte und hatte einige Chancen, die Partie zu gewinnen. Ich spielte wohl etwas zu zögerlich bei meinen Matchbällen.» Er habe sich gut bewegt, aber das hatte er erwartet. Es sei eine gute Reise gewesen, er habe viel trainiert und sein Niveau steigern können, nachdem er über Weihnachten in der Schweiz an Covid-19 erkrankt war. Mit den vier Wochen in Australien sei er deshalb zufrieden. Vielleicht hat ihn die Erkrankung letztlich den Sieg gekostet, das gilt es anzuerkennen.

Nur leises Bedauern, dafür Genügsamkeit

Doch in Wawrinkas Worten schwingt eben auch etwas anderes mit: Nur ein leises Bedauern, in dem sich eine gewisse Genügsamkeit manifestiert, die schon seit längerer Zeit auszumachen ist. Der Erfolgshunger scheint gestillt. Als glaube Wawrinka, sich selbst und der Welt bewiesen zu haben, dass er den Anschluss an die Weltbesten wieder geschafft hat. Das führt auch zu einer gewissen Abgestumpftheit. Es fehlt der Ärger. Es fehlt die Selbstkritik. Es fehlt das Bekenntnis, einer der Besten sein zu wollen. Man vermisst nicht den Glauben daran, aber den unbedingten Willen, noch einmal ein grosses Turnier zu gewinnen. Doch genau das sollte sein Ziel sein. Nicht, weil er es jemandem beweisen muss. Sondern weil er es kann.

Wawrinka gewann die Australian Open, die French Open und die US Open. Es ist der Massstab, an dem er sich messen lassen muss.

Wawrinka gewann die Australian Open, die French Open und die US Open. Es ist der Massstab, an dem er sich messen lassen muss.

Keystone / CH Media

Nichts zeigt das besser als ein Vorfall im Herbst 2019. Damals war er in Basel gefragt worden, was ihm noch fehle, um wieder ein Grand-Slam-Turnier gewinnen zu können. Der Romand empfand die Erwartungen als anmassend, in der Schweiz sei man viel zu verwöhnt. Und er sagte: «Ich finde, ich habe das Beste aus meiner Karriere herausgeholt.» Dem ist nicht zu widersprechen. Niemand erwartet von ihm, dass er noch einmal ein Grand-Slam-Turnier gewinnt, weil offensichtlich ist, wie schwierig das ist.

Doch Wawrinka wird sich immer an jenen Worten messen lassen müssen, die er sich unter die Haut hat stechen lassen: «Immer versucht, immer gescheitert. Egal. Versuch es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.» Und weil man derzeit den Verdacht nicht loswird, dass Wawrinka es zwar immer wieder versucht, aber nicht unbedingt besser scheitert.



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