Analyse
Lara Gut-Behrami fährt so stark wie lange nicht – das ist kein Zufall und freut nicht alle

Drei Super-G-Siege in Folge und schon sechsmal in diesem Winter auf dem Podest: Lara Gut-Behrami ist kurz vor der WM in Topform. Nach schwierigen Jahren ist es eine eindrückliche Rückkehr zu alter Stärke. Wie ist das möglich?

Martin Probst
Martin Probst
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Lara Gut-Behrami fährt derzeit so erfolgreich wie seit langem nicht mehr.

Lara Gut-Behrami fährt derzeit so erfolgreich wie seit langem nicht mehr.

Giovanni Auletta/AP

Es ist keine einfache Zeit für alle, die Lara Gut-Behrami nicht mögen. Und davon gibt es einige. Lange durften sie sich zynisch darüber freuen, dass aus der Tessinerin eine Athletin wurde, die nicht mehr alles so spielerisch leicht erreicht. Und so mancher Kritiker schrieb sie bereits spöttisch ab – und irrte sich.

Drei Super-G-Siege in Folge und insgesamt schon sechs Podestplätze in diesem Winter: Gut-Behrami fährt so stark wie seit vier Jahren nicht mehr. Es ist eine beeindrucke Rückkehr zu alter Stärke. Und das Resultat einer abgeschlossenen Phase der Selbstfindung. Nur eines ist es nicht: Zufall.

Aber was ist passiert? Um das zu beantworten, muss man zurückschauen. Auf das Verhältnis zwischen ihr und ihren Mitmenschen. Natürlich gibt es Gründe, warum Gut-Behrami nie zum Liebling der Massen wurde. Sie eckt immer wieder an. Auch die Arbeit mit ihr ist zuweilen nicht leicht. Und noch heute ist sie ihren Teamkolleginnen manchmal fremd. Aber die Integration war nie das Hauptziel der 29-Jährigen.

Gut-Behrami ist der Prototyp einer Einzelsportlerin. Sie möchte immer die besten Bedingungen für sich selbst und stellt entsprechende Forderungen. Sie scheut dabei weder die Konfrontation mit ihren Vorgesetzten bei Swiss-Ski noch den Ärger, der ihre Vorgehensweise auslöst. Aber spurlos ging es nie an ihr vorbei. Sie litt unter dem Ruf, den sie in der Öffentlichkeit hatte.

Keine Frage, die Tessinerin hat Fehler gemacht, hat Aussagen getätigt, die nicht klug waren. Aber man darf nicht vergessen: Sie wurde quasi öffentlich erwachsen. Alles, was sie sagte, wurde sofort interpretiert und manchmal falsch ausgelegt. Und dann – neben all diesen Konflikten – waren da gleichzeitig riesige Erwartungen. Sie war bei den Frauen lange die Schweizerin, die liefern musste. Und gleichzeitig war sie die Athletin, die öffentlich am schärfsten kritisiert wurde.

Das alles wurde Gut-Behrami 2017 zu viel. Ein Jahr zuvor hatte sie als erste Schweizerin seit Vreni Schneider den Gesamtweltcup gewonnen, und auch in jenem Winter startete sie erfolgreich. Bis zur Heim-WM in St.Moritz stand sie im Weltcup neunmal auf dem Podest. Es schien klar, dass sie dort, wo ihr Aufstieg mit 16 Jahren so märchenhaft begann, Weltmeisterin würde. Zum ersten Mal überhaupt.

Doch im letzten Rennen vor der WM stürzte Gut-Behrami. Angeschlagen gewann sie im Super-G als Topfavoriten nur Bronze. Die Enttäuschung bei ihren Fans war gross. Die Schadenfreude bei allen, die sie nicht mögen, noch grösser. Ihr Körper zog die Notbremse: Kreuzbandriss und Meniskusverletzung. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich frei. All die Last war plötzlich weg.

Der Weg zurück aber war lang. Erst jetzt, nach drei Saisons, in denen vieles nicht passte, ist Gut-Behrami so stark wie vor der Verletzung. Wieder steht die WM unmittelbar bevor. Wieder wird sie im Super-G die Topfavoritin sein. Doch dieses Mal ist es anders. Sie ist reifer geworden. Sie wurde nicht gebrochen, sondern stärker.

Gut-Behrami sagt wieder das, was sie denkt. Sie ist zufrieden, wie sie ist, und mental so stark wie nie. Und vor allem hat sie es allen gezeigt. Denn Gründe hinzuschmeissen gab es. Sie hat geheiratet und gemerkt, dass es anderes gibt als den Skisport. Doch sie fährt nach wie vor zu gerne. Sie blieb dran und ertrug die Häme und die Lacher. Nun wird sie belohnt. Mit weiteren Siegen. Viele freut es. Viele wird es ärgern. Das ändert sich nicht. Aber sie erträgt es längst sehr gut.

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